Wenn die junge Elite das Land verlässt: Serbien

BRAIN-DRAIN

Wenn die junge Elite das Land verlässt: Serbien

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Auswanderungen Serbien
Auswanderungen Serbien (FOTO: iStock)

BRAIN_DRAIN. Dass immer größere Anzahl an jungen Menschen ihre Heimatländer – Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien – verlassen, ist kein unbekanntes Phänomen. Die Gründe dafür sind genauso jedem Menschen bekannt.Dennoch interessierte uns, was sich alles hinter diesem Phänomen steckt und, ob ein höheres Lebensstandard wirklich der Hauptgrund für die Emigration junger Menschen aus Balkan darstellt. Um diese Fragen beantworten zu können, sprachen wir mit prof. dr Vladimir Grečić, dem Ökonom und Universitätsprofesor in Belgrad, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt. Im Laufe seiner Karriere hatte er mehrere Studien und wissenschaftliche Arbeiten auf diesem Gebiet publiziert.

KOSMO: Aus welchen Gebieten Serbiens wandern die meisten jungen Menschen ab? Haben Sie darüber Erkenntnisse?

Prof. dr. Vladimir Grečić: Die letzte Volkszählung in Serbien hat gezeigt, dass im Zeitraum von 2002 bis 2011 aus der Vojvodina weniger Menschen ins Ausland abwanderten als in früheren Jahren, aber aus dem zentralen und östlichen Teil Serbiens, vor allem aus den Gemeinden der Kreise Braničevo, Pomoravlje, Podunavlje und Bor, dafür mehr. Der bekannte Demograph Goran Penev hat berechnet, dass in diesem Zeitraum jeder vierte Auswanderer aus Serbien aus diesem Gebiet stammte. Wenn es um die Emigration von Fachkräften und Akademikern, also um den sogenannten Brain-Drain, geht, da liegt Belgrad an der Spitze, da der Anteil derer, die ausgewandert sind und eine höhere oder hohe Ausbildung hatten, 2002 30 % betragen hat und 2011 45 %. Der Anteil der Hochgebildeten an den Wanderbewegungen hat auch in den übrigen Teilen Serbiens zugenommen, aber auf viel geringerem Niveau als in der Hauptstadt (zwischen 6 % und 12 %). Personen, die abwandern, gehen überwiegend in Regionen, in denen es bereits Migrantengemeinschaften aus Serbien gibt. Für die Hochgebildeten sind das vor allem Kanada und die USA. Wenn es um Migration in europäische Länder geht, so zieht es die Migranten aus Serbien vor allem nach Deutschland und Österreich.

„Wenn es um die Emigration von Fachkräften und Akademikern, also um den sogenannten Brain-Drain, geht, da liegt Belgrad an der Spitze.“

In welchem Lebensalter verlassen die Menschen ihre Heimat am ehesten und sind das vorwiegend verheiratete Menschen oder Alleinstehende?

Die bisherigen Untersuchungen in Serbien haben gezeigt, dass das Migrationspotential unter jungen Menschen bis 30 Jahre am höchsten ist, die stärkste Migrantengruppe ist jedoch zwischen 25 und 34 Jahre alt. Hier sollen einige sehr aktuelle Daten über die Altersstruktur der serbischen Migranten in Deutschland und den USA dargestellt werden, obwohl die statistischen Erfassungsmethoden in diesen Ländern ganz unterschiedlich sind. Es ist bekannt, dass diese Staaten die größte Zahl der serbischen Migranten anziehen. Deutschland liegt bei der Gesamtzahl vorne und die USA haben die größte Zahl an Fachkräften und besonders talentierten Menschen. Im Fiskaljahr 2017 betrug die Zahl der Personen aus Serbien, die einen legalen Daueraufenthalt in den USA erhielten, 1.410 (im Verhältnis zu 1.351 2016 und 1.278 2015), von denen 855 ihren Migrationsstatus neu regelten (d.h. bereits seit Längerem in den USA lebten), während 555 neu einreisten. Weil weder ihr Ausbildungs- und Fachprofil noch auch ihr Lebensalter bekannt ist, wird hier einfach das Profil derer herangezogen, die 2016 einen permanenten Rechtsstatuts erhielten. Dieses Profil hat sich 2017 wahrscheinlich nicht sehr verändert. Im Fiskaljahr 2016 betrug die Zahl der in Serbien geborenen Personen, die einen permanenten legalen Aufenthaltsstatus in den USA erhielten, 1.351 (58,4 % haben ihren Status neu geregelt und 41,6 % sind neu angekommen). Von dieser Gesamtzahl waren 54,3 % im Alter bis 34 Jahre (43,1 % allein im Alter zwischen 25 und 34 Jahren). Was den Familienstand angeht, so waren 73 % von ihnen verheiratet.

Welche Faktoren haben am stärksten auf die Abwanderung von Serben aus Serbien eingewirkt?

