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Mobbing: Habt ihr Angst in die Schule zu gehen?

Mobbing in österreichischen Schulen Angst
Mobbing in österreichischen Schulen Angst (FOTO: iStock)

TORTUR. Mobbing in Schulen stellt ein weltweit verbreitetes Problem dar. Die schlimmten Formen des Mobbings wurden in den U.S.A. registreirt, dennoch ist dieses Phänomen auch in Österreich stark vertreten.

Ich war sieben Jahre alt. Mein Vater suchte den ganzen Tag nach Arbeit und meine Mutter musste einen Deutschkurs absolvieren, um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Ich war sechs Jahre alt. Seitdem Kindergarten keine Option mehr war und es schwierig war, jemanden zu finden, der oder die sich über mich kümmern kann, wurde der Beschluss gezogen, dass es am besten war, dass meine Mutter mich während des Deutschkurses mitnimmt. Ich widmete meine Aufmerksamkeit auf den Unterricht und hörte der Deutschlehrerin zu. Als regelmäßiger Teilnehmer am Kurs habe ich gelernt, fließen zu lesen und zu schreiben. Dann kam September – erste Klasse. Ich trug eine Schultüte mit Süßigkeiten und Knabber-Zeug und ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hörte die Stimme meiner damaligen Direktorin der Volksschule und wartete nur darauf, dass sie uns in unsere Klassenzimmer gehen lässt. Aber, das Gefühl, das ich nicht dort gehöre, ist nie verschwunden. Ich war anders als der Rest der Klasse und alle waren sich dessen bewusst. Ich konnte fließend schnell und fehlerfrei lesen. Ich weiß, es ist etwas unglaublich, aber es war tatsächlich so. Ich fühlte mich nie einzigartig, weil ich an solchen Artefakten nichts Besonderes sah. Fügt die Tatsache, dass ich mit der linken Hand schreibe, in den Mix und man bekommt Seltenheit. Ich dachte, dass solche Fremdheit akzeptabel ist. Ich konnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein als damals. Jungs haben mich hauptsächlich gehänselt und meistens waren Mädchen nicht nett zu mir. Ich hatte eine beste Freundin und ich weiß noch, dass ich sie und unseren damaligen Schulwart heiraten würde. Ich lache immer noch über diese Erinnerung. Viele verurteilten mich, aber wer redet in kleinen Jahren nicht Unsinn? Und wer ist perfekt? Keiner!“

Einsamkeit, Traurigkeit, Gefühl von Wertlosigkeit – Rezept für Depression.

„Ich will nicht zu sehr ins Detail eingehen, aber ich hatte auch Pech mit der Lehrerin. Ich erhielt einmal eine Warnung von ihr aufgrund meiner damals hässlichen Schrift. Ich habe mich nie verteidigt und habe nie was dagegen getan. Und ja, ich habe, buchstäblich, um jedes kleine Ding geweint, aber wie gesagt, niemand ist perfekt. Die Volksschulzeit kam zu Ende und die Anmeldung und der Anfang von etwas Größerem und Schwerem. habe ich dort mehr Glück, sagte ich mir. Aber nein. Kein Glück. Und teilweise ist meine Naivität daran schuld. Ich vertraute Geheimnisse an falschen Leuten, wurde angelogen und beschämt von einen Jungen, in den ich dachte, dass ich verliebt war, und ich wurde zwar nicht mehr gehänselt, sondern schikaniert. Damit entwickelten sich die ersten rohen Emotionen – Einsamkeit, Traurigkeit, Gefühl von Wertlosigkeit – Rezept für Depression. Dazu noch falsche Freunde… sie waren geschickt mit Wortwahl, sodass ich nur das gehört habe, was ich hören wollte, aber nicht, was ich hören sollte. Sie zogen Witze über mich mit der Absicht, mich zu verletzen, wurde geprankt und nicht ernst genommen. Ich war in deren Augen nur ein Witz. Ein Witz, der auch nach all diesen Jahren nie veraltete. Natürlich gab es auch Gerüchte über mich. Tratsch und Klatsch. Dies waren keine gewöhnlichen unwahren Geschichten. Das waren widerliche Unwahrheiten, an die man nur glaubte. Es war ein seltener Fall, wenn mich jemand fragen würde, ob diese Geschichten stimmten. Es war umsonst, die Wahrheit zu sagen, weil mir sowieso niemand zugehört hat und ihre Meinung einfach festsaß. Sie suchten mit Zweifel nach Gründe, mich wirklich zu hassen und zu verurteilen. Angeblich habe ich etwas gemacht, was ihrer Meinung nach unangemessen ist.“

