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REPORTAGE

Olivera Pajić: Beispielhafte Menschlichkeit unserer Community

FOTO: Radule Bozinovic

MITLEID. Wenn einen fremde Not berührt, wenn die Hoffnungslosigkeit unbekannter Menschen den Wunsch weckt, ihnen uneigennützig zu helfen, ist die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht. KOSMO stellt euch in unserer vier-teiligen Serie großherzige Wiener mit Balkan-Wurzeln vor, deren Verhalten gegenüber Hilfsbedürftigen Bewunderung und großen Respekt verdient.

Wir leben in schweren Zeiten. Es gibt viele hungrige, entrechtete und durch fremdes Übel ins Elend gestürzte Menschen, deren Fundamente erschüttert sind, deren Würde verletzt wurde. Sie sind hier, bei uns. Wir können die Augen vor ihnen verschließen, wir können unsere kleine, verlogene Welt vor ihrer Not schützen. Aber wir können auch zulassen, dass das Mitleid in uns siegt, und ihnen helfen. Dass wir uns richtig verstehen: Echtes Mitleid ist nicht mit der Erwartung verbunden, dass man das, was man gibt, auch zurückbekommt. Es gibt kein Geben ohne Verzicht und Opfer. Wenn wir einmal diese Linie ziehen, werden wir begreifen, dass von allem, was wir haben, nur das bleibt, was wir anderen gegeben haben. Die Menschen, die wir bei der Arbeit an dieser Geschichte über Menschlichkeit kennengelernt haben, wecken die Hoffnung, dass der Menschen für den Menschen auch Mensch sein kann, und nicht nur Wolf.

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MITLEID. Wenn einen fremde Not berührt, wenn die Hoffnungslosigkeit unbekannter Menschen den Wunsch weckt, ihnen uneigennützig zu helfen, ist die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht. KOSMO stellt euch in unserer vier-teiligen Serie großherzige Wiener mit Balkan-Wurzeln vor, deren Verhalten gegenüber Hilfsbedürftigen Bewunderung und großen Respekt verdient.

 

Olivera Pajić

Brot muss für jeden Menschen da sein

Olivera – gelernte Chemietechnikerin, gebürtig aus Valjevo, lebt seit 26 Jahren in Wien und ist Inhaberin des Geschäfts „Balkan Burek“. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und ist durch ihre Heirat in den Haushalt der Familie Pajić in Šabac gekommen. Solange sie zurückdenken kann, wurde sie dazu erzogen, dass jeder Gast, der die Schwelle des Hauses überschreitet, mit Speisen und Getränken bewirtet werden muss und dass niemand ihr Haus hungrig oder durstig verlassen darf. Diese Grundsätze behielt sie auch in Wien mit ihrem Mann Mile bei.

„In mein Geschäft, in dem Speisen aus unserer Region verkauft werden, kommen täglich viele Menschen. Oft kaufen sie Braten, Trockenfleischprodukte, aber auch Burek, Kuchen und Brot, ohne auf das Geld zu schauen. Aber immer öfter kommt es vor, dass auch Menschen ohne Geld kommen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie nur hereinkommen, um den Duft des Essens zu genießen und sich zu wärmen. Wenn ich Zeit habe, mir die Kundschaft anzuschauen, erkenne ich die hungrigen Menschen leicht. Sie stehen anders da und senken den Blick, als ob ihnen ihre Armut peinlich ist. Den Hunger sieht man auf den ersten Blick“, erzählt Olivera über ihre Beobachtungen.

Olivera: „Brot muss jeder haben. Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn ich jemandem, der sagt, dass er hungrig ist, den Rücken kehren oder ihn aus dem Geschäft werfen würde. Damit würde ich alles mit Füßen treten, was ich zu Hause gelernt habe.“ (FOTO: Radule Bozinovic)
Olivera: „Brot muss jeder haben. Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn ich jemandem, der sagt, dass er hungrig ist, den Rücken kehren oder ihn aus dem Geschäft werfen würde. Damit würde ich alles mit Füßen treten, was ich zu Hause gelernt habe.“ (FOTO: Radule Bozinovic)

Ungenügend vertraut mit den Regeln und Bedingungen des Lebens in der Großstadt wissen viele Menschen nicht, wie vielschichtig die Gesellschaft ist und wie viel Armut am Rande der Gesellschaft herrscht. Das Bild von Glanz und Reichtum kann trügen, die Realität, die durch dunkle Schatten verborgen ist, ist unsichtbar. Olivera ist mit schweren Beispielen von Armut konfrontiert.

