Der Gebrauchtmarkt für Elektroautos nimmt Fahrt auf – das Angebot wächst spürbar, während die Preise sinken. Damit entwickeln sich E-Autos aus zweiter Hand zu einer echten Alternative gegenüber konventionellen Fahrzeugen. Hier erfahren Sie, worauf beim Kauf zu achten ist.
Elektrofahrzeuge haben ihre Nischenposition inzwischen verlassen. Eine zunehmend vielfältige Modellauswahl und technische Fortschritte haben den Neuwagenmarkt deutlich belebt: Mittlerweile sind mehr als 1,6 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs. Der Gebrauchtwagenmarkt entwickelte sich zunächst langsamer: Bis zum Jahreswechsel 2022/2023 fanden Kaufinteressenten ein begrenztes Angebot zu hohen Preisen vor. Diese Situation hat sich inzwischen gewandelt. Die Anzahl der online angebotenen elektrischen Gebrauchtwagen ist deutlich gestiegen, selbst Modelle mit guter Reichweite und akzeptablen Schnellladefähigkeiten für Langstrecken werden vermehrt angeboten.
Fahrzeuge wie Audi Q4 e-tron, VW ID.3, Skoda Enyaq, Tesla Model 3 oder Polestar 2 sind nun in nennenswerter Stückzahl verfügbar. Häufig handelt es sich um Fahrzeuge im Alter von zwei bis vier Jahren aus Leasingrückläufen mit überschaubarem Kilometerstand und guter Pflege.
Die Zahl der Besitzumschreibungen bei Elektroautos in Deutschland, hat sich von etwa 60.000 im Jahr 2022 auf rund 180.000 im Jahr 2024 verdreifacht. Für 2025 wird ein weiterer deutlicher Anstieg auf dem Gebrauchtwagenmarkt erwartet. Mit dem wachsenden und attraktiveren Angebot sinken auch die Preise. Zwei weitere Faktoren tragen zur Preisreduktion bei: rückläufige Neuwagenpreise sowie die derzeit geringe Wertstabilität von Elektroautos.
Nach Erhebungen des Marktbeobachters DAT (Deutsche Automobil Treuhand) beträgt der durchschnittliche Restwert eines dreijährigen Elektrofahrzeugs aktuell nur noch 50,3 Prozent des Neupreises – ein deutlicher Rückgang gegenüber Jänner 2023 mit 61,5 Prozent. Vergleichbare Benzin- oder Dieselfahrzeuge erzielen derzeit noch Restwerte von über 60 Prozent. Dies bedeutet: Kaufinteressenten profitieren von der aktuellen Marktsituation durch vergleichsweise günstige Einkaufspreise für gebrauchte Elektromodelle.
Aktuelle Marktlage
Ein Blick auf die bekannten Internetbörsen für Gebrauchtwagen zeigt aktuell zwischen 4.400 (Willhaben), 15.000 (ebay) und 60.000 Angeboten (mobile.de), wie eine aktuelle Stichprobe belegt. Tesla Model 3 der Baujahre 2020 und 2021 werden je nach Laufleistung zwischen 17.000 und 20.000 Euro angeboten. Renault Zoe sind in großer Zahl für unter 5000 Euro erhältlich – allerdings bereits mit höherem Alter, vielen Kilometern und zusätzlicher monatlicher Akkumiete.
Fahrzeuge chinesischer Hersteller machen mit etwa einem Prozent aller Gebrauchtwagenofferten noch kaum einen Anteil aus. Lediglich MG-Modelle sind präsent, wenn auch auf niedrigem Niveau, wie eine interne Analyse von Autoscout24 zeigt.
Bemerkenswert ist, dass die Bereitschaft von Privatpersonen, ein gebrauchtes Elektroauto zu erwerben, zuletzt offenbar eher abgenommen hat. Umfragen der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) zufolge tendieren 70 Prozent der Befragten eher zum Kauf eines neuen Elektroautos – trotz wegfallender staatlicher Förderung. 37 Prozent ziehen tendenziell ein Modell in Betracht, das weniger als 12 Monate alt ist (Vorführ- oder Jahreswagen), während nur 9 Prozent sich für einen älteren Gebrauchtwagen interessieren. Der positive Aspekt: Eine verhaltene Nachfrage verbessert tendenziell die Position potenzieller Käufer.
