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Neuaufstellung

93-Millionen-Loch: Neuer ORF-Chef Pig kündigt radikalen Stellenabbau an

93-Millionen-Loch: Neuer ORF-Chef Pig kündigt radikalen Stellenabbau an
FOTO: wikimedia/Thomas Ledl
9 Min. Lesezeit |

Milliardenloch, Politdruck und Personalstreit: ORF-Chef Clemens Pig spricht Klartext über die Zukunft des Senders.

Für den ORF war dieser Termin von entscheidender Bedeutung – ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer weiteren Unabhängigkeit des Unternehmens von politischer Einflussnahme. Es geht dabei um die Abwehr politischer Eingriffe in die Besetzung von Führungspositionen. Nach seiner eigenen Wahl zum Generaldirektor hat Clemens Pig einen vollständig neuen Prozess entwickelt, wie eine freie Wahl von Führungskräften – auch im Sinne des neuen Europäischen Medienfreiheitsgesetzes – künftig ablaufen soll. „Das war ein richtiger Befreiungsschlag. Das war gerade in der jetzigen Phase für den ORF wichtig. Und zugegebenermaßen, es war auch für mich persönlich sehr wichtig.“

Die Stiftungsräte der FPÖ verweigerten ihre Zustimmung. Ob ihn das beunruhige? Der ORF-Stiftungsrat hatte Pig am 12. Juni 2026 mit 21 von 35 Stimmen zum neuen Generaldirektor gewählt – eine deutliche Mehrheit, wenn auch nicht einstimmig. Im engeren Sinne nicht, wie Pig betont. Was ihn hingegen beschäftigt, ist die Beobachtung, dass es für manche Parteien offenbar zum politischen Alltag geworden ist, viele Dinge pauschal zu attackieren. Er nehme das zur Kenntnis, bemühe sich aber stets um eine konstruktive Haltung und erkläre, wie und warum Entscheidungen getroffen werden. Darüber hinaus gehe es um weitere Vorgänge: Vertrauliche Informationen aus Stiftungsratssitzungen würden regelmäßig direkt an Medien weitergegeben, und er selbst sei mit dem nordkoreanischen Diktator verglichen worden. „Das werde ich natürlich jetzt zum Anlass nehmen, all diese Dinge auch rechtlich prüfen zu lassen.“

Neues Direktorenteam

Am 11. August 2026 beschloss der ORF-Stiftungsrat mit deutlicher Mehrheit die Personalvorschläge von Pig für das künftige Führungsteam. Die auffälligste Personalie im neu zusammengestellten Direktorenteam ist Silvia Lieb, die von der Moser Holding in den ORF wechselt und künftig für den Finanzbereich verantwortlich zeichnet – ohne bisherige Erfahrung mit dem Küniglberg. Aus ORF-Kreisen heißt es, man brauche mindestens ein Jahr, um sich in dem vielschichtigen Konstrukt ORF zurechtzufinden. Ob das nicht ein erhebliches Risiko darstelle? „Frau Lieb und ich sind tatsächlich die beiden Externen in diesem Team. Ich finde es auch gut, in der gesamten Lage, in der der ORF ist, dass er nicht nur in seinem eigenen Saft kocht, sondern dass es auch einen unverrückten, klaren externen Blick auf das Unternehmen gibt. Und wenn die These lautet, man braucht üblicherweise ein Jahr, um alles zu durchschauen, dann kann ich nur sagen, ja, dann werden wir schneller sein.“

Immerhin handle es sich um ein riesiges Medienunternehmen. „Ja, das ist ein komplexes Unternehmen mit vielen Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, überhaupt keine Frage. Und gleichzeitig möchte ich aber auch kein Mysterium daraus machen. Es ist eben auch nur ein Unternehmen, was den Unternehmensaufbau betrifft. Frau Lieb ist über viele Jahrzehnte im Finanzmanagement tätig, auch als Alleinvorständin. Und für mich und für Silvia Lieb gilt, wir sind nicht aus dem ORF, aber wir kommen beide aus Medienbetrieben. Wir bringen also ein tiefgehendes Verständnis mit, wie Medien auch im Zusammenhang der wirtschaftlichen und publizistischen Führung funktionieren. Wir müssen jetzt halt doppelt so schnell arbeiten.“

