„Der Nationalismus in der Ex-Yu-Community kotzt mich an!“

INTERVIEW

„Der Nationalismus in der Ex-Yu-Community kotzt mich an!“

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Alexandra Stanić VICE Redaktionsleitung Magazin Österreich
Alexandra Stanić über unbequemen Journalismus, "nationalistische Hawara" in der Ex-Yu-Community und den Ausbruch aus den patriarchalen Strukturen. Foto: Christopher Glanzl

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Alexandra Stanić leitet seit Ende letzten Jahres die Redaktion von VICE Österreich.

Doch: Wer ist die junge Bosnierin (27), die im beliebten Online-Magazin nun die Fäden zieht? Obwohl die redaktionelle Neuaufstellung von VICE Österreich die größte Herausforderung ihrer Karriere ist, verwunderte die Ernennung der Wienerin mit bosnischen Wurzeln kaum jemanden in der Branche. Denn sie gilt als leidenschaftliche, tabubrechende und ehrgeizige Vollblutjournalistin, die nicht mit dem Strom schwimmen will, sondern seit ihren ersten Geschichten schon einen Hang zu Themen hatte, die gesellschaftliche Werte und Normen hinterfragen. Ob gegen den Nationalismus am Balkan, das Starkmachen für junge, rebellische Frauen oder das Thematisieren von Tabu-Themen wie der Menstruation: Ihr Journalismus hat zeitgemäße, selbstbewusste Coolness stets mit einem anwaltschaftlichen Charakter verbunden.

Alexandra Stanic VICE Redaktion Österreich Wien BIBER
Aus einer bosnischen Arbeiterfamilie zum Chefposten bei VICE: „Meine Eltern wollten immer, dass wir das bekommen, was sie nicht haben konnten.“ Foto: Christopher Glanzl

Die junge Austrobosnierin, die davor Chefreporterin beim Stadtmagazin „Biber“ war, ist aber mehr als eine Journalistin. Sie ist eine Allrounderin und ist zugleich Fotografin, Moderatorin von Veranstaltungen, nimmt als Expertin an Diskussionen teil, macht Workshops für medienschaffende Flüchtlinge, hat die Lehrakademie beim Biber geleitet, arbeitet an feministischen Fotoprojekten usw. Die Bestellung als neue VICE-Redaktionsleitung war somit nur ein Thema unseres Gesprächs…

KOSMO: Alexandra, die Journalistin, Fotografin, Moderatorin, sozial engagierte Instagrammerin, Diskussionsteilnehmerin, Workshopleiterin… Wie bringst du das alles unter einen Hut?
Alexandra Stanić:
Ach, ich hatte einfach Lust und Motivation, viel auszuprobieren und bin oft ins kalte Wasser gesprungen. Ich wollte fotografieren, also habe ich es getan. Natürlich muss ich Prioritäten setzen, deswegen fotografiere ich zurzeit weniger. Aber für die Arbeit, die ich bei VICE machen kann, zahle ich diesen Preis gerne. Ich habe mir vorgenommen, Moderationen nur noch dann zu machen, wenn das Themen sind, die mich wirklich interessieren. 2019 möchte ich dafür öfter Vorträge halten und an Diskussionen teilnehmen. Für meine feministischen Fotostrecken „Young Rebels“, „It’s all about our Blood“ und #VIEgirlgang habe ich nur noch zweimal im Monat Zeit, aber das ist ok. Letztens bei der Demo gegen Schwarz-Blau war ich wieder mit der Kamera unterwegs (VICE-Bericht). Das brauche ich ab und an (lacht).

Von Coverstorys mit eigenen Coverfotos bis zu TV-Beiträgen: Journalistisch hast du dich fast in allen Formen ausgelebt. Hast du noch Hunger als Routiner, der du ja zweifellos mittlerweile auch bist?
Na klar, sonst wäre ich ja nicht hier bei VICE. Ich bin von Natur aus wissbegierig, ich war von Anfang an verbissen und bin es heute noch. Es stimmt schon, dass ich viel gemacht habe, aber ich bin erst 27 und es liegt noch so viel vor mir. Noch wird man mich nicht los (lacht).

„Man kann nicht an Bosnien denken, ohne traurig zu sein.“
über ihre Heimat Bosnien-Herzegowina. 

Du hast neben deinen Anfängen bei BIBER ein Praktikum bei „Der Standard“ gemacht, aber auch eines in Sarajevo bei der bosnischen Tageszeitung „Oslobođenje“. Was ist der Unterschied zwischen einer bosnischen und österreichischen Redaktion?
Was mir als Erstes einfällt: In der bosnischen Redaktion wurde geraucht. Und wie dort geraucht wurde (lacht) – alles war in Rauchwolken gehüllt. Natürlich ist die Arbeitsmoral in Bosnien und Österreich manchmal etwas anders. Aber für mich war es spannend, den bosnischen Redaktionsalltag kennenzulernen – und die alten Computer, die längst überholten Systeme und die Räume voller Rauch. Das Redaktionsgebäude war noch vom Krieg beschädigt, manche Räumlichkeiten waren nicht begehbar – das gibt einem schon sehr zu denken. In technischer und infrastruktureller Hinsicht war alles sehr rückschrittlich. Aber die Journalisten und Journalistinnen waren gut ausgebildet und haben Top-Arbeit unter diesen Umständen geleistet. Das war sehr beeindruckend.

