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Wendepunkt

Clean statt Crack: Haftbefehls zweites Leben mit 40 nach schockierender Netflix-Doku

Clean statt Crack: Haftbefehls zweites Leben mit 40 nach schockierender Netflix-Doku
Foto: epa/FILIP SINGER
3 Min. Lesezeit |

Die Anteilnahme am Lebensweg des von Suchtproblemen gezeichneten Rappers Haftbefehl berührt Menschen weit über seine Fangemeinde hinaus. Heute feiert er seinen runden Geburtstag. Vor etwa einem Monat überraschte er sein Publikum bei einem Kurzauftritt in Osnabrück mit einem persönlichen Statement: „Ich wollte euch noch sagen, ich bin clean. Ich hoffe, ihr seid es auch. Scheiß auf die Drogen.“ Aykut Anhan vollendet heute sein vierzigstes Lebensjahr – herzliche Glückwünsche an den Künstler.

Die Ende Oktober auf Netflix veröffentlichte Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ von Juan Moreno hat dem bedeutendsten Vertreter des deutschen Rap ein Millionenpublikum erschlossen – darunter zahlreiche Menschen, die mit diesem Musikgenre normalerweise wenig Berührungspunkte haben. Der Film weckte starke Emotionen, selbst bei Liedermacher Reinhard Mey, der mehr als 55 Jahre nach Veröffentlichung seines Stücks „In meinem Garten“ in Haftbefehl einen unerwarteten Fan fand („Brutaler Song, Alter“) und gleichzeitig selbst von jungen Zuhörern entdeckt wurde – Menschen, die erst geboren wurden, als Mey bereits das Pensionsalter erreicht hatte. Diese gegenseitige Aufgeschlossenheit und das plötzliche Verständnis zwischen sonst distanzierten gesellschaftlichen Gruppen hat eine eigene emotionale Qualität.

Vom Dealer zum Rapper

Der bürgerlich als Aykut Anhan bekannte Musiker trägt die schwere Last einer traumatisierten Familiengeschichte und krimineller Verstrickungen mit sich. Seine Jugend im Offenbacher Mainpark führte ihn in die Drogenszene als Dealer, sein Aufstieg zum führenden deutschen Rapper verlief keineswegs geradlinig. Für viele junge Erwachsene und Jugendliche bildet seine Musik einen wesentlichen Teil ihres Lebensbegleiters – besonders für jene, die im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen sind. Sein Stück „069″ entwickelte sich zum identitätsstiftenden Standardwerk auf jeder Feier – vergleichbar vielleicht mit der Wirkung, die Herbert Grönemeyers Album „4630 Bochum“ in den 1980er Jahren entfaltete. Seinen Künstlernamen entlehnte Anhan der Realität polizeilicher Fahndung; als sein Debütalbum „Azzlack Stereotyp“ erschien, hatte er gerade sein 25. Lebensjahr erreicht.

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Kampf mit Dämonen

Mit dem Erfolg eröffneten sich neue Horizonte, doch die Suchtproblematik blieb bestehen. Juan Morenos filmische Dokumentation zeichnet diesen extremen Wechsel zwischen tiefsten Abgründen und größten Höhen schonungslos nach – manchmal vielleicht zu schonungslos. Die journalistische Praxis, Menschen vor ihrer eigenen Entblößung zu schützen, erscheint im Zeitalter sozialer Netzwerke zunehmend anachronistisch. Zeitgemäß hingegen wirkt der Vorschlag Offenbacher Schüler, Haftbefehls Texte im Unterricht zu behandeln. Ein Beispiel dafür könnte lauten: „Wie lang wird sich noch die Erde drehn? / Nicht mehr lang, solang sie der Teufel auf den Schultern trägt / Rotz die Narben aus der Seele, verflucht war meine Kindheit / Meißel die Zeile an die Wände, und Blut ist meine Tinte / Ich schrei, so laut ich kann, in die Erdatmosphäre / ,Lieber Gott, ist das die Nacht, in der ich sterbe?'“

Hier kämpft ein Mensch um seine Existenz, und dieser verzweifelte Hilferuf hat tiefes Mitgefühl und Erschütterung ausgelöst – eine Botschaft, die zum ursprünglichen Kern der Weihnachtszeit passte, bevor diese in eine kommerzielle Pflichtveranstaltung umgewandelt wurde.