Jahrzehnte nach dem Bosnienkrieg fahnden US-Ermittler nach mutmaßlichen Tätern und die Spur führt mitten in die USA.
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende des Bosnienkriegs sind amerikanische Ermittler in der nordbosnischen Stadt Derventa aktiv. Sie befragen ehemalige bosnisch-serbische Gefangene zu Misshandlungen in Lagern, die 1992 unter der Kontrolle kroatischer und bosniakischer Einheiten standen. Im Zentrum der Untersuchungen stehen das Lager Rabic sowie das damalige Dom JNA (ehemaliges Gebäude der Jugoslawischen Volksarmee).
Laut dem örtlichen Verband ehemaliger Lagerinsassen befragen fünf US-Ermittler in den Räumlichkeiten des Bezirksgerichts Derventa insgesamt acht Überlebende. Die Gespräche werden unter Mitwirkung der bosnischen Ermittlungs- und Schutzbehörde SIPA geführt. In den genannten Lagern waren vorwiegend serbische Zivilisten aus Derventa und dem Umland inhaftiert.
Aus Gerichtsakten geht hervor, dass die Gefangenen geschlagen, gefoltert, erniedrigt und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten wurden. Auch ein serbischer Kriegsgefangener zählte zu den Betroffenen. Die Haftstätten wurden damals von kroatischen und bosniakischen Formationen eingerichtet und betrieben.
Offizielle Gerichtsdokumente benennen vor allem Angehörige des Kroatischen Verteidigungsrats HVO sowie in Teilen der Kroatischen Armee als Verantwortliche. Unter den Beteiligten befanden sich sowohl bosnische Kroaten als auch Bosniaken, die in diesen Verbänden dienten. Die strafrechtliche Verantwortung liegt dabei ausschließlich bei jenen Einzelpersonen, die an den Misshandlungen oder Tötungen unmittelbar beteiligt waren.
Verdächtige in den USA
Nach Auskunft des Verbands ehemaliger Lagerinsassen gilt das Interesse der US-Ermittler mehreren Personen, die nach Kriegsende in die Vereinigten Staaten emigriert sein sollen. Der Verdacht besteht, dass einige von ihnen bei Einreise-, Aufenthalts- oder Einbürgerungsverfahren falsche Angaben zu ihrer Identität oder ihrer Rolle im Krieg gemacht haben könnten. Ehemaligen Gefangenen zufolge handelt es sich um frühere Angehörige jener kroatischen und bosniakischen Einheiten, die 1992 in Derventa eingesetzt waren.
Die Befragten schilderten, die amerikanischen Ermittler hätten sehr gezielt nach mutmaßlichen Tätern gefragt – nach deren Erscheinungsbild, Kleidung und konkreten Handlungen. Die Namen der betreffenden Personen wollten die Zeugen mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht öffentlich nennen. Mehrere ehemalige Gefangene berichteten von täglichen Schlägen, psychischer Folter und schweren körperlichen Verletzungen.
Der frühere Lagerinsasse Ostoja Sarcevic erklärte, er habe während seiner 55-tägigen Gefangenschaft mehr als 30 Kilogramm Körpergewicht verloren. Nach seinen Angaben wurden ihm Rippen gebrochen und die Wirbelsäule verletzt. Drago Knezevic, Präsident des Verbands ehemaliger Lagerinsassen in Derventa, schilderte, ein Bewacher habe ihm eine Pistole anvertraut und ihn aufgefordert, sich selbst zu erschießen – die Waffe sei jedoch nicht geladen gewesen.
Frühere Auslieferungen
Amerikanische Behörden waren bereits in früheren Jahren in Verfahren zu den Verbrechen in Derventa eingebunden. Azra Basic wurde 2011 im US-Bundesstaat Kentucky festgenommen und anschließend nach Bosnien und Herzegowina ausgeliefert. Basic war zunächst Angehörige der 305. Brigade der Kroatischen Armee und später der 103. Brigade des HVO. Sie wurde rechtskräftig zu 14 Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen der Tötung eines serbischen Zivilisten und der unmenschlichen Behandlung weiterer serbischer Gefangener im Dom JNA.
Auch Almaz Nezirovic wurde aus den USA ausgeliefert. Laut amerikanischen Gerichtsunterlagen ist Nezirovic Bosniake und war als Angehöriger des HVO Wachmann im Lager Rabic. Er wurde wegen Folter und unmenschlicher Behandlung serbischer Zivilisten rechtskräftig zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Neben der Aufarbeitung mutmaßlicher Kriegsverbrechen könnten auch falsche Angaben in amerikanischen Einwanderungs- oder Einbürgerungsverfahren Gegenstand der Untersuchungen sein. Ob die nun gesammelten Aussagen zu Strafverfahren, Auslieferungen, Abschiebungen oder zur Aberkennung der amerikanischen Staatsbürgerschaft führen werden, ist derzeit offen.
Für alle untersuchten Personen gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.