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Verwässerung

Die Zeiten sind vorbei“: Erotik-Stars verdrängen Musiker bei US-Visa

Die Zeiten sind vorbei“: Erotik-Stars verdrängen Musiker bei US-Visa
Foto: iStock
3 Min. Lesezeit |

Die Vergabe des begehrten US-Künstlervisums hat sich grundlegend gewandelt. Ursprünglich als Reaktion auf den Fall John Lennon eingeführt, der in den 1970er Jahren beinahe aus den Vereinigten Staaten abgeschoben worden wäre, sollte das O-1B-Visum herausragenden Künstlern den Aufenthalt in den USA ermöglichen.

Der britische Musiker stand damals kurz vor der Ausweisung, was die amerikanischen Behörden zur Schaffung einer speziellen Aufenthaltsgenehmigung für Personen mit „außergewöhnlichen Fähigkeiten“ veranlasste.

Die Kriterien für dieses Visum sind anspruchsvoll: Antragsteller müssen „außergewöhnliche Fähigkeiten in den Künsten oder herausragende Leistungen in der Film- oder Fernsehindustrie“ nachweisen. Dazu zählen Mitwirkungen an renommierten Produktionen, landesweite Bekanntheit, kommerzielle oder kritische Erfolge sowie überdurchschnittliche Einkünfte in ihrem Tätigkeitsbereich. Während das Programm anfänglich für etablierte Künstler wie Schauspieler, Musiker und bildende Künstler konzipiert war, nutzen inzwischen vermehrt Social-Media-Persönlichkeiten und Darsteller von Erotikplattformen ihre Einnahmen, Werbeverträge und Followerzahlen als Belege für ihren Erfolg.

Neue Antragsteller

Michael Wildes, ein New Yorker Rechtsanwalt, dessen Vater einst John Lennon vor der Abschiebung bewahrte, beklagt diese Entwicklung. „Die Zeiten, in denen man ikonische Namen wie Boy George oder Sinéad O’Connor vertreten hat, sind vorbei“, erklärte er gegenüber der „Financial Times“. Seit der Pandemie würden zunehmend im Ausland geborene OnlyFans-Darsteller das O-1B-Segment dominieren.

Zu den prominenten Beispielen zählt die aus Mexiko stammende Yanet Garcia, die im Jänner auf Instagram den Erhalt ihrer US-Aufenthaltsgenehmigung feierte. Weitere ausländische OnlyFans-Persönlichkeiten mit Arbeitserlaubnis sind die gebürtige Chinesin Joyy Mei und die Kanadierin Aishah Sofey, die dem Florida-„Bop House“ angehört, einer Wohngemeinschaft bekannter OnlyFans-Darsteller.

Kritik am System

Das US-Außenministerium hat seit 2017 insgesamt 125.351 O-1-Visa ausgestellt. Die Gesamtzahl dieser Visa ist seit der Jahrtausendwende erheblich gestiegen – mit einem Zuwachs von fast 50 Prozent zwischen 2014 und 2024. Die Einwanderungsanwältin Protima Daryanani kritisiert in der Financial Times: „Wir erleben Szenarien, in denen Menschen, die niemals hätten genehmigt werden dürfen, O-1-Visa erhalten. Das Programm ist verwässert worden, weil die Leute lediglich die formalen Kriterien erfüllen.“

Der New Yorker Anwalt Shervin Abachi sieht in der Bewertung von „außergewöhnlicher Fähigkeit“ anhand von Klickzahlen und Einnahmen eine potenzielle Gefahr für traditionelle Künstler.

„Sachbearbeiter orientieren sich bei der Bearbeitung der O-Visa-Anträge fast ausschließlich an algorithmusbasierten Kennzahlen“, bemängelt er. „Dabei bleibt wahre künstlerische Qualität oft unberücksichtigt.“