„Zu sagen, dass es mich verletzt hat, war eine Unterschätzung und beschrieb den Schmerz nicht genug. Scham, Beleidigung, Demütigung – alles war da.“

„In der zweiten Klasse waren wir für eine Woche lang auf einer Exkursion, wo wir Ski gefahren sind. Ich brachte mein Tagebuch mit, um über das Abenteuer dort zu schreiben. Ich habe immer geglaubt, dass es gut ist, die guten Tage einzutragen, damit man sich für immer daran erinnern kann. Eines Tages war die Tür von dem Zimmer offen, vielleicht wurde es absichtlich offengelassen, und jemand hat mein Tagebuch aufgemacht und die meisten Einträge gelesen. Zu sagen, dass es mich verletzt hat, war eine Unterschätzung und beschrieb den Schmerz nicht genug. Scham, Beleidigung, Demütigung – alles war da. Letztes Jahr fing ich an, die Welt etwas besser zu verstehen, die ich vorher nie verstand. Und wo ich dachte, dass es keine Hoffnung mehr im Leben gab, sah ich schließlich ein Lichtstrahl am Ende des dunklen Tunnels. Die ersten Strahlen waren echte Freunde. Ich habe Menschen gefunden, denen ich vertrauen konnte und die mir alle vertrauen konnten. Und wegen ihnen war ich nach langer Zeit endlich glücklich. Ich mochte die Schule mehr und ich konnte mich besser konzentrieren. Zuerst fing ich an, meine Freunde vor verzogene, zügellose und unreife Menschen zu verteidigen, weil sie mich so oft verteidigt haben, dann begann ich mich selber zu verteidigen. Ich fand meine Stärke wieder und gewann an mehr Selbstvertrauen. Es war ein guter Teil meiner Erfahrung mit der falschen Welt, weil ich viel gelernt habe und irgendwie dankbar bin für all die schlimmen Dinge, die ich ertragen und leiden musste. Weil ich dadurch ein besserer Mensch geworden bin.

Tamara
Tamara: „Der wichtigste Schritt im Kampf gegen das Mobbing war zu erkennen, dass ich würdig bin und dass das, was die Leute sagen, mich als Person nicht definiert.“ (FOTO: KOSMO)

Das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte der 16-jährigen Tamara, die einen Großteil ihrer Ausbildung damit verbrachte, gegen Gleichaltrige zu kämpfen, die die Neigung dazu hatten, andere Schüler in ihrer Umgebung zu demütigen. Wir erforschten die Ursachen und die Häufigkeit verbaler Anfeindungen von Gleichaltrigen in Schulen in Österreich und baten Tamara, uns ausführlicher über ihre Situation zu berichten: „Am Anfang war alles auf der Ebene der Stichelei – sie zeigten auf mich mit ihren Fingern aus der Ferne und lachten. Zu dieser Zeit nahm ich nicht viel zu meinem Herzen, aber es war mir sowieso egal, denn ich nehme an, niemand erwartet in diesem Alter ernste Hänseleien. Deshalb war ich in solchen Situationen mehrmals ein wenig verwirrt – wir waren zu jung, um es ernst zu nehmen, und ich lachte sogar ein paar Mal, als die Kinder anfingen, mich zu necken. Einmal fragte ich sie, warum sie mich hassten und was ich ihnen antat. Leider bekam ich nie die Antwort auf diese Frage.“ Wie jedes Kind suchte Tamara Hilfe bei den älteren Menschen in ihrer Umgebung, als sie bemerkte, dass das ständige Necken nicht bald vorbei sein würde. „Bevor ich mich aktiv zu verteidigen begann, sprach ich mehrmals mit meinen Eltern. Sie haben die ganze Situation nicht wirklich verstanden, weil sie nicht ahnen konnten, wie schlimm es war. Aus heutiger Perspektive halte ich die damalige Lage nicht für unerträglich. Ich hatte zwar Probleme, aber ich denke, dass Kinder in diesem Alter zu empfindlich für manche Situationen sind. Angesichts der Tatsache, dass meine Familie den ganzen Ernst der Situation nicht verstand, hörte ich auf, mit ihnen zu reden“, erklärt Tamara. Uns interessierte, ob sie sich an einen Schulpsychologen oder eine Schullehrerin gewandt habe, als sie sah, dass ihre Eltern nicht verstanden hatten, in welchem ​​Ausmaß sie betroffen war. Sie sagte uns, dass sie die Hilfe der Schule berücksichtigte, aber dass dieser Schritt auch nicht die beste Lösung war: „Ich bekam den Ruf der Petze der Klasse. Nachdem ich mit meinem Klassenvorstand sprach, nahm sie mich sofort in Schutz. Das hat geholfen, aber leider nur kurzfristig.“

„Die ganze Situation hatte auch eine positive Seite, nämlich zu verstehen, wer meine wahren Freunde sind. Heute schätze ich solche Freundschaften viel mehr“, sagte uns Tamara.