Du kommst aus einer Arbeiterfamilie: Dein Vater hat in Schichten gearbeitet, deine Mutter in der Fabrik. Wie kam es dazu, dass du studiert hast? Wurde dir das von zuhause mitgegeben?
Ja. Meine Eltern wollten immer, dass wir das bekommen, was sie nicht haben konnten. Dazu gehört auch ein hoher Bildungsgrad. Sie wollten nicht, dass meine Schwestern und ich uns den Rücken kaputt arbeiten. Mein Vater ist ein intelligenter Mann und liest in seiner Freizeit viel, von Marx bis zu Mandela ist da alles dabei. Und auch meine Mutter legt großen Wert darauf, sich selbst stetig weiterzubilden. Als meine ältere Schwester ihr Studium beendete, legte sie mir natürlich etwas vor. Fairerweise muss ich aber dazusagen, dass sie eine sehr gute Schülerin war, ich hingegen eine schlechte.

Alexandra Stanic VICE Redaktion Interview
„Manchmal denke ich mir schon: ‚Hawara, du sprichst kaum Deutsch, aber regst dich über einen Geflüchteten auf, der nach Österreich kommt und Schutz sucht?“. Foto: Christopher Glanzl

Deine Artikel streben oft nach einem Gerechtigkeitssinn. Hast du konkrete Beispiele, wo deine Geschichten zu einer Veränderung geführt haben?
Es gibt gewisse Geschichten, die bewegen, hinterfragen, zu Diskussionen führen und im besten Fall auch zu konkreten Veränderungen. Ich habe letztes Jahr z.B. aufgedeckt, dass ein Transgender-Kind einer Montessori-Schule verwiesen wurde (Biber-Bericht). Das hat zur Prüfung durch die Volksanwaltschaft sowie zu einem Zusperren der Schule geführt. Es gibt aber auch Geschichten, die ohne offensichtliche Konsequenzen etwas bewegen – z.B. mein Artikel über Essstörungen und die Gründe, warum sich junge Frauen selbst verletzen. Da bekam ich großes Feedback von Betroffenen. Die Workshop-Kurse für medienschaffende Geflüchtete haben insofern etwas bewegt, als dass fünf aus dem ersten BIBER-Kurs eine Fulltime-Anstellung erhalten haben, unter anderem beim Standard und bei Werbeagenturen. Da ist man dann doch stolz.
Aber auch als ich noch nicht viel über Journalismus wusste, hatte ich den Anspruch, Texte zu schreiben, die etwas bewegen. Mein erster User-Beitrag bei Biber befasste sich mit dem Hinterfragen der Konsens-Meinung vieler bosnischen Serben, die sich um jeden Preis von Bosnien-Herzegowina distanzieren wollen und so großen Wert auf die Republika Srpska legen. Da erntete ich meinen ersten kleinen Shitstorm in Form von 50, 60 größtenteils negativen Kommentaren – das war zu dieser Zeit eine ganze Menge. In dem Moment habe ich realisiert, wie präsent Nationalismus in der Ex-Yu-Community ist. Man muss eine dicke Haut haben, wenn man sich damit beschäftigen möchte.

“ Es ist erschütternd, wie manche Ex-Yu-Jugendliche über Geflüchtete sprechen“ –  über Rassismus.

Wie gehst du mit dem Nationalismus in der Ex-Yu-Community um?
Ehrlich gesagt habe ich gar nicht mehr so viel zu tun mit der Ex-Yu-Community. Ich war schon lange nicht mehr auf der Ottakringer Straße und auch meine Geschichte über serbische Folklorevereine ist zwei Jahre her, aber die Community macht ja sowieso mehr aus als diese zwei Beispiele. Insgesamt schreckt mich viel ab, was ich so mitbekomme. Wie gut es der FPÖ zum Beispiel gelingt, Serben mit ihrem Parteiprogramm abzuholen. Da ich mit BIBER oft in Schulen unterwegs war, habe ich auch mitbekommen, wie Jugendliche aus unserer Community über Geflüchtete sprechen. Natürlich nicht alle, aber genug. Traurig, dass dieser Hass noch immer weitergegeben wird. Es ist auch sehr bedenklich, was Leute für nationalistischen Müll ins Internet rotzen. Manchmal denke ich mir schon: „Hawara, du sprichst selbst kaum Deutsch, aber regst dich über einen Geflüchteten auf, der nach Österreich kommt und Schutz sucht?“ Es kotzt mich an. Nicht, dass gutes Deutsch dir das Recht gibt, rassistisch zu sein, aber ich wundere mich schon über die Ignoranz. Mit dieser politischen Einstellung habe ich zwar nicht im engen Freundeskreis zu kämpfen, aber ich merke in meinem entfernteren Bekanntenkreis, wie ewiggestrig viele sind und wie sehr sie sich von Nationalismus und/oder Rassismus leiten lassen. Eine flüchtige Bekannte zum Beispiel, sie ist bosnische Kroatin, hat einen albanischen Freund: Für ihre Familie war das anfangs das pure Drama, weil er Muslim ist. Das kann doch nicht wahr sein.

