Tag der Befreiung: „Liebes Österreich, von wem denn – von uns selbst?“

KOMMENTAR

Tag der Befreiung: „Liebes Österreich, von wem denn – von uns selbst?“

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(FOTO: Martina Malyar/Presseaussendungen)

Jährlich wird am 8. Mai der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht gedacht. Dieser Tag der Befreiung wird auch in Österreich begangen, wo am Heldenplatz das „Fest der Freude“ veranstaltet wird.

Heute vor 73 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa, da die Wehrmachtspitze die Kapitulationsurkunde unterzeichnete und sich somit den Alliierten ergab. Seit sechs Jahren wird am Wiener Heldenplatz mit dem „Fest der Freude“ diesem Tag gedacht.
Organisiert wird dieses abermals vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), dem Verein Gedenkdienst und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). Das Programm wird sich heuer neben dem Tag der Befreiung auch dem Anschluss Österreichs im März 1938 widmen.

Befreiung nach Anschluss?
Hier wären wir auch schon beim Thema: Ich persönlich kann nachvollziehen, dass die oben genannten Institutionen diesen Tag als Freudentag begehen, da sie sich entweder mit dem österreichischen Antifaschismus beschäftigen, oder Opfergemeinschaften sind. Allerdings komme ich mit einer Formulierung überhaupt nicht klar: Von wem wurden wir befreit, wenn wir uns doch angeschlossen haben und aktiv an den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg beteiligt waren?

Um dies besser zu illustrieren kann man sich auch das Straßenschild aus dem 9. Wiener Gemeindebezirk ansehen: „Straße des Achten Mai: 8. Mai 1945 – Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa – Befreiung von der NS-Diktatur“.

Wenn die „Befreiungstheorie“ die offizielle Interpretation der Stadt Wien oder gar Österreichs ist, na dann prost, Mahlzeit! Auch wenn der erste Teil des Erklärungsschildes stimmt, so juckt mich die Frage, wer, wen von der NS-Diktatur befreit hat…

Haben wir uns, von uns selbst befreit? – Zumindest könnte man das Straßenschild so interpretieren: Lächerlich! Angesichts der Tatsache, dass die Geschehnisse vom 12. März 1938 als Anschluss Österreichs in die Geschichte eingingen, ist doch klar, dass es sich um zumindest einen semi-freiwilligen Akt handelte. Sonst würde es ja Okkupation, Einmarsch oder wie auch immer heißen, nicht?

Ende statt Befreiung?
Selbstverständlich waren nicht alle Österreicher für einen Anschluss und klarerweise gab es großen Druck vonseiten Hitlers selbst, diverse Ultimaten und ähnliches. Auch war klar, dass Hitler ohne Probleme Österreich einnehmen kann, wenn wir uns nicht „freiwillig“ anschließen.

Gleichzeitig freute sich ein großer Teil der Bevölkerung darüber, da viele in Hitler einen Erlöser gesehen haben, der Österreich aus einer schwierigen Zeit half und aus diesem Grund große Teile, wenn nicht sogar die Mehrheit der Bevölkerung bereit war, bedingungslos zu kooperieren.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich die Aufarbeitung der Rolle Österreichs im Dritten Reich mehrfach gewandelt. Von Opfermythen, Abstreitung bis hin zur Akzeptanz der Mittäterschaft. Auch heute sind noch zahlreiche diametral unterschiedliche Ansichtsweisen im Volk vertreten.

Und genau aus diesem Grund wäre es meiner Meinung nach besser, das Ende des NS-Regimes und nicht den Tag der Befreiung zu feiern. Da sich das Hitler-Reich aufgrund des Druckes der Alliierten ergab, hat Österreich ihnen auch seine Befreiung zu verdanken – dies wiederum impliziert, dass unser Staat unter Besatzung stand und ein Opfer des Nazi-Regimes war. Ein feierliches Begehen des Endes des Zweiten Weltkrieges würde die Opferthese und ähnliche Interpretation von Anfang an unterbinden…