BYD verdreifacht, Tesla verliert – und Europas Autobranche steht vor einer Zäsur, die Ökonomen längst kommen sahen.
Der chinesische Elektroautohersteller BYD hat seinen Absatz in Deutschland im vergangenen Jahr dramatisch ausgebaut: Die Neuzulassungen kletterten von rund 2.940 Einheiten im Jahr 2024 auf mehr als 23.000 im Jahr 2025 – ein Zuwachs von knapp 700 Prozent. Weltweit setzte das Unternehmen 2025 über vier Millionen Fahrzeuge ab. Allein im vollelektrischen Segment verkaufte BYD 2,26 Millionen Einheiten und ließ damit den bisherigen Marktführer Tesla mit 1,64 Millionen Fahrzeugen deutlich hinter sich.
In Europa hat der Konzern bereits Fakten geschaffen: Im südungarischen Szeged läuft die erste europäische Produktionsstätte. Das Werk ist mit einer geplanten Jahreskapazität von bis zu 200.000 Fahrzeugen ausgelegt, die über mehrere Jahre schrittweise erreicht werden soll.
Forderung nach Gegensteuern
Angesichts dieser Zahlen mehren sich unter führenden Ökonomen die Stimmen, die von der EU ein entschlossenes Gegensteuern verlangen. Die Kernforderung: Wer den europäischen Markt beliefern will, soll seine Fahrzeuge auch in Europa fertigen – um Arbeitsplätze zu sichern und die heimische Industrie nicht schutzlos dem Wettbewerbsdruck auszuliefern. Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson von der Stanford University brachte es in einem Interview auf den Punkt: „Wir werden China erlauben, hier BYD zu verkaufen – aber nur, wenn die Fahrzeuge in Europa produziert werden, um Arbeitsplätze zu erhalten.“
Die EU hat bereits reagiert: Seit Oktober 2024 gilt für in China produzierte BYD-Elektroautos ein zusätzlicher Ausgleichszoll von 17 Prozent, der auf den bestehenden EU-Importzoll von 10 Prozent aufschlägt und für fünf Jahre festgelegt wurde. Dennoch fordern Ökonomen weitergehende Maßnahmen.
Düsteres Bild
Ferguson und Moritz Schularik, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, äußerten sich im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ zur Lage der deutschen Industrie – und zeichneten dabei ein düsteres Bild. Der Volkswagen-Konzern lieferte 2025 weltweit rund 8,99 Millionen Fahrzeuge aus und verringerte seinen Absatz damit um etwa 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schularik schloss zwar einen Bankrott von Volkswagen aus, hält eine Übernahme durch einen chinesischen Konzern wie BYD jedoch für durchaus denkbar.
Ferguson erinnerte daran, wie lange westliche Beobachter die industriellen Ambitionen Chinas unterschätzt hatten: „Mir haben Leute ernsthaft erklärt, die Chinesen würden niemals Kugellager oder Windschutzscheiben so gut herstellen können wie die Deutschen.“ Diese Einschätzung habe sich als grundlegend falsch erwiesen. Die chinesische Strategie – Subventionen, Systemmanipulation, Technologietransfer auf Kosten des geistigen Eigentums anderer – habe Wirkung gezeigt. Bleibt ein grundlegender Kurswechsel aus, so Fergusons Prognose, werden die Europäer schon bald in großer Zahl chinesische Autos fahren.