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Fluchtbewegung

100.000 fliehen aus Teheran – Türkei bereitet Aufnahme vor

100.000 fliehen aus Teheran – Türkei bereitet Aufnahme vor
(istockfoto: flüchtlinge)
4 Min. Lesezeit |

Teheran brennt – und die Welt beobachtet, was als nächstes kommt. Millionen Menschen stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Über dem Teheraner Stadthimmel steigen seit Tagen dichte Rauchsäulen auf – Zeugnisse eines Bombardements, das nun seit gut zehn Tagen anhält. Israelisch-amerikanische Luftangriffe treffen militärische Einrichtungen und mutmaßliche Aufenthaltsorte hochrangiger iranischer Amtsträger, doch auch zivile Infrastruktur in der Hauptstadt bleibt nicht verschont. Der Iran ist mit rund 90 Millionen Einwohnern eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt.

In den ersten beiden Kriegstagen flohen bereits rund 100.000 Menschen aus Teheran in den Norden des Landes. An den Grenzen selbst hat die Internationale Organisation für Migration bislang keinen ungewöhnlichen Anstieg des Verkehrs registriert. Allerdings warnt die IOM, dass sich dies bei einer Fortdauer des Konflikts rasch ändern könnte.

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Mögliche Fluchtwege

„Wenn sich die Situation verschlechtert, dann werden Menschen beginnen, in benachbarte Länder zu gehen„, sagt Arthur Erken, Regionaldirektor für Europa und Zentralasien der IOM. Als mögliche Zielländer nennt er Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan im Osten sowie Aserbaidschan, die Türkei und den Irak im Westen. Die Türkei gilt dabei als wahrscheinlichster Anlaufpunkt – nicht zuletzt deshalb, weil dort bereits rund 500.000 Exil-Iraner leben.

Der türkische Innenminister Mustafa Ciftci erklärte am Mittwoch, sein Land sei darauf vorbereitet, im Falle eines plötzlichen Zustroms im Rahmen anfänglicher Kapazitäten bis zu 90.000 Menschen aufzunehmen – das entspricht 0,1 Prozent der iranischen Zivilbevölkerung. Sollten sich hingegen viele Flüchtende in Richtung Afghanistan wenden, wäre die Lage deutlich komplizierter. „Das wäre logistisch schwierig für uns, angesichts der unsicheren Lage in Afghanistan selbst“, so Erken.

Gänzlich unwahrscheinlich ist dieses Szenario jedoch nicht: Der Iran beherbergt derzeit rund 2,5 Millionen Afghanen. Erken erklärt, dass Migrationsbewegungen typischerweise mit Binnenvertreibung beginnen, bevor es zu grenzüberschreitenden Fluchtbewegungen kommt – und dass Europa nach seiner Einschätzung vorerst nicht stark betroffen sein werde. „Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch viel zu früh, um zu sagen, was passieren wird und ob es direkte Auswirkungen auf Europa haben wird“, betont Erken.

Auch die EU-Kommission geht derzeit nicht von größeren Fluchtbewegungen in Richtung Europa aus. „Was Migration betrifft, sehen wir keine Bewegungen von Iran ins Ausland“, sagte EU-Innenkommissar Magnus Brunner am Rande eines Treffens der EU-Innenminister am Donnerstag in Brüssel. Der stellvertretende Migrationsminister Zyperns, Nicholas Ioannides, erklärte, man treffe angesichts der geografischen Nähe zur Krisenregion „alle notwendigen Maßnahmen, um jegliche Sicherheitsrisiken abzuwenden“.

Humanitärer Notfall

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk stuft die eskalierenden Gewalthandlungen im Nahen Osten als großen humanitären Notfall ein. UNHCR-Direktor Ayaki Ito teilte in Genf mit, dass sowohl im Libanon als auch im Iran in den ersten Tagen des Konflikts jeweils rund 100.000 Menschen vertrieben worden seien. Darüber hinaus seien Zehntausende syrische Flüchtlinge aus dem Libanon in ihr Heimatland Syrien zurückgekehrt.

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Die Weltgesundheitsorganisation warnte angesichts der Massenflucht und des Mangels an sauberem Wasser vor dem Ausbruch von Krankheiten. UNO-Menschenrechtskommissar Volker Turk zeigte sich besorgt über die weitreichenden israelischen Evakuierungsaufforderungen für den Südlibanon und die südlichen Stadtteile von Beirut. Diese pauschalen Anordnungen zur Umsiedlung beträfen Hunderttausende Menschen und werfen laut Turk ernste Fragen im Hinblick auf das humanitäre Völkerrecht auf.

Auch das UNHCR sieht sich für eine mögliche Flüchtlingswelle gerüstet. „Derzeit sehen wir auch keine ungewöhnlichen Aktivitäten an den Grenzen zu den benachbarten Ländern. Aber wir behalten die Situation im Auge“, sagt Matthew Saltmarsh vom UNHCR. Laut Saltmarsh stünden geschulte Einsatzkräfte bereit, um humanitäre Hilfe zu leisten – darunter Registrierung, Errichtung von Notunterkünften, psychologische Betreuung, finanzielle Soforthilfe und die Bereitstellung von Grundbedarfsgütern.

Die Zusammenarbeit erfolge mit den Behörden der Aufnahmeländer sowie mit lokalen und internationalen NGOs. Vor allem aber appelliert das UNHCR an die betroffenen Nachbarstaaten, ihre Grenzen im Ernstfall nicht zu schließen.