Zwei jesidische Kinder, jahrelange Versklavung, unvorstellbare Gewalt – jetzt hat ein deutsches Gericht ein historisches Urteil gesprochen.
Das Oberlandesgericht München den Mann zu lebenslanger Haft, die Frau zu 9 Jahren und 6 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die beiden jesidischen Mädchen, die in ihre Gewalt geraten waren, zählten damals fünf beziehungsweise zwölf Jahre. Über Jahre hinweg wurden sie als Sklavinnen gehalten, misshandelt und sexueller Gewalt ausgesetzt.
Die Kinder gehörten der religiösen Minderheit der Jesiden an, gegen die der IS ab 2014 einen systematischen Völkermord verübte. Nach offiziellen Angaben wurden dabei etwa 5.000 Jesiden getötet und über 7.000, vor allem Frauen und Kinder, verschleppt und versklavt. Nach Überzeugung von Bundesanwaltschaft und Gericht hielten sich Twana H. S. und Asia R. A. zwischen 2015 und 2017 im Herrschaftsgebiet der Terrormiliz im Irak und in Syrien auf.
Systematische Gewalt
Die Opfer wurden zur Haushaltsführung und zu körperlicher Arbeit gezwungen und nach der Ideologie der Terrororganisation indoktriniert. Den Feststellungen der Anklage zufolge soll Twana H. S. beide Mädchen mehrfach vergewaltigt haben, während seine Ehefrau die Übergriffe aktiv unterstützt haben soll – etwa indem sie ein Zimmer vorbereitete und eines der Mädchen schminkte, bevor es zu den Taten kam. Auch abseits der sexuellen Gewalt waren die Kinder dem Terror des Paares schutzlos ausgeliefert: Der Mann soll das ältere Mädchen unter anderem mit einem Besenstiel geschlagen haben, die Frau verbrühte nach Angaben der Bundesanwaltschaft die Hand der jüngeren Gefangenen mit heißem Wasser.
Beide Mädchen wurden zudem wiederholt dazu gezwungen, zur Strafe längere Zeit auf einem Bein zu stehen. Als der Islamische Staat Ende 2017 zunehmend Gebiete verlor und militärisch zurückgedrängt wurde, flohen die Angeklagten aus Syrien – ohne die Mädchen freizulassen. Stattdessen wurden diese nach den Ergebnissen der Ermittlungen an andere IS-Mitglieder übergeben.
Festnahme in Deutschland
Erst Jahre später gelang es den Behörden, die mutmaßlichen Täter in Deutschland zu fassen: Im April 2024 nahmen Ermittler die Frau in Regensburg und den Mann im Landkreis Roth in Mittelfranken fest. Asia R. (29) war ebenfalls wegen Völkermordes und Versklavung angeklagt. Ihr Verteidiger Shervin Ameri behauptet: „Sie ist zwangsverheiratet worden, hatte mit dem IS nie etwas zu tun.“ Die Bundesanwaltschaft erhob Anklage wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nach einem rund eineinhalb Jahre dauernden Verfahren folgte das Oberlandesgericht München der Anklage in den wesentlichen Punkten.