Es gibt aber auch positive Beispiele. Im Vergleich zu den neunziger Jahren und der Kriegszeit erscheint mir zumindest der gegenseitige Hass unter den Ex-Yu-Vereinen wesentlich geringer…
Da hast du bei KOSMO wahrscheinlich mehr Einblicke. Aber grundsätzlich hast du Recht. Es gibt Vereine wie z.B. die Bosnisch-herzegowinische Kulturplattform (BHKP), die sehr inklusiv handeln und Veranstaltungen nicht nur für eine Gruppe machen, sondern jeden ansprechen wollen. Deswegen bin ich auch sehr gerne Mitglied von BHKP. Aber für einen sichtbaren Teil der Ex-Yu-Community lässt sich schon festhalten: Wir haben weiterhin Probleme mit Nationalismus. Das zeigt sich meistens dann, wenn sich jemand kritisch äußert –  wie z.B. über Ceca oder Thompson. Über den habe ich mal einen Kommentar mit dem Titel „Erzkatholischer Fascho-Bullshit“ geschrieben. Ich stehe noch heute zu jedem Wort.

„Wenn Gabalier Österreich ist, dann bin ich noch weniger Österreicherin als ich dachte“ – über den „VolksRocknRolla“.

Thompson ist von den Liedertextern definitiv indiskutabel extrem rechts und neofaschistisch einzuordnen. Andere werden jetzt bei Ceca aber sagen: Ceca ist nicht politisch in ihrer Musik und wird gerne in Sarajevo, Belgrad und in Zagreb gehört…
Ich weiß, dass Ceca auch in Sarajevo läuft und gerne gehört wird. Ich kann auch niemandem absprechen, Ceca zu hören. Was ich mir wünsche, ist, dass Menschen reflektieren und Dinge hinterfragen. Kritisch sein und Kritik aushalten, das muss jeder schaffen. Hör Ceca, wenn du Bock hast. Es ist dein Recht und dein Musikgeschmack, aber betrachte sie zumindest differenziert und vergiss nicht, dass sie die Ehefrau von Arkan war.

Andreas Gabalier und du werden dann wohl auch nicht Freunde – oder?
Wo soll ich anfangen? (lacht) Wenn Gabalier Österreich ist, dann bin ich noch weniger Österreicherin als ich dachte.

Welche Interviews sind dir lieber: ein Interview mit einer Politiker/in oder einer bosnischen Oma?
Welcher Politiker und wessen Oma? (lacht) Grundsätzlich ist es mir wichtiger, Betroffenen eine Stimme zu geben. Politiker stehen ohnehin schon in der Öffentlichkeit. Aber es hängt davon ab, welche(r) Politiker/in es ist. Einen aus Ex-Yu würde ich sehr gerne interviewen und der bosnischen Oma vielleicht ausnahmsweise vorziehen, weil ich viele Fragen habe – der ist aber schon tot.

Tito – liege ich richtig?
Ja, ganz klar, Tito. Mit ihm hätte ich schon gerne ein Interview geführt.

Hypothetische Frage: Wenn VICE morgen eine Redaktion in Bosnien-Herzegowina morgen aufmacht, würdest du nach Sarajevo umziehen?
Ich bin erst hier angekommen, also stellt sich die Frage jetzt gerade nicht. Aber zum heutigen Zeitpunkt würde ich es nicht tun. Bosnien-Herzegowina ist ein wunderschönes Land zum in den Urlaub fahren, aber dort zu leben und zu arbeiten, ist eine andere Sache. Man kann nicht an Bosnien denken, ohne traurig zu sein. Das Land ist so kaputt – nicht umsonst suchen so viele talentierte Junge das Weite, sobald sie können. Aber es ist nicht nur das: Ich fühle mich durch und durch als Wienerin. Ich liebe diese Stadt, sonst wäre ich schon längst woanders hingegangen.

Hast du noch ein Schlusswort, vielleicht ein Appell oder ein Tipp für junge Frauen aus der Ex-Yu-Community?
Lasst euch nicht in Strukturen drängen, die euch nicht glücklich machen. Brecht aus dem Konstrukt aus, in dem wir alle sozialisiert wurden und definiert euch über eure eigenen Werte – nicht die Werte anderer.

Mehr Infos über Alexandra Stanić findet ihrer Webseite.

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