
(FOTO: zVg.)
Ist Vergebung möglich?
Ein Sprichwort besagt: „Die Erde hat dem Paradies geschworen, alle Geheimnisse der Welt offenzulegen”. Und darauf hofft auch unser Gesprächspartner vom Beginn unseres Textes. „Jetzt, Jahrzehnte später, würde ich gerne wissen, wer meine leiblichen Eltern sind, ob ich Brüder und Schwestern habe und ob sie Kinder haben, wo ich schon keine habe. Meine Adoptiveltern haben mich wie ihr eigenes Kind geliebt, aber sie sind leider nicht mehr am Leben und ich würde gerne wissen, ob ich noch irgendwo hingehöre“, sagt er. Und auf unsere Frage, was er fragen würde, wenn die Mutter, die ihn als Baby ausgesetzt hat, sich melden würde, antwortet er: „Kurz und bündig: Warum?”. Auf unsere Vermutung, dass sie alleine, jung und verängstigt war und keine Unterstützung aus ihrer Familie hatte, und auf die Frage, ob er ihr in dieser Situation verzeihen könnte, antwortet er eindeutig: „Ich würde ihr verzeihen, ich würde verzeihen, das würde ich.”
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BABY BOX. wurde erstmals 2001 in Österreich eingeführt. Heute gibt es in allen Bundesländer eine Gelegenheit, die Babys anonym darin zu lassen.
Die Suche nach Wahrheit
In der Nacht des 17. August 1982 wurde vor dem Kindergarten „Boško Buha“ im Zentrum Sarajevos ein wenige Tage altes, weibliches Baby in einem Pappkarton gefunden, so lautete die offizielle Meldung der Polizei. Eine Angestellte des Kindergartens hatte das Baby gefunden und sofort die zuständigen Behörden verständigt. Aus diesem Baby wurde die erfolgreiche junge Frau Maja Tomic Milosavljevic, die offen über ihre Lebensgeschichte spricht und in den Medien auftritt, um, wie sie sagt, ihre Nächsten zu finden, aber auch, um anderen, die sich in derselben oder einer ähnlichen Situation befinden, zu helfen.
„Drei Tage nach dem Tod meines Vaters am 1. Jänner 2009 erfuhr ich, dass ich adoptiert war. Ich fand in einer Mappe ein Papier. Es war ausgeblichen, aber mit Schreibmaschinenlettern war darauf der Adoptionsbeschluss getippt. Ich habe das gut verkraftet, mein Mann saß neben mir. Da der Beschluss aus Sarajevo stammte, ich aber in Belgrad lebe und arbeite, habe ich mich sofort auf die 400 km lange Suche gemacht“, sagt Milosavljevic. Damals begann eine Zeit des Recherchierens, großer Fragen und Zweifel, unzähliger verschlossener Behördentüren und vieler schlafloser Nächte.
„Zuerst richtete mir ein Freund eine FB-Seite unter dem Titel ‘Ich suche meine Mutter’ ein. An die Behörden in Sarajevo wandte ich mich auf schriftlichem Wege, aber auf kein einziges Schreiben erhielt ich eine Antwort. Sie sagten, dass es keine Dokumente darüber gäbe, dass alles verbrannt sei. Im vergangenen Sommer stellte sich jedoch heraus, dass das nicht stimmte. Als ich in einem Waisenheim anrief, sagte man mir ganz klar, ich solle lieber nicht suchen, das sei besser für mich. In den Dokumenten ist vieles unklar. Ich konnte auch Einsicht nehmen in das Buch, in dem Kinder ohne Obsorgeberechtigte verzeichnet werden. Dort war mein Name mit einem roten Kugelschreiber zweimal unterstrichen. Und das war alles”, erklärt sie. Eine filmreife Suche, Genre Thriller, die Heldin mutig und stark, so könnte man all das kurz zusammenfassen, was unsere Gesprächspartnerin ab dem Moment, in dem sie erfuhr, dass sie adoptiert ist, bis heute erlebt hat. Traurig erzählt sie von ihren Eltern, die leider früh verstorben sind, für die sie jedoch nur Anerkennung empfindet. „Meine Mutter ist früh gestorben. Sie war eine wunderbare, warme Person. Der Vater hat sie überlebt, und er war derselbe Typ. Wir haben uns sehr geliebt. So viel Liebe, so viel Harmonie, dass man das mit Worten gar nicht beschreiben kann. Das möchte ich für alle betonen, die jetzt oder früher erfahren haben, dass sie adoptiert sind. Sie müssen stark und dankbar sein und diejenigen lieben, die sie lieben oder die sie geliebt haben. Darum nenne ich meine Eltern niemals ‘Adoptiveltern’: Sie sind meine Eltern, die mir vor allem Liebe gegeben und einen Menschen aus mir gemacht haben”, sagt Milosavljevic gegenüber KOSMO.
Immer noch keine Antwort
Bis heute weiß sie nicht, was passiert ist, ob jemand sie ausgesetzt hat, ob jemand sie entführt und dann ausgesetzt hat… Am meisten interessiert sie die Frage, ob sie Brüder oder Schwestern hat und ob die Kinder haben. Sie ist mit Menschen in Kontakt, die es geschafft haben, diejenigen zu finden, die sie ausgesetzt w, und sie sagt, dass es Fälle gibt, in denen die Eltern nach einer langen, aufwendigen Suche gefunden werden, in denen aber die Kinder beim Kennenlernen eine Enttäuschung erleben und sie nie wieder sehen wollen. Jetzt, wo ich selber Mutter bin, steht meine Tochter für mich im Fokus, nicht die Vergangenheit. Ich denke oft an die Kinder, die in Heimen leben, und ich weiß nicht, ob sich da noch jemals etwas ändern wird. Jeder verdient die Wärme eines Zuhauses”, endet Milosavljevic.
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Haftstrafen von drei Monaten bis zu drei Jahren
Der serbische Gesetzgebung besteht in Artikel 50 des Strafgesetzbuchs der Republik Serbien der Tatbestand der Kindstötung bei der Geburt. Dieser regelt, dass eine Mutter, die ihr Kind während der Geburt oder unmittelbar nach der Geburt vorsätzlich tötet, mit einer Haftstrafe von drei Monaten bis drei Jahren rechnen kann.
(Autorin: Lena Sladojevic)