„Nach einiger Zeit ging ich zu einem Schulpsychologen, um mich beraten zu lassen, wie mit verbalem Missbrauch umzugehen ist. Ich habe sogar einmal mit den Schülern, die mich ständig neckten, gesprochen. Das verbesserte die Situation aber nicht. Ich möchte nicht sagen, dass Psychologen und Lehrer nicht helfen wollen oder können, aber ihre Methoden haben nicht immer wirksam“, schließt Tamara. Als Tamara feststellte, dass sie mit dem Problem allein war, beschloss sie, die Situation in die eigenen Hände zu nehmen und sich selbst zu schützen: „Ich begann zu ignorieren, was die Leute über mich denken. Der wichtigste Schritt im Kampf gegen das Mobbing war zu erkennen, dass ich würdig bin und dass das, was die Leute sagen, mich als Person nicht definiert. Sie wissen nichts über mich, also sollen mich ihre Worte nicht berühren. Die Tatsache, dass ich weiß, wer und was ich bin, war meine größte Motivation, mich zu verteidigen. Seitdem, jedes Mal, wenn mich jemand angreift, bekommt er es im gleichen Maß zurück. Als die Leute merkten, dass ihre Worte mich nicht mehr verletzen können und keine Wirkung auf mich hatten, hörten sie auf, mich zu necken. Heute gibt es keine Menschen mehr, die mich belästigen. Die ganze Situation hatte auch eine positive Seite, nämlich zu verstehen, wer meine wahren Freunde sind. Während dieser ganzen Zeit hatte ich ein paar Freunde, die mich nie verlassen haben. Heute schätze ich solche Freundschaften viel mehr. Sie haben mir viel über die Freundschaft beigebracht und auch darüber, dass ich jede Situation aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten soll.“ Tamara hat sich erfolgreich mit der schwierigen Situation auseinandergesetzt, aber der Ausweg aus dem Teufelskreise des Mobbings war lang und hart: „Die verbalen Attacken haben auf jeden Fall Spuren bei mir hinterlassen. Irgendwann begann ich an mir selbst zu zweifeln, weil ich dachte: Warum würden die Leute etwas über mich sagen, wenn das nicht stimmt? Ich fühlte mich wertlos. Das Schlimmste ist, dass ich irgendwie alleine mit diesem Problem war. Ich hatte jedoch Freunde, aber ich denke, die Hilfe der Familie hätte mir viel mehr bringen können. Auf diese Weise war ich mit diesem Problem alleine und habe nur gelitten und gelitten. Tipps wie „Dummköpfe nicht beachten“ haben nicht viel geholfen, weil es einfacher zu sagen ist als das zu tun. Wörter reichen manchmal nicht und es ist notwendig, etwas Konkretes zu tun, um die Situation zu verbessern.“

MERKMALE VON MOBBING:
Nicht jede Form von Gewalt und aggressivem Verhalten ist Mobbing. Die Grenze zwischen einer Konfliktsituation und Mobbing ist dann überschritten, wenn folgende Kriterien vorliegen:

Schädigungsabsicht – Mobbing ist ein spezielles aggressives / gewalttätiges Ver¬halten, von einem oder mehreren SchülerInnen gegenüber einem / einer anderen SchülerIn oder SchülerInnengruppe mit Schädigungsabsicht.

Wiederholungsaspekt – Die schädigenden Handlungen treten wiederholt, syste¬matisch und über einen längeren Zeitraum auf.

Machtungleichgewicht – Es besteht ein Ungleichgewicht im Kräfteverhältnis (physisch und / oder psychisch) zwischen TäterIn und Opfer, das zu Ungunsten des Opfers ausfällt.

Hilflosigkeit – Die betroffenen SchülerInnen fühlen sich der Situation hilflos aus¬gesetzt (vgl. Olweus, 1996: Spröber, Schlottke & Hautzinger, 2008; Alsaker, 2004; Wachs et al., 2016).

Wie sieht die Situation mit Mobbing in Österreich aus und was passiert wirklich unter den Jugendlichen in den Schulen? Um auf die Problematik des Phänomens näher einzugehen haben wir mit zwei Experten gesprochen.

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