Ist der Kauf eines gebrauchten Elektroautos grundsätzlich empfehlenswert? Prinzipiell spricht nichts dagegen. Die Gebrauchtpreise bewegen sich häufig bereits auf dem Niveau von Verbrennern, während die Unterhaltskosten meist niedriger ausfallen. Ein Elektrofahrzeug verfügt über deutlich weniger Verschleißteile als ein konventionelles Auto. So entfallen potenzielle Sorgen über anstehende Kupplungsreparaturen oder Auspuffersatz.
Wer vorwiegend zu Hause laden kann, statt auf teurere öffentliche Ladestationen angewiesen zu sein, oder sogar selbst erzeugten Solarstrom nutzen kann, profitiert zusätzlich von Kostenvorteilen.
Batterieleistung prüfen
Die allgemeinen Empfehlungen für den Gebrauchtwagenkauf gelten selbstverständlich auch für Elektroautos. Gibt es jedoch spezifische Besonderheiten oder Risiken beim Erwerb eines elektrischen Gebrauchtwagens? Diese Frage beschäftigt viele Interessenten, da ihnen im Vergleich zu Verbrennern die Erfahrungswerte fehlen. Unsicherheiten bestehen vor allem hinsichtlich der Akkuleistung. Wie schnell nimmt die Batterieleistung ab? Verringert sich die Reichweite mit zunehmendem Alter?
Dass der Akku grundsätzlich mit der Zeit und Nutzung altert, lässt sich nicht vermeiden. Je mehr Ladezyklen durchlaufen werden, desto stärker die Alterung.
Allerdings konnte der ADAC in zahlreichen Dauertests keine besonders schnelle Alterung der Batterien feststellen. Bei den untersuchten Fahrzeugen zeigten sich die Antriebsbatterien auch nach hoher Laufleistung erstaunlich leistungsfähig. Ein inzwischen über 160.000 Kilometer getesteter VW ID.3 verfügt beispielsweise noch über 91 Prozent der ursprünglichen Akku-Kapazität – ein hervorragender Wert, der deutlich über den von VW im Rahmen der Neuwagengarantie bei 100.000 Kilometern zugesicherten 74 Prozent liegt.
Vertrauen ist gut, Kontrolle jedoch besser. Da die Antriebsbatterie die teuerste Komponente eines Elektroautos darstellt, sollte der Verkäufer den Gesundheitszustand der Batterie („State of health“ = SOH) möglichst präzise nachweisen können. Bei regelmäßigen Wartungen und Überprüfungen in Herstellerwerkstätten wird der Zustand der Antriebsbatterien dokumentiert. Können die entsprechenden Prüfprotokolle zusammen mit dem Serviceheft vorgelegt werden, stärkt dies das Vertrauen – fehlen diese Unterlagen, ist Vorsicht geboten.
Auch der ADAC bietet hier Unterstützung. In Zusammenarbeit mit dem Partner Aviloo stellt der Automobilclub einen herstellerunabhängigen und neutralen Batteriecheck für reine Elektrofahrzeuge sowie Plug-in-Hybride zur Verfügung.
Um das passende Elektrofahrzeug zu finden, sollten zunächst die individuellen Anforderungen an das Wunschfahrzeug wie Platzangebot und Ausstattung geklärt werden. Bei Elektroautos muss der Käufer zusätzlich entscheiden, welche Reichweite und Ladetechnologie benötigt werden. Soll mit dem Fahrzeug beispielsweise täglich eine Pendlerstrecke von 50 Kilometern zurückgelegt werden, genügt auch ein Elektroauto der ersten Generation. Bei regelmäßigen Strecken von 100 Kilometern oder mehr könnte es für ältere E-Autos mit gealterter Batterie bereits knapp werden.
Die Akkukapazität ist von entscheidender Bedeutung. Sie wird in kWh angegeben. Die Reichweite lässt sich grob abschätzen: Ein Fahrzeug mit einer 40-kWh-Batterie erreicht bei einem angenommenen Autobahnverbrauch von 20 kWh/100 km etwa 200 Kilometer Reichweite. Für Fahrer, die selten auf Autobahnen unterwegs sind, dürfte diese Akkugröße ausreichen. Bei häufigen Langstreckenfahrten kann ein zu kleiner Akku jedoch zahlreiche Ladestopps erforderlich machen – was schnell lästig werden kann.
