300.000 Tonnen tierischer Abfälle – und kaum einer weiß, wohin damit. Dabei steckt darin mehr Potenzial als gedacht.
Bosnien und Herzegowina kämpft seit Jahren mit einem strukturellen Problem, das weit über bloße Verwaltungsfragen hinausgeht: Die Entsorgung tierischer Abfälle – darunter Schlachtabfälle, Nebenprodukte der Fleischindustrie und Tierkadaver – ist bis heute nicht zufriedenstellend gelöst. Zwar existiert formal ein Regelwerk, das Zuständigkeiten auf das Veterinäramt des Gesamtstaates, die Landwirtschafts- und Umweltministerien beider Entitäten, kantonale Institutionen sowie Gemeinden verteilt. In der Praxis aber greift dieses Mehrebenensystem kaum ineinander.
Fehlende Infrastruktur – allen voran moderne Verarbeitungsanlagen – sorgt dafür, dass der Großteil der anfallenden Abfälle nach wie vor auf Deponien, in Gruben oder schlicht in der freien Natur landet. Die Folgen sind absehbar: steigende Risiken für Gewässer, Böden und Luft sowie eine erhöhte Gefahr der Ausbreitung von Infektionskrankheiten.
Ungenutztes Energiepotenzial
Dabei schlummert in diesem Problem ein beachtliches wirtschaftliches Potenzial. Schätzungen zufolge produziert Bosnien und Herzegowina jährlich rund 300.000 Tonnen tierischer Abfälle – eine Menge, die sich bei entsprechender Infrastruktur zur Biogasgewinnung nutzen ließe. Ein modernes Verarbeitungssystem könnte daraus etwa 36 Millionen Kubikmeter Biogas pro Jahr erzeugen, was wiederum rund 72 Gigawattstunden elektrischer Energie entspräche – zuzüglich vergleichbarer Mengen an Wärme.
Damit ließen sich zwischen 18.000 und 20.000 Haushalte jährlich versorgen, was das Energiepotenzial dieser bislang ungenutzten Ressource auf lokaler wie regionaler Ebene eindrücklich unterstreicht. In vielen europäischen Ländern gilt tierischer Abfall längst nicht mehr als Belastung, sondern als Rohstoff. Biogasanlagen ermöglichen dessen Verwertung zur Strom- und Wärmegewinnung sowie zur Produktion von organischem Dünger in Form von Gärresten.
Für Bosnien und Herzegowina wird der Aufbau eines Netzes von drei bis fünf regionalen Anlagen auf eine Investition von rund 80 bis 140 Millionen Euro geschätzt. Den jährlichen Einnahmen von 25 bis 45 Millionen Euro stünde damit eine Amortisationszeit von vier bis sieben Jahren gegenüber – ein Rahmen, der auch für private Investoren durchaus attraktiv sein dürfte.
EU-Standards als Pflicht
Der Anpassungsdruck wächst jedoch nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen. Die Europäische Union verfügt über ein ausgereiftes Regelwerk für tierische Nebenprodukte, das eine strenge Klassifizierung, kontrollierten Transport sowie obligatorische Verarbeitung oder Verbrennung unter geregelten Bedingungen vorschreibt. Für Bosnien und Herzegowina ist die Angleichung an diese Standards keine bloße Umweltfrage – sie ist eine handfeste Voraussetzung im EU-Integrationsprozess.
Bedenken hinsichtlich möglicher Geruchsbelästigungen oder Emissionen, die in der Bevölkerung mitunter gegen solche Anlagen ins Treffen geführt werden, weisen Fachleute als weitgehend überholt zurück. Moderne Biogasanlagen arbeiten in geschlossenen Systemen; Gerüche und Schadgase werden durch Filtertechnik kontrolliert und breiten sich bei ordnungsgemäßem Betrieb nicht über das Anlagengelände hinaus aus. Probleme dieser Art entstehen lediglich bei veralteter Technologie, unsachgemäßer Lagerung oder mangelhafter Betriebsführung – nicht aber bei zeitgemäßen, gut geplanten Anlagen.
Solche Systeme tragen zur Reduktion von Methanemissionen bei – einem der klimaschädlichsten Treibhausgase – und senken gleichzeitig das Risiko der Ausbreitung von Tierseuchen und anderen Infektionskrankheiten erheblich.
Die entscheidende Frage der kommenden Jahre wird sein, ob der Schritt vom fragmentierten Ist-Zustand hin zu einem modernen, integrierten Verwaltungsmodell gelingt – jenem Modell also, das in der EU bereits gelebter Standard ist.