Fünf Monate Adria, kein Strand, kein Urlaub – aber ein Konto, das den Rest des Jahres trägt.
Wenn in Kroatien der Kalender den 1. Mai zeigt, beginnt für Hunderte Fahrdienstfahrer eine Art jährliche Völkerwanderung in Richtung Süden. Sie packen ihre Sachen, verlassen Zagreb und andere Städte im Landesinneren und ziehen an die Adria – dorthin, wo das Geld ist. Fünf Monate lang, von früh bis spät, fahren sie Touristen durch Dalmatien und Istrien.
Saisonale Verdienstchancen
Ein durchschnittlicher Uber- oder Bolt-Fahrer verdient in Zagreb nach Abzug aller Kosten rund 1.300 Euro im Monat. An der Küste sieht die Rechnung völlig anders aus. Fahrer berichten, dass sie in der Hochsaison netto zwischen 4.000 und 10.000 Euro monatlich einfahren – je nachdem, wie viele Stunden sie hinter dem Steuer verbringen.
Der 25-jährige Josip aus Sisak etwa arbeitet die Sommermonate in Zadar und sagt, das reiche ihm, um den ganzen Winter über nicht mehr arbeiten zu müssen. Martin, ein erfahrener Fahrer, der vorwiegend Nachtschichten übernimmt, gibt seinen monatlichen Verdienst an der Küste mit sechs bis achttausend Euro an – in Zagreb wäre das schlicht nicht möglich, zu groß sei die Konkurrenz, zu zermürbend der Stau.
Wer lieber auf Nummer sicher geht, kann auch für ein Fixgehalt arbeiten: Im Sommer sind das rund 2.700 Euro monatlich, inklusive Unterkunft und geregelter Achtstunden-Schicht. Für viele ist das die ruhigere, wenn auch weniger lukrative Variante.
Hoher Preis
Dass die Zahlen so hoch ausfallen können, liegt auch an der Kostenstruktur des Geschäfts – und daran, wie man mit ihr umgeht. Uber behält 25 Prozent der Einnahmen ein, Vermittlungsfirmen schlagen weitere zehn Prozent drauf, dazu kommen Treibstoff und Sozialabgaben. Wer trotzdem auf 10.000 Euro kommen will, muss zwölf Stunden täglich fahren – sieben Tage die Woche, ohne Ausnahme.
Viele Saisonfahrer gestehen offen, dass sie die Adria zwar vor der Haustür haben, Meer und Strand aber kaum zu Gesicht bekommen. Die Freizeit gehört dem Schlaf und dem Essen, nicht dem Urlaub. Familien bleiben zurück, soziale Kontakte schrumpfen auf ein Minimum. Es ist kein Zufall, dass sich für dieses Modell vor allem jüngere Menschen ohne größere Verpflichtungen entscheiden.
Beim Gesamtverdienst spielen Trinkgelder eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unter den Fahrern gilt dabei eine klare Rangordnung: Amerikanische Touristen stehen ganz oben – sie geben großzügig und ohne langes Zögern. Einheimische Gäste werden von Jahr zu Jahr spendabler und runden Fahrpreise mittlerweile routinemäßig auf.
Am anderen Ende der Skala stehen niederländische Touristen, die unter Fahrern als ausgesprochen knauserig gelten. „Sie ärgern sich, wenn man keinen Cent zum Herausgeben hat“, erzählen Fahrer, die solche Begegnungen offenbar nicht so schnell vergessen.