Der verheerende Brand im Hongkonger Wang-Fuk-Wohnkomplex ist auch nach mehr als 24 Stunden nicht vollständig gelöscht. Aus einzelnen Fenstern schlagen weiterhin Flammen, während die Behörden eine erschreckende Bilanz ziehen: Mindestens 65 Menschen kamen ums Leben, rund 300 werden noch vermisst. Ob es sich um die schwerste Brandkatastrophe in der Geschichte der Metropole handelt, ist derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen.
Die Hongkonger Behörden haben bereits erste Konsequenzen gezogen. Drei Verantwortliche des mit der Sanierung beauftragten Unternehmens wurden festgenommen – zwei Direktoren und ein beratender Ingenieur. Regierungschef John Lee kündigte noch während der laufenden Löscharbeiten an, noch diese Woche mit Vertretern der Bauindustrie über ein schrittweises Verbot von Bambusgerüsten zu beraten. Stattdessen sollen künftig Stahlkonstruktionen vorgeschrieben werden. Zudem ordnete er eine umfassende Überprüfung aller bestehenden Bambusgerüste auf ihre Brandsicherheit an.
Während die Brandursache weiterhin ungeklärt ist, steht der Grund für die rasante Ausbreitung des Feuers auf die benachbarten Hochhäuser fest: Alle acht Gebäude des Wang-Fuk-Komplexes waren für Sanierungsarbeiten mit den für Hongkong charakteristischen Bambusgerüsten umhüllt – nach Einschätzung internationaler Experten ein regelrechter Brandbeschleuniger.
⇢ Mindestens 44 Tote nach Hochhaus-Inferno – 279 Menschen vermisst (VIDEOS)
Traditionelle Bauweise
Es erscheint paradox, dass ausgerechnet Hongkong als eine der modernsten Metropolen weltweit bei Hochhausbauten auf Bambusgerüste setzt. Tatsächlich ist die Stadt einer der letzten Orte, wo diese teils hunderte Meter hohen Konstruktionen noch zum Stadtbild gehören. Die Praxis wurzelt in einer jahrhundertealten chinesischen Tradition – mit Bambusgerüsten wurden einst nicht nur Paläste und Tempel, sondern auch die Große Mauer errichtet. Im heutigen China dominieren längst Stahlgerüste das Baugewerbe.
In Hongkong hingegen hält sich die Überzeugung, dass die händisch verbundenen Bambusrohre besondere Vorteile bieten. Sie nehmen Regenwasser auf, anstatt zu rosten, und ihre natürliche Elastizität macht sie widerstandsfähiger gegen die heftigen Taifune, die in der Spätsommerzeit über die Stadt hinwegfegen können. Die traditionelle Handwerkskunst der Bambusgerüstbauer ist bis heute lebendig.
Fachleute führen jedoch pragmatischere Gründe für die Verwendung an. „Bambus ist leicht und einfach zu schneiden. Damit eignet er sich gut für die beengten Wohnverhältnisse in Hongkong“, erklärt Brandschutzexperte Xinyan Huang von der Polytechnischen Universität Hongkong gegenüber Al Jazeera. Hinter dieser Praxis steht zudem ein traditionelles Handwerk: Etwa 4.000 überwiegend ältere Bambusgerüstbauer – von den Einheimischen respektvoll als „Spinnen“ bezeichnet – arbeiten noch in der Branche. Sie schneiden die Stangen zu und verbinden sie händisch zu komplexen Gitterstrukturen, die anschließend mit großflächigen Nylonnetzen zum Auffangen von Bauschutt überzogen werden.
Kulturelles Erbe
Der wirtschaftliche Faktor spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. „Die Arbeiter tragen die Stangen von Hand, damit können sie auch schwer zugängliche Fassaden ohne Kräne verkleiden“, erläutert der australische Bauforscher Ehsan Noroozinejad im Gespräch mit dem Guardian. „Diese Schnelligkeit und Flexibilität ermöglicht viel niedrigere Kosten.“
Für viele Hongkonger sind die grünen Bambusgerüste ebenso charakteristisch für ihre Stadt wie die schmalen, zweistöckigen Straßenbahnen und die roten Doppeldeckerbusse aus der britischen Kolonialzeit. Seit der Übergabe an China 1997 verschwinden diese identitätsstiftenden Elemente des Stadtbilds jedoch zunehmend. In persönlichen Gesprächen äußern Einwohner häufig ihre Besorgnis über den schleichenden Verlust der lokalen Kultur.
Die Bambusgerüste stehen bereits seit längerem im Fokus Pekings. Bereits im März hatte die Hongkonger Regierung verfügt, dass künftig bei der Hälfte aller Neubauprojekte Stahlgerüste zum Einsatz kommen müssen. Damals stand noch die Arbeitssicherheit im Vordergrund: Zwischen 2018 und 2024 verunglückten 22 Gerüstbauer tödlich bei Stürzen von Bambuskonstruktionen.
Die Brandkatastrophe im Wang-Fuk-Komplex dürfte nun das endgültige Aus für diese Hongkonger Bautradition bedeuten.
„Meiner Ansicht nach bot das Bambusgerüst dem Feuer die Möglichkeit, daran ‚emporzuklettern‘. Durch die große Hitze entzündeten sich dann verschiedene Brennstoffquellen in den Wohnungen“, analysiert Experte Huang die verheerenden Folgen der traditionellen Bauweise.