Das Land Vorarlberg hat sich von der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens an den SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner distanziert. Diese Entscheidung erfolgt vor dem Hintergrund mehrerer Missbrauchsvorwürfe, die gegen den 1986 verstorbenen Vorarlberger erhoben wurden.
Gmeiner, der 1919 in Alberschwende im Bregenzerwald geboren wurde, hatte die Auszeichnung 1974 erhalten, acht Jahre nach der Eröffnung des ersten Vorarlberger SOS-Kinderdorfs in Dornbirn. Zwischen 2013 und 2023 wurden im Rahmen eines unabhängigen Opferschutzverfahrens mehrere Missbrauchsvorwürfe gegen ihn dokumentiert, die derzeit von der Staatsanwaltschaft untersucht werden.
Der Ehrenzeichenrat des Landes fasste seinen Beschluss zur Distanzierung als vorläufige Maßnahme, während die juristische Aufarbeitung durch die Justiz noch aussteht. Dies teilte die Landespressestelle in einer offiziellen Aussendung mit. Parallel dazu distanzierte sich der Rat auch von der Ehrung der nationalsozialistischen Autorin Natalie Beer. Die Landesregierung unterstützt diese Entscheidungen ausdrücklich.
Entscheidung des Ehrenzeichenrats
In seiner Sitzung am vergangenen Dienstag unter dem Vorsitz von Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) verurteilte der Landesehrenzeichenrat jede Form von Gewalt gegen Minderjährige und beschloss daher die Distanzierung von Gmeiners Auszeichnung als ersten Schritt.
NS-Vergangenheit Beers
Die Schriftstellerin Natalie Beer, 1903 in Au im Bregenzerwald geboren, erhielt 1975 das Silberne Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg. Nach Einschätzung des Ehrenzeichenrats hat sich Beer dieser Würdigung als nicht würdig erwiesen. Die Autorin trat 1940 sowohl der NSDAP als auch der Reichsschrifttumskammer bei. Von 1942 bis zum Kriegsende bekleidete sie die Position der Gau-Abteilungsleiterin für „Presse-Propaganda der NS-Frauenschaft“ in Tirol-Vorarlberg und zählte damit zu den ranghöchsten Nationalsozialistinnen in der Region.
Nach dem Ende des NS-Regimes setzte Beer ihre Karriere als Schriftstellerin und Dichterin fort, ohne sich jemals vom nationalsozialistischen Gedankengut zu distanzieren.
Im Herbst dieses Jahres forderten Grüne und SPÖ wiederholt die formelle Aberkennung ihrer Auszeichnung – ein Schritt, der allerdings eine Änderung des bestehenden Gesetzes erfordern würde.