Die Entscheidung, abzuwandern oder im Land zu bleiben, ist meistens sehr schwer und gründet sich auf eine Reihe von entscheidenden Faktoren. Da ist die Wahl zwischen dem, was der einzelne besitzt, und dem, was alternativ in einem anderen Land erwartet. Natürlich gibt es fast immer Faktoren, die den einzelnen „drängen“, seinen Platz unter der Sonne anderswo zu suchen (Push-Faktoren), und diejenigen, die ihn locken, sich gerade für ein bestimmtes Ziel zu entscheiden (Pull-Faktoren), aber es gibt auch Beschränkungen, Restriktionen, Selektionen und ähnliches, die von der Immigrationspolitik gefärbt sind. So ist es nicht immer möglich, eine Migrationsabsicht genau im gewünschten Rahmen zu verwirklichen. Die Entscheidung zur Emigration, die sich auf eine Gewinn-Verlust-Rechnung stützt, trifft normalerweise der einzelne, der zukünftige Migrant oder die Familie, die ebenfalls darin einbezogen ist. Im Falle Serbiens sind die Push-Faktoren stärker als die Pull-Faktoren. Der wichtigste Push-Faktor ist der Mangel an Arbeit und Einkommensquellen, aber auch den Wohnungsmangel sollte man vor allem in urbanen Gegenden nicht unterschätzen. Im Übrigen ist die Grundmotivation der Jungen, dass sie ins Ausland gehen wollen, vor allem die Suche nach einer passenden Arbeit, besseren Arbeitsbedingungen, besseren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten und einer höheren Lebensqualität im Alltag.

„Es gibt  immer Faktoren, die den einzelnen „drängen“, seinen Platz unter der Sonne anderswo zu suchen (Push-Faktoren), und diejenigen, die ihn locken, sich gerade für ein bestimmtes Ziel zu entscheiden (Pull-Faktoren). Im Falle Serbiens sind die Push-Faktoren stärker als die Pull-Faktoren.“

Wie unterscheidet sich die Abwanderung von Serben in den 60-er und 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den heutigen Wanderbewegungen in Länder wie Österreich oder Deutschland?

Mitte der 1960-er Jahre hob Jugoslawien die Emigrationsbeschränkungen auf und die Zahl der Emigranten begann schnell zu wachsen. Die meisten fanden in Westdeutschland, der Schweiz und Österreich Arbeit. Bis in die frühen 1970-er Jahre war Jugoslawien der Staat mit der fast höchsten Auswanderungsrate in Europa. 1973 lebten und arbeiteten fast 1,1 Millionen Arbeiter und ihre abhängigen Familienmitglieder außerhalb Jugoslawiens; fast 900.000 von ihnen lebten in Westeuropa. Nach der Ölkrise 1973 reduzierte sich die Abwanderung aus Serbien auf ein Minimum. Beschränkungen für Gastarbeiter in Welteuropa führten 1973 und 1974 zu einer Reduktion der Emigration von Jugoslawien, und hinzu kam auch die Rückkehr eines Teils der Gastarbeiter in ihre Herkunftsländer. 1985 arbeiteten ca. 600.000 Jugoslawen im Ausland, gemeinsam mit ca. 400.000 abhängigen Familienmitgliedern.

„Bis in die frühen 1970-er Jahre war Jugoslawien der Staat mit der fast höchsten Auswanderungsrate in Europa.“

Der Ausdruck „Fahrt zur vorübergehenden Arbeit“ oder „gastierende Arbeiter“ im Ausland, damals als „Gastarbajteri“ bekannt, wurde nicht in Jugoslawien erfunden, sondern von den westeuropäischen Ländern lanciert. Bis zum Beginn der Ölkrise 1973 war es das Migrationsmodell der Länder Westeuropas, dass die ausländischen Arbeitskräfte für drei, vier Jahre engagiert wurden und dann in ihr Heimatland zurückkehrten, damit andere kommen konnten. Allerdings änderte sich dieses Modell ab 1973. Ein Teil der Migranten ging in die Heimatländer zurück und für die, die blieben und weiterarbeiteten, entstand die Möglichkeit zur Integration in die Gesellschaft ihres Aufenthaltslandes. Es wurden Sprachkurse organisiert und Familienzusammenführung wurde gestattet. Auf diese Weise erhöhte sich die Zahl der abhängigen Familienmitglieder, die im Gastland der Migranten lebten

Stellt die Migration einen Verlust für Serbien dar oder könnte sie auch als Gewinn genutzt werden und wie wäre das möglich?

Emigration generiert für die Herkunftsländer Chancen und Herausforderungen. Bei Emigration aus weniger entwickelten Ländern und Ländern in der Entwicklung hört man meistens Besorgnis wegen des Verlusts der hochqualifizierten und Facharbeitskräfte, des sogenannten Brain-Drains. Daneben aber sehen einige sich entwickelnde Länder die Emigration als Strategie zur Anregung von Entwicklung, nicht nur wegen der Deviseneinkünfte oder dem verminderten Druck auf den Arbeitsmarkt, sondern auch aufgrund von Hinweisen, dass die Diaspora mit finanziellen Investitionen in den Heimatländern und durch den Transfer von Know-How und Fertigkeiten zur Entwicklung beitragen kann.

Die Abwanderung von Talenten aus Serbien wird immer stärker. Das wird weitreichende negative Folgen haben. Serbien braucht hochqualifizierte Kader. Der wichtigste Faktor zur Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft sind Know-How und Innovationen, und die Talente sind unter Bedingungen einer Gesellschafts- und der Wirtschaftsentwicklung, die sich auf Kompetenz gründet, Träger dieser Innovationen. Bei uns suchen ausländische Firmen die besten Fachkräfte, wenn sie die Zukunftsperspektiven von Kapitalinvestitionen ausloten.

„Die Abwanderung von Talenten aus Serbien wird immer stärker. Das wird weitreichende negative Folgen haben. Serbien braucht hochqualifizierte Kader.“

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