Zur Frage, wie mit der Besetzung der Chefredaktionen umgegangen werde – ob Neubesetzungen oder strukturelle Veränderungen geplant seien – erklärt Pig: „Der erste große Schnitt ist jetzt mit der Wahl der Direktorinnen und Direktoren gelungen. Der nächste Schritt ist jetzt unmittelbar, das vom Vizekanzler einberufene Zukunftsforum Mitte September vorzubereiten, parallel dazu das Budget vorzubereiten. Ich halte nichts davon, einzelne organisatorische Maßnahmen wie Inseln zu bespielen, sondern ich möchte im Zuge des Budgets den Gesamtblick auf die Organisation haben, und dann wird man schauen, wie muss sich auch eine Chefredaktion weiterentwickeln, genauso wie alle anderen Bereiche im Haus. Das wird im Laufe der nächsten Wochen und Monate passieren.“

Massives Finanzloch

Die Neuaufstellung des ORF ist auch deshalb unumgänglich, weil die Bundesregierung beschlossen hat, dem Unternehmen ab 2027 rund 93 Millionen Euro zu entziehen. Ein gewaltiges Finanzloch, das allein durch die Streichung des Radio-Symphonieorchesters RSO nicht zu schließen sein wird. „Das ist es tatsächlich, zumal das genannte Radio-Symphonieorchester ein wunderbares Orchester ist. Es wird aber wieder zur Diskussion stehen. Es wird viel zur Diskussion stehen. Zu diesem Thema möchte ich festhalten, es ist ganz klar, dass der ORF einsparen muss und einsparen wird. Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen. Da führt auch für den ORF kein Weg vorbei. Was mich an dieser ganzen Sache sehr irritiert, ist die Kurzfristigkeit dieser Maßnahme. Dieses Gesetz ist ja wenige Tage alt und führt dazu, dass der ORF ab Jänner 2027 bis zu 93 Millionen Euro einfach einsparen soll. Für das kommende Geschäftsjahr geht das ja ohnehin nur, indem der ORF mit Einmalbeträgen und Einmaleffekten, wie beispielsweise Auflösen von Rücklagen, das möglicherweise bewerkstelligen wird. Trotzdem muss es auch kommendes Jahr aus diesem Titel heraus massive Kosteneinsparungen geben, zusätzlich zu den bereits mittelfristig geplanten.“

Was danach folge, lasse sich nicht einfach übergehen. „Man kann da nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern wir müssen jetzt auch rechtlich prüfen, wie diese Finanzierung aufgestellt sein soll. Der ORF hat einen großen, umfassenden Programmauftrag. Und diese Zusammenhänge sind beginnend im September auch in diesem Zukunftsforum des ORF, aber insbesondere dann auch durch eine Prüfung durch den Verfassungsgerichtshof, die wir ja jetzt auch bekannt gegeben haben, zu klären.“

Auch der öffentlich-rechtliche Auftrag selbst werde neu zu definieren sein. „Deshalb gibt es ja das Zukunftsforum, um diese Fragen der Zukunft für den ORF, aber für den Medienstandort insgesamt, so hoffe ich jedenfalls, zu klären. Ich bin fest davon überzeugt, dass man nicht nur eine Stellgröße wie den ORF im Detail anschauen, sondern immer auch die Wechselwirkung zur gesamten Medienbranche hier betrachten soll. Der ORF hat tatsächlich einen umfassenden gesetzlichen Auftrag, den erfüllt er auch in all seiner Breite und Tiefe.“