„Wenn ich bemerke, dass jemand abseits steht und sich mühsam darauf vorbereitet, mich etwas zu fragen, biete ich ihm einen Stuhl an und bringe ihm einen Kaffee. Kürzlich hatte ich so einen Fall. Der Mann setzte sich, trank seinen Kaffee und sagte, dass er zwei Tage zuvor nach Wien gekommen sei und dass er nicht einmal das Geld für ein Stück Brot hatte. Wortlos habe ich ihm genug Essen für diesen Tag zusammengepackt und ihm keine Gelegenheit gegeben, sich zu entschuldigen, weil ihm das unangenehm gewesen wäre.

Diese humane Frau hat auch ihre Mitarbeiterin im Geschäft angewiesen, es ihr gleichzutun, wenn jemand sagt, dass er hungrig ist. Wenn auch sonst nichts, so muss man ihm zumindest ein Stück Brot geben. Es gibt jedoch auch Menschen, die das missbrauchen. „Ich weiß nicht, ob ich traurig sein soll oder ob ich über den jungen Mann lachen soll, der hereinkam, als wir gerade schließen wollten, und behauptete, er sei sehr hungrig. Da alles Essen bereits eingepackt war, gab ich ihm Brot. Zwei Tage später kam er wieder und bat um Brot, Fleisch und Salat. Ich gab es ihm, obwohl mich die Arroganz störte, die ich in seiner Stimme hörte. Aber als er zum dritten Mal mit einer Wunschliste kam, auf der auch Kuchen, Käse und andere Leckerbissen standen, bat ich ihn, zu gehen. Ich mag es nicht, wenn jemand versucht, meine natürliche Hilfsbereitschaft auszunutzen“, betont Olivera, die mit ihrem Mann Mile an zahlreichen humanitären Aktionen in Wien mitgewirkt hat.

Wenn jemand sagt, dass er hungrig ist, muss er in Oliveras Geschäft, wenn schon nichts anderes, zumindest eine Scheibe Brot bekommen. (FOTO: Radule Bozinovic)
Wenn jemand sagt, dass er hungrig ist, muss er in Oliveras Geschäft, wenn schon nichts anderes, zumindest eine Scheibe Brot bekommen. (FOTO: Radule Bozinovic)

Kaum jemand wird heute in einem Geschäft oder einem Restaurant in der Stadt Essen bekommen, egal wie groß seine Not ist. Überall wird aufs Geld geschaut, alles hat seinen Preis, Menschlichkeit wird nicht verschenkt. Vor fremder Not wird weggeschaut, als ob es sich um eine schwere ansteckende Krankheit handelte.

„Ich kann das nicht. Ein Beutel voll Essen wird meine Familie nicht arm machen, aber ich kann ruhig schlafen. Brot muss heute jeder haben, alles andere ist weniger wichtig. Ich würde mich furchtbar fühlen, wenn ich jemandem den Rücken kehren oder jemanden hinauswerfen würde, der sagt, dass er hungrig ist. Damit würde ich alles mit Füßen treten, was ich zu Hause gelernt habe. Die Zufriedenheit, die ich empfinde, wenn ich die Erleichterung und die Freude in den Gesichtern der Menschen sehe, denen ich mit Essen helfe, kann kein Geld bezahlen“, schließt Olivera Pajić und fügt hinzu, dass sie auch ihre beiden Kinder so erzieht.

„Solidarität und Humanität müssen wie eine Kette funktionieren – mir haben Menschen geholfen und ich gebe das, was ich bekommen habe, weiter“, sagt Vojko