Fast 40 Jahre nach Tschernobyl sorgen winzige radioaktive Partikel erneut für Alarm – mit Erkenntnissen, die Forscher selbst überrascht haben.
Fast vier Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl liefert eine neue Studie beunruhigende Erkenntnisse: Winzige radioaktive Partikel, die beim Unfall im Jahr 1986 freigesetzt wurden, haben ihre ursprüngliche Struktur bis heute kaum verändert – und könnten damit noch auf lange Sicht eine Quelle radioaktiver Strahlung bleiben.
Radioaktive Partikel
Wissenschaftler untersuchten mikroskopisch kleine Fragmente von Kernbrennstoff, die beim Reaktorunfall in die Umgebung gelangten. Diese sogenannten heißen Partikel weisen Durchmesser zwischen acht und 50 Mikrometern auf – also Dimensionen, die mit bloßem Auge nicht mehr wahrnehmbar sind. Mithilfe von Röntgenbeugungsexperimenten analysierten die Forscher die innere Struktur von sechs solcher Partikel, die an zwei verschiedenen Standorten innerhalb der Tschernobyl-Sperrzone entnommen worden waren.
Das Ergebnis überraschte die Fachwelt: Entgegen den Erwartungen zeigten einige der Fragmente nach fast vierzig Jahren kaum Anzeichen struktureller Veränderung. Studienautor Tobias Weissenborn unterscheidet dabei drei grundlegende Typen: Partikel, die chemisch dem Kernbrennstoff Urandioxid ähneln, solche, die teilweise oder vollständig mit einer Zirkoniumschicht überzogen sind, sowie Fragmente, die beim Brand des Graphitmoderators entstanden.
„Es gibt drei Gruppen dieser Partikel“, erklärt Weissenborn – und ergänzt, dass die Unterschiede innerhalb dieser Kategorien beträchtlich sind: „Jede einzelne Partikel hat eine andere Struktur.“
Langzeitrisiken unklar
Genau diese Vielfalt macht eine verlässliche Einschätzung der Langzeitrisiken so schwierig. Im Fachjournal „Journal of Hazardous Materials“ halten die Autoren fest, dass die erhaltene Struktur der Tschernobyl-Partikel darauf hindeutet, dass sie noch für lange Zeit als Quellen radioaktiver Materialien wirken werden.
Die Forscher mahnen jedoch zur Vorsicht bei weitreichenden Schlussfolgerungen: Die Untersuchung basiert auf einer vergleichsweise kleinen Stichprobe, und umfassendere Studien seien notwendig, um gesicherte Aussagen über das Ausmaß der ökologischen und gesundheitlichen Folgen treffen zu können.