26 Frauen ermordet, Hilferufe ignoriert, Schutzplätze fehlen – Nordmazedonien steht vor einem systemischen Versagen.
Zwischen 2021 und 2025 wurden in Nordmazedonien 26 Frauen ermordet. Wie viele dieser Taten als Femizid einzustufen sind, war lange Zeit rechtlich nicht greifbar – schlicht weil die gesetzliche Grundlage dafür fehlte. Denn nicht jeder Mord an einer Frau ist automatisch ein Femizid. Als solcher gilt eine Tat nur dann, wenn nachgewiesen werden kann, dass sie geschlechtsbezogen motiviert war – dass die Frau also getötet wurde, weil sie eine Frau ist.
Erst 2023 wurde das Strafgesetzbuch um einen entsprechenden Paragrafen erweitert: Artikel 123 erhielt einen Absatz, der die Tötung einer Frau oder eines Mädchens unter 18 Jahren „infolge geschlechtsbezogener Gewalt“ unter Strafe stellt – obwohl der Begriff „Femizid“ selbst im Gesetz nach wie vor nicht vorkommt. Das Nationale Netzwerk gegen häusliche Gewalt analysiert derzeit sämtliche Gerichtsverfahren und Urteile im Zusammenhang mit Frauenmorden aus dem Zeitraum 2014 bis 2023. Ein Bericht, der erstmals ein klareres Bild über die tatsächliche Natur dieser Fälle liefern soll, wird in absehbarer Zeit erwartet.
Rosicas Tod
„Entweder mein oder tot“ – das war nur eine von Dutzenden Drohbotschaften, die die 31-jährige Rosica Koceva in den Tagen vor ihrem Tod erhielt. Ihr Ex-Partner Ilija Stefanovski tötete sie und ihren Vater schließlich in der Nähe ihres Hauses in Veles. Es ist der jüngste dokumentierte Femizid in Nordmazedonien.
Rosica hatte die anhaltende Gewalt und die Bedrohungen durch ihren Ex-Partner immer wieder angezeigt – Drohungen, die sich nicht nur gegen sie selbst richteten, sondern auch gegen ihre Eltern und Freunde. Die Behörden nahmen ihre Hilferufe nie ernst. Stefanovski war vor der Tat lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und mit einem Annäherungsverbot belegt worden – das er ignorierte. Nach dem Doppelmord nahm er sich das Leben.
Rosica ist eine von sechs Frauen, die allein im Jahr 2025 in Nordmazedonien ermordet wurden. 2024 waren es fünf Opfer, zwei von ihnen hatten zuvor Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet. Das Jahr 2023 war das schlimmste seit Jahren: Neun Frauen wurden getötet, drei der Fälle standen in direktem Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. In der Eurostat-Auswertung für 2023 belegte Nordmazedonien mit sechs Femiziden pro Million Einwohnerinnen und Einwohner den dritten Platz in Europa – hinter Litauen und Lettland.
Institutionelles Versagen
Marta Gusar, eine Anwältin, die regelmäßig Opfer häuslicher Gewalt vertritt, benennt das Kernproblem klar: „Das Hauptproblem in unserem Land ist, dass Femizide nicht verhindert werden. Wenn ein Femizid geschieht, ist es bereits zu spät. Die Istanbul-Konvention ist das Dokument, aus dem Prävention erwächst. Die Institutionen müssen geschlechtsbezogene Gewalt erkennen, Femizid verstehen und das Problem systematisch angehen.“ Am Mord an Rosica lasse sich das grundlegende Versagen exemplarisch ablesen: „Dieses tragische Ereignis hat einmal mehr gezeigt, dass das eigentliche Problem in unzureichender Prävention und einem mangelnden Verständnis für geschlechtsbezogener Gewalt liegt.“
Frauenrechtsaktivistinnen fordern deshalb, dass alle Fachkräfte, die mit Fällen von geschlechtsbezogener und häuslicher Gewalt befasst sind, umfassend geschult werden – und zwar nicht nur im Erkennen körperlicher Gewalt, sondern auch psychischer, sozialer und wirtschaftlicher. Denn die Realität auf Polizeistationen sieht häufig anders aus: Frauen, die Gewalt anzeigen wollen, werden mitunter entmutigt, ihnen wird gesagt, sie hätten nicht genügend Beweise – selbst dann, wenn ihre Schilderungen die Tatbestandsmerkmale der „Gefährdung der Sicherheit“ bereits erfüllen.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die Kapazitäten der Schutzeinrichtungen für Gewaltopfer sind in Nordmazedonien nach wie vor völlig unzureichend. Laut offiziellen Daten werden lediglich 37 Prozent jener Betten bereitgestellt, die dem Land gemessen an seiner Einwohnerzahl zustehen würden. Von den landesweit insgesamt 67 verfügbaren Plätzen werden 19 von Nichtregierungsorganisationen betrieben.