Home Aktuelles
Fehlplanung

Verkehrschaos statt Entlastung”: Wissenschaftler warnen vor Lobau-Fiasko

tunnel
Foto: iStock

Experten warnen vor dem Lobautunnel: Das Milliardenprojekt könnte Wiens Verkehrsprobleme verschärfen, dem Nationalpark schaden und wirtschaftlich kaum Vorteile bringen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der geplante Lobautunnel die Verkehrssituation in Wien verschlechtern statt verbessern würde und kaum positive wirtschaftliche Impulse für die Stadt und die östliche Region Niederösterreichs brächte. Die Baumaßnahmen würden zusätzliche Treibhausgasemissionen verursachen, für deren Kompensation bislang keine konkreten Pläne existieren.

⇢