Neue Standorte, neue Systeme, neue Signale: Die NATO denkt ihre nukleare Strategie in Europa grundlegend neu.
Die NATO plant angesichts der anhaltenden Bedrohung durch Russland eine Verstärkung ihrer nuklearen Abschreckungskapazitäten in Europa. Wie die Deutsche Presse-Agentur recherchiert hat, wird dabei auch die Möglichkeit erwogen, zusätzliche US-Atomwaffen auf dem Kontinent zu stationieren. NATO-Generalsekretär Mark Rutte unterstrich, das Bündnis müsse jederzeit in der Lage sein, auf einen möglichen nuklearen Angriff zu reagieren.
Eine Ausweitung der US-amerikanischen Atomwaffenpräsenz in Europa schloss er nicht aus, verwies jedoch auf laufende Prüfungen und berief sich auf Geheimhaltungspflichten, um nähere Angaben zu vermeiden. Das Bündnis überprüfe kontinuierlich, welche Kapazitäten erforderlich seien und wie der nukleare Abschreckungsmix gestaltet werden müsse. „Wo immer wir Anpassungen vornehmen müssen, werden wir dies tun“, sagte Rutte. „Wir müssen sicherstellen, dass uns niemand mit Atomwaffen angreifen kann, ohne dass wir in der Lage wären, darauf zu antworten.“
Mögliche Standorte
Als potenzielle Standorte für eine erweiterte Stationierung gelten laut dpa neben Großbritannien künftig auch Polen, Finnland und Litauen, wobei es vorrangig um nicht-strategische Atomwaffen geht. Fachleute halten es für möglich, dass die USA Bomben des Typs B61-12 bereits auf den britischen Luftwaffenstützpunkt Lakenheath in Suffolk verlegt haben. Sollte sich die Sicherheitslage weiter verschärfen, könnten Polen, Finnland und Litauen als zusätzliche Stationierungsstandorte relevant werden.
Im Mittelpunkt der Planungen stehen sogenannte nicht-strategische Atomwaffen, die etwa für den Einsatz gegen feindliche Truppenkontingente, Flugplätze, Häfen, Kommandozentralen und militärische Infrastruktur konzipiert sind. Im Unterschied zu strategischen Atomwaffen verfügen diese Systeme in der Regel über eine geringere Sprengkraft und werden typischerweise von Kampfflugzeugen oder mit kürzer reichenden Raketen beziehungsweise Marschflugkörpern eingesetzt.
Aktuelle Lagerbestände
Nach den umfangreichen Abrüstungsschritten im Zuge des Kalten-Krieges-Endes lagern Schätzungen von Nuklearexperten zufolge derzeit noch rund 100 US-Bomben des Typs B61-12 auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Deutschland, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Türkei. Mehrere sicherheitspolitische Fachquellen beziffern die Zahl der in Europa stationierten US-Atomwaffen im Rahmen der nuklearen Teilhabe aktuell auf rund 100 taktische Bomben des Typs B61, die auf sechs Luftwaffenstützpunkte in fünf NATO-Staaten verteilt sind.
Als Stationierungsorte gelten die Luftwaffenstützpunkte Aviano und Ghedi in Italien, Büchel in Deutschland, Kleine Brogel in Belgien, Volkel in den Niederlanden sowie Incirlik in der Türkei. In Deutschland dient der Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz als Lagerort.
Im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO könnten diese Bomben im Ernstfall auch durch deutsche Kampfjets zum Einsatz gebracht werden.