Konkret angesprochen auf die Inhalte dieses Auftrags, führt Pig aus: „Das beginnt bei Information, Kultur, Sport, Unterhaltung. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass es auch all diese Elemente benötigt. Insgesamt haben wir auch das Thema, dass er sich vor allem im Bereich von ORF 1 verjüngen muss durch ein neues, moderneres, cooleres Programm. Man muss das so offen formulieren. Deshalb habe ich ja auch eine neue Direktion Audience und Plattformen integriert, die vor allem von der Nutzerinnen- und Nutzerseite her denkt: Was brauchen denn jüngere Menschen auch an Programminhalten? Die Programmierung zwischen ORF 1, 2, aber auch ORF 3 muss wesentlich harmonischer ausschauen. Und natürlich muss der ORF digital und im gesamten digitalen Raum präsent sein. Und an dieser Stelle gehen zwei große Fragen auf. Die eine ist, inwieweit der ORF Sendungs- und Programmmarken bündeln kann, wenn man im digitalen Raum unterwegs ist. Und die andere Frage, und da habe ich sehr wohl einen sehr behutsamen Blick auf den gesamten Medienstandort: Was bedeutet das auch in der Kooperation mit den privaten Medien?“

Eines steht für Pig fest: Die notwendigen Einsparungen werden ohne einen nennenswerten Stellenabbau kaum zu bewerkstelligen sein. „Den kann ich zum aktuellen Zeitpunkt leider tatsächlich nicht ausschließen. Das wäre unseriös. Es wäre aber auch unseriös, jetzt mit Zahlen um sich zu werfen, die nicht validiert sind.“

Zu den Landesstudios – ob diese unangetastet bleiben – hält Pig fest: „In einer digitalen Welt benötigt der ORF eine klare Marke und ein klares Programmprofil, warum es gerechtfertigt ist, diese 15,30 Euro pro Monat für uns alle zu verrechnen. Die inhaltlich regional-österreichische Programmschiene muss damit logischerweise an Bedeutung gewinnen. So gedacht sind die Landesstudios natürlich tabu. Wo man natürlich hinschauen muss in den Landesstudios, sind die Bereiche Verwaltung, Strukturen, Prozesse, Technik, das ja. Hier werden auch die Landesstudios ihren Beitrag zur Budgetkonsolidierung leisten müssen.“

Neben den 93 Millionen Euro lastet auf dem ORF auch das Damoklesschwert laufender Rechtsstreitigkeiten mit dem früheren Generaldirektor Roland Weißmann. Sollten diese zuungunsten des ORF ausgehen, kämen weitere Millionen hinzu. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lasse sich das nicht beziffern. Man müsse davon ausgehen, dass manche dieser Verfahren, wenn sie vollständig durchgefochten werden, mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Hinzu kommen heikle Personalfälle, die einer Lösung bedürfen – etwa jene von Manager Pius Strobl oder dem abgesetzten ORF-III-Chef Peter Scober. Pig möchte keine konkreten Namen nennen, skizziert aber seinen Ansatz: „Ich werde jetzt keine konkreten Namen in den Topf werfen, aber ich möchte die Idee skizzieren, wie ich jetzt in Kooperation mit der amtierenden Generaldirektorin Ingrid Thurnher und ab Jänner unter meiner Führung dann als amtierender Generaldirektor den ORF in eine wirklich neue Zukunft führen werde. Und das beginnt wie in jedem Unternehmen bei der Unternehmenskultur, bei der Frage, wie gehen wir mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um, wie gehen wir mit den Geldern aus der Haushaltsabgabe um. Und jene Fälle aus der Vergangenheit, die den ORF dann auf seinem Weg in diese freie und gute Zukunft behindern, werde ich schlichtweg herausnehmen und in eine virtuelle Bad Bank (Sammelstelle für Problemfälle) geben, sowohl buchhalterisch als auch kommunikativ. Ich möchte diese alten Zöpfe, diese Altlasten abschneiden.“

Was genau darunter falle? „Dazu zählen die Skandale, dazu zählt aber auch das, was man gemeinhin als weiße Elefanten bezeichnet. Das alles werde ich in diese Bad Bank geben und dem ORF, seiner Belegschaft und dem Publikum schlichtweg Rechenschaft ablegen, dass ich dieses Unternehmen durchlüften möchte, befreien möchte vom politischen Einfluss und befreien möchte von einer von nur ganz wenigen Menschen gelebten Unternehmenskultur, die sich niemand verdient hat.“

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KO KOSMO-Redaktion
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