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REPORTAGE

Čizmićs & Gavrilović: Beispielhafte Menschlichkeit unserer Community

FOTO: Radule Bozinovic

MITLEID. Wenn einen fremde Not berührt, wenn die Hoffnungslosigkeit unbekannter Menschen den Wunsch weckt, ihnen uneigennützig zu helfen, ist die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht. KOSMO stellt euch in unserer vier-teiligen Serie großherzige Wiener mit Balkan-Wurzeln vor, deren Verhalten gegenüber Hilfsbedürftigen Bewunderung und großen Respekt verdient.

Wir leben in schweren Zeiten. Es gibt viele hungrige, entrechtete und durch fremdes Übel ins Elend gestürzte Menschen, deren Fundamente erschüttert sind, deren Würde verletzt wurde. Sie sind hier, bei uns. Wir können die Augen vor ihnen verschließen, wir können unsere kleine, verlogene Welt vor ihrer Not schützen. Aber wir können auch zulassen, dass das Mitleid in uns siegt, und ihnen helfen. Dass wir uns richtig verstehen: Echtes Mitleid ist nicht mit der Erwartung verbunden, dass man das, was man gibt, auch zurückbekommt. Es gibt kein Geben ohne Verzicht und Opfer. Wenn wir einmal diese Linie ziehen, werden wir begreifen, dass von allem, was wir haben, nur das bleibt, was wir anderen gegeben haben. Die Menschen, die wir bei der Arbeit an dieser Geschichte über Menschlichkeit kennengelernt haben, wecken die Hoffnung, dass der Menschen für den Menschen auch Mensch sein kann, und nicht nur Wolf.

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MITLEID. Wenn einen fremde Not berührt, wenn die Hoffnungslosigkeit unbekannter Menschen den Wunsch weckt, ihnen uneigennützig zu helfen, ist die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht. KOSMO stellt euch in unserer vier-teiligen Serie großherzige Wiener mit Balkan-Wurzeln vor, deren Verhalten gegenüber Hilfsbedürftigen Bewunderung und großen Respekt verdient.

 

Edin und Elmedina Čizmić und Vojko Gavrilović

Uns verbindet der Wunsch, der Familie Kokash zu helfen

Elmedina – arbeitet als Psychologin in einem Zentrum für minderjährige Flüchtlinge. Edin – ist im Marketing beschäftigt. Vojko – Gründer und Inhaber eines Judo-Clubs. Alle stammen aus B-H. Sie leben seit mehr als zwei Jahrzehnten in Wien, aber zusammengebracht hat sie die Not einer jungen syrischen Familie, die ohne Dach über dem Kopf war. Die Versorgung dieser unbekannten Menschen empfanden sie nicht als Risiko, denn sie haben alles durch die Brille der Menschenliebe gesehen.

Als die ersten Flüchtlinge in Wien ankamen, sind meine Frau und ich in eines der Aufnahmezentren im 22. Bezirk gegangen, um zu helfen. Elmedina hat mit den Kindern Workshops organisiert und sie von der harten Realität abgelenkt. Dort hat sie ein Ehepaar aus Syrien kennengelernt, das bereits drei Kinder hatte, und die Mutter war erneut schwanger. Darum bin auch ich in das Aufnahmezentrum gegangen, um sie kennenzulernen. Ohne lange nachzudenken, haben wir uns entschieden, sie zu uns nach Hause mitzunehmen. Auch die Schwester der schwangeren Frau war dabei. Sie blieben für zwei Nächte in unserem Kinderzimmer und reisten dann weiter nach Deutschland“, erzählt Edin von der ersten Aktion und erklärt, dass er selbst Fluchterfahrung hat und dass auch ihm von einer unbekannten Frau geholfen wurde.

Aus Edin und Vojko, beide aus B-H, sprechen Offenheit und Ehrlichkeit, und das hat auch Ameer gespürt, als er seine Frau und das dreijährige Kind in Vojkos Wohnung brachte. (FOTO: Radule Bozinovic)
Aus Edin und Vojko, beide aus B-H, sprechen Offenheit und Ehrlichkeit, und das hat auch Ameer gespürt, als er seine Frau und das dreijährige Kind in Vojkos Wohnung brachte. (FOTO: Radule Bozinovic)

Mit den Flüchtlingen verständigte sich Familie Čizmić auf Englisch, aber auch „mit Händen und Füßen“, wie Edin charmant erklärt. Aber sie haben sich verstanden, denn das Gute im Menschen erkennt man auch ohne Worte.

„Nach ein paar Monaten haben sich unsere Bekannten bei meiner Frau gemeldet und gesagt, dass in Wien ihr Verwandter Ameer Kokash lebt und dass er Hilfe braucht. Er lebte in einer Wohnung mit mehreren Leidensgenossen, aber er musste sich ein eigenes Dach über dem Kopf suchen, denn seine Frau und sein Kind waren auf dem Weg nach Wien. Elmedina und ich haben mit Hilfe von Freunden eine Wohnung gesucht, was eine fast unmögliche Mission war“, beschreibt Edin den Leidensweg.