Darüber hinaus sollte geklärt werden, wo das Fahrzeug aufgeladen werden kann: Ob dies überwiegend zu Hause, beim Arbeitgeber oder an öffentlichen Ladesäulen erfolgt. Letzteres führt zu höheren Betriebskosten, die berücksichtigt werden müssen. Es empfiehlt sich, eine Ladekarte zu beschaffen, mit der möglichst viele Ladesäulen genutzt werden können.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die im Fahrzeug vorhandene Ladeleistung, besonders wenn längere Strecken zurückgelegt werden sollen. Sie bestimmt maßgeblich, wie schnell der Akku wieder aufgeladen werden kann. Ladetechnologie und Ladeleistung entscheiden wesentlich über die Flexibilität eines Elektroautos. Verfügt ein Elektrofahrzeug über Schnellladefähigkeit (DC-Gleichstrom), ist es relativ rasch wieder für längere Fahrten einsatzbereit.
Kann es hingegen nur an Wechselstrom (AC) normal laden, benötigt es mehrere Stunden oder eine ganze Nacht, um wieder eine nennenswerte Reichweite zu erreichen. Auch beim AC-Laden gibt es Unterschiede: Manche Bordladegeräte können nur eine Phase nutzen, andere zwei oder idealerweise drei Phasen. Die möglichen Ladeleistungen variieren entsprechend zwischen 3,6 und 22 Kilowatt.
Die Herstellerangaben zur Reichweite sollten nicht unkritisch übernommen werden. Die tatsächliche Reichweite liegt meist niedriger und ergibt sich aus der nutzbaren Batteriekapazität und dem Stromverbrauch. Dieser wird wesentlich vom Fahrverhalten (höherer Verbrauch bei schneller Autobahnfahrt), der Außentemperatur (bei starker Kälte leistet der Akku weniger und muss beheizt werden) sowie den Wetterbedingungen und der Nutzung von Heizung oder Klimaanlage beeinflusst.
Beim Kauf eines gebrauchten Elektroautos gelten dieselben Grundsätze wie beim Erwerb jedes anderen Gebrauchtwagens. Letztlich lässt sich das Risiko, ein problematisches Exemplar zu erwerben, nur durch die Begutachtung eines Fachmanns oder eine Gebrauchtwagenuntersuchung beim ADAC bzw. anderen Prüforganisationen minimieren. Der Verkäufer sollte möglichst detaillierte Auskünfte zur Fahrzeughistorie, Reichweite und zum Batteriezustand geben können.
Eine gründliche Überprüfung des Serviceheftes ist beim Elektroauto ebenso wichtig wie bei konventionellen Fahrzeugen, da regelmäßige Wartungen ein einwandfreies „Vorleben“ des Fahrzeugs belegen. Ohne präzise Dokumentation ist es schwierig, Garantieansprüche durchzusetzen, insbesondere bei langjährigen Garantieversprechen für Batterie oder andere elektrische Komponenten.
Ist eine Batterie nicht mehr ausreichend leistungsfähig, muss technisch gesehen nicht zwangsläufig die gesamte Batterie ersetzt werden. Oft genügt der Austausch einzelner Batteriemodule. Ob und zu welchen Kosten Werkstätten dies anbieten, ist jedoch weitgehend unklar. Die Hersteller halten sich hier noch bedeckt, obwohl die Batterien grundsätzlich reparierbar konstruiert sind. Die Situation dürfte sich in den kommenden Jahren jedoch verbessern.
Unbedingt sollten die für das Wunschfahrzeug geltenden Garantiebedingungen geklärt werden. Während Elektroautos der ersten Generation oft fünf Jahre oder 100.000 km Garantie auf die Antriebsbatterie hatten, haben sich inzwischen bei den meisten Herstellern Garantiezusagen von acht Jahren oder 160.000 km etabliert. Ein Garantiefall liegt vor, wenn die Restkapazität eine vom Hersteller definierte Grenze unterschreitet – meist 70 Prozent nutzbarer Restkapazität.
Je näher das Fahrzeug dem Garantieende kommt, desto höher das Risiko für den Gebrauchtwagenkäufer, selbst für Schäden aufkommen zu müssen.
Erfragen Sie beim Verkäufer oder Vorbesitzer Informationen zu Batterieschäden oder -reparaturen und halten Sie diese schriftlich fest. Hier sollte idealerweise auch dokumentiert werden, welche Ladekabel oder sonstiges Zubehör zum Fahrzeug gehören und in welchem Zustand sie sich befinden.
FAZIT: Da auch die Betriebskosten in der Regel niedriger ausfallen als bei konventionellen Fahrzeugen, stellen Elektroautos auch gebraucht mittlerweile für viele Kundengruppen eine überlegenswerte Alternative dar – besonders wenn zu Hause oder beim Arbeitgeber kostengünstiger Strom geladen werden kann.