Raketen, Gegenschläge, gesperrte Lufträume – der Nahe Osten steht erneut am Rand einer offenen Eskalation.
Trotz eines persönlichen Appells von US-Präsident Donald Trump hat Israel auf den iranischen Raketenangriff vom Sonntagabend mit Luftangriffen auf Ziele im Westen und im Zentrum des Iran reagiert. Die entscheidende Frage ist nun, ob dieser neuerliche militärische Schlagabtausch die laufenden Verhandlungen zwischen Washington und Teheran über eine dauerhafte Beendigung des Krieges gefährdet.
Der israelische Botschafter in den USA, Jechiel Leiter, erklärte auf der Plattform X, der Iran habe elf ballistische Raketen auf Israel abgefeuert. „Jede dieser Raketen kann ein ganzes Stadtviertel dem Erdboden gleichmachen und Hunderte Menschen töten. Kein Land der Welt, das etwas auf sich hält, würde einen solchen Angriff dulden, und Israel wird das ebenfalls nicht tun.“ Israel greife nun seinerseits iranische Abschussrampen für Boden-Boden-Raketen sowie Infrastruktureinrichtungen an, die nicht zum Energiesektor gehörten. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben war nicht möglich.
Den israelischen Angriffen war ein iranischer Raketenbeschuss vorausgegangen, den Teheran als Vergeltung für einen israelischen Angriff auf die südlichen Vororte von Beirut bezeichnete – der erste derartige Angriff seit zwei Monaten. Das israelische Militär erklärte, die Attacke sei abgewehrt worden. Trotz angekündigter Gegenschläge hatte Trump versucht, eine israelische Reaktion zu verhindern.
Irans Reaktion
Der iranische Staatssender IRIB sowie die Nachrichtenagentur IRNA meldeten Explosionen in Teheran. Wohngebiete seien demnach nicht getroffen worden. Der Angriff folgte auf die iranischen Raketenangriffe auf Israel am Vorabend, wobei das israelische Militär angab, alle Raketen der ersten Angriffswellen abgefangen zu haben.
Als Reaktion auf die Lage wurden die Grenzübergänge in den Gazastreifen geschlossen. Die zuständige israelische Behörde COGAT bezeichnete die Maßnahme als „Sicherheitsmaßnahme“. Betroffen seien unter anderem der Rafah-Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Ägypten sowie der Warenübergang Kerem Schalom zwischen Israel und dem Gazastreifen.
Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober seien ausreichend Lebensmittel in das im Krieg weitgehend zerstörte Palästinensergebiet gebracht worden. COGAT werde die internationale Gemeinschaft über alle weiteren Entwicklungen informieren. Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist weiter katastrophal.
Das zentrale Militärkommando des Iran bestätigte die Raketenangriffe. In einer über den staatlichen Rundfunk verbreiteten Erklärung begründeten die iranischen Streitkräfte die Attacke mit „wiederholten Verstößen“ der israelischen Armee gegen die Waffenruhe im Libanon. Teheran hatte zuvor unmissverständlich klargemacht, dass weitere israelische Angriffe auf den Großraum Beirut als neuer Eskalationsschritt in der regionalen Konfrontation gewertet würden.
Israel hatte die Angriffe auf Beirut damit begründet, in der Stadt „Terroristen-Hauptquartiere“ als Reaktion auf vorherigen Beschuss durch die Hisbollah angegriffen zu haben.
Der Iran sperrte bis auf Weiteres seinen Luftraum im Landeswesten. Der Irak und Syrien schlossen ihren gesamten Luftraum vorübergehend. Berichte über eine Sperrung des Luftraums durch die Golfstaaten bestätigten sich hingegen nicht.
Bei den jüngsten iranischen Angriffen auf Israel drangen mehrere Raketen in den jordanischen Luftraum ein, wie ein Sprecher der jordanischen Regierung mitteilte. Die Verletzungen des Luftraums seien im Zuge der „erneuten Eskalation“ erfolgt, die jordanischen Streitkräfte beobachteten die Situation genau. „Jordanien wird nicht zulassen, dass sein Gebiet oder sein Himmel in ein Schlachtfeld für irgendwen verwandelt werden.“
Trumps Appell
Seit dem Inkrafttreten einer offiziellen Waffenruhe Mitte April hatte Israel seine Angriffe im Raum Beirut deutlich zurückgefahren. Trump hatte dort einen Stopp israelischer Angriffe sowie ein Ende der Hisbollah-Attacken auf Israel verkündet. Israel hatte jedoch für den Fall neuerlicher Hisbollah-Angriffe mit einer Wiederaufnahme der Bombardierungen gedroht und die Bewohner der betroffenen Vororte erneut zur Flucht aufgefordert.
Die iranische Armee gab an, unter anderem den israelischen Luftwaffenstützpunkt Ramat David ins Visier genommen zu haben. In einer von der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim verbreiteten Erklärung der Revolutionsgarde begründete die Elitestreitmacht ihre Angriffe mit der Eskalation im Libanon. Israel und den USA warf der Iran vor, ihre Verpflichtungen verletzt zu haben. Die nun erfolgten Angriffe bezeichnete die Revolutionsgarde als „Warnung“.
Am 28. Februar hatten Israel und die USA ihren Krieg gegen den Iran begonnen. Zuletzt hatte der Iran in der Nacht auf den 8. April Raketen auf Israel abgefeuert. Am selben Tag einigten sich die USA und der Iran auf eine zunächst zweiwöchige Waffenruhe, die anschließend verlängert wurde. Trump knüpfte diese auch an die Öffnung der Straße von Hormus. Verhandlungen über eine dauerhafte Beendigung des Krieges blieben bislang ohne Ergebnis.
Laut Medienberichten will Trump Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in einem Telefonat auffordern, auf Vergeltungsschläge gegen Teheran zu verzichten. Ein Reporter des Nachrichtenportals Axios berichtete auf X von einem entsprechend angekündigten Gespräch. Auch der israelische öffentlich-rechtliche Sender Kan meldete, dass Israel nach Trumps Willen nicht auf die Angriffe reagieren solle.
Trump dürfte weiterhin darauf hoffen, ein Rahmenabkommen mit Teheran abzuschließen. „Was ich dem Iran raten würde: Ihr habt eure Raketen abgefeuert, das reicht. Kehrt an den Verhandlungstisch zurück und schließt ein Abkommen“, sagte er laut dem US-Sender Fox News. Eine offizielle Stellungnahme des Weißen Hauses stand zunächst aus.