Islamistische Akteure nutzen weltpolitische Krisen gezielt für ihre Propaganda. Der neue Bericht der Dokumentationsstelle politischer Islam zeigt: Die Strategien werden immer vielfältiger.
Der aktuelle Jahresbericht der „Dokumentationsstelle politischer Islam“ (DPI) zeichnet ein beunruhigendes Bild der Lage in Österreich. Laut der am Donnerstag vorgestellten Analyse nutzen Akteure des Politischen Islams die gegenwärtige weltpolitische Situation zunehmend für ihre Zwecke. Besonders im digitalen Raum entwickelt sich eine problematische Dynamik: Islamistische Influencer instrumentalisieren geopolitische Entwicklungen wie den Nahost-Konflikt oder die Machtübernahme durch die HTS (syrische Rebellengruppe) in Syrien, um religiös-extremistische Narrative zu verbreiten – mit besonderem Fokus auf junge Menschen. Die sozialen Netzwerke sind dabei voll von Inhalten, die primär auf emotionale Mobilisierung abzielen.
In diesem Umfeld wird terroristisches Handeln teilweise relativiert oder sogar glorifiziert, während kritische Stimmen gegen islamistische Strömungen pauschal mit dem Vorwurf der „Islamophobie“ konfrontiert werden. Die Einflussnahme transnationaler Akteure des Politischen Islams auf die europäische und österreichische Gesellschaft erfolgt nach Erkenntnissen der DPI zunehmend über verschiedene Kanäle.
Hybride Verbreitungswege
Der Bericht verdeutlicht, dass die Verbreitung extremistischer Inhalte hybrid stattfindet – sowohl über Online-Medien als auch durch Straßenaktionen, popkulturelle Elemente, Moscheen und Bildungseinrichtungen. Die DPI identifiziert dabei eine zentrale Strategie islamistischer Bewegungen: Jegliche Kritik am Politischen Islam wird als Angriff auf den Islam insgesamt und die gesamte muslimische Gemeinschaft umgedeutet – eine Taktik, die offenbar Wirkung zeigt.
In Teilen der Gesellschaft lassen sich bereits Tendenzen erkennen, die auf eine problematische Distanzierung vom freiheitlichen Lebensmodell hindeuten. Gleichzeitig bemühen sich Vertreter des Politischen Islams, den Westen als Unterdrücker der muslimischen Gemeinschaft darzustellen.
„Akteure verschiedener Strömungen im Politischen Islam nutzen geopolitische Ereignisse für ihre Zwecke, was direkte Auswirkungen auf muslimische Communities in Österreich hat“, erklärt DPI-Direktorin Lisa Fellhofer. „Wir beobachten verstärkt einen Trend zu Lifestyle-Angeboten, die eine fundamentalistische Lebensweise propagieren.“ „Die offene Ablehnung des Säkularismus fördert zudem gesellschaftliche Polarisierung und Spaltung und untergräbt das Vertrauen in demokratische Institutionen.“
Öffentliche Präsenz
Islamistische Propaganda war 2024 nicht nur in sozialen Medien präsent, sondern zeigte sich – vor allem in städtischen Gebieten – auch vermehrt im öffentlichen Raum Österreichs. Dies manifestierte sich in einer verstärkten Präsenz von Graffitis, Plakaten und Aufklebern sowie im Bereich der Vermarktung von Lifestyle-Produkten.
⇢ Geheimer CIA-Bericht: Rohstoffreichtum in Bosnien & Herzegowina
Unternehmen mit salafistischem Hintergrund vertreiben ihre Modeartikel inzwischen nicht mehr ausschließlich online, sondern auch in eigenen Geschäften. In diesem Kontext registriert die DPI eine verstärkte Kooperation zwischen religiös-extremistischen und antiimperialistischen Gruppierungen, deren gemeinsame Ausrichtung sich primär gegen westliche Staaten und Werte richtet.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Dokumentationsstelle Politischer Islam wurde 2020 als unabhängiger Fonds der Republik Österreich gegründet und wird von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, der nationale und internationale Fachexpertisen einbringt. Die Institution veröffentlicht jährlich einen Extremismus-Bericht, der auch Aktivitäten im Internet und in sozialen Medien analysiert. Allerdings wird die Unabhängigkeit und wissenschaftliche Ausrichtung der Dokumentationsstelle von verschiedenen Seiten, darunter Wissenschaftler und muslimische Organisationen, regelmäßig kritisch hinterfragt – insbesondere hinsichtlich der Arbeitsdefinition des „politischen Islam“ und möglicher politischer Einflussnahme auf die Forschungsergebnisse.