Eines Tages gingen sie auf eine Annonce hin zu einer Wohnungsbesichtigung, aber als sie eintrafen, war die Wohnung bereits vergeben. Der Mann, der sie ihnen zeigte, war Vojko Gavrilović und er sagte Edin und Ameer, sie sollten warten, denn er hätte eine Lösung für sie.

Ameer: „Sie wussten nichts über mich, aber sie halfen mir, als es sehr schwierig war. Ich werde immer Freundschaft für sie empfinden.“ (FOTO: Radule Bozinovic)
Ameer: „Sie wussten nichts über mich, aber sie halfen mir, als es sehr schwierig war. Ich werde immer Freundschaft für sie empfinden.“ (FOTO: Radule Bozinovic)

„Ich habe dem Büro der Stadt Wien, das für die Kontakte mit Bürgern zuständig ist, die Flüchtlingen helfen wollen, eine kleine Wohnung angeboten, die ich im Rahmen meines Sportclubs habe, aber sie haben kein Interesse gezeigt. Darum habe ich mich entschieden, Ameer und seiner Familie diese Wohnung anzubieten. Dazu hat mich nicht nur meine eigene Fluchterfahrung bewogen, sondern auch der Wunsch zu helfen, den ich immer in mir trage. Wissen Sie, Solidarität und Humanität müssen wie eine Kette funktionieren. Mir haben Menschen geholfen und ich gebe das, was ich bekommen habe, weiter“, sagt der Mann emotional, der ein Sportstar, Träger zahlreicher Medaillen, Mitglied des nationalen Judoteams und jugoslawischer Meister war und der sich jetzt in der österreichischen Sportszene engagiert.

Edin und Vojko, beide aus Bosnien-Herzegowina, tragen Erinnerungen in sich, die viele Menschen aus dieser Region noch immer belasten, denn einige Brüche in den zwischenmenschlichen Beziehungen sind noch immer nicht überwunden. Aus unseren Gesprächspartnern jedoch spricht Offenheit und Ehrlichkeit, und das spürte auch Ameer, als er seine Frau und das dreijährige Kind in Vojkos Wohnung brachte.

„Ich bin 31 Jahre alt, stamme aus Damaskus und bin Veterinärassistent von Beruf. Ich bin, wie viele meiner Landsleute, von der Türkei nach Griechenland und dann über Albanien, Montenegro, Serbien und Ungarn nach Österreich gekommen. 15 Tage lang war ich zu Fuß unterwegs, mir war kalt, denn es schneite und regnete, und ich war die ganze Zeit nass. Zu Hause habe ich meine Frau und mein Kind zurückgelassen und Angst um sie gehabt. Ich habe nur darüber nachgedacht, wie ich es möglich machen könnte, dass sie nachkommen können. Unsere Trennung dauerte eineinhalb Jahre, und als wir endlich zusammenkommen konnten, hatte ich keine Wohnung. Da meldeten sich Edin und Vojko und ich war von ihrer Güte und Freundlichkeit überrascht. Als wir in die Wohnung einzogen, die sauber und schön eingerichtet war, hat Vojko in meinem Leben die Vaterrolle übernommen, denn er hat viele meiner Ängste zerstreut“, erzählt Ameer in völlig korrektem Deutsch.

Mit den Flüchtlingen verständigte sich die humane Familie Čizmić auf Englisch, aber auch „mit Händen und Füßen“, wie Edin charmant erklärt. (FOTO: Radule Bozinovic)
Mit den Flüchtlingen verständigte sich die humane Familie Čizmić auf Englisch, aber auch „mit Händen und Füßen“, wie Edin charmant erklärt. (FOTO: Radule Bozinovic)

Die syrische Familie lebte volle drei Monate kostenlos in Vojkos Wohnung. Als sich eine Wohnung als dauerhafte Lösung anbot, hat Edin geholfen, dass Ameer sie bekam. „Sie wussten nichts über mich, aber sie haben mich aufgenommen und mir geholfen, als es für mich besonders schwer war. Ich bin ihnen für all ihre Aufmerksamkeit dankbar und werde immer tiefe Freundschaft für sie empfinden. Ich möchte nach dem Ende des Krieges nach Syrien zurückkehren, aber diese Leute und ihre Menschlichkeit werde ich nie vergessen“, schreibt Ameer in seiner Muttersprache auf seinem Handy und lässt es von einem Computerprogramm ins Deutsche übersetzen, um es der KOSMO-Journalistin zu zeigen.

Drei Monate lang wohnte die syrische Familie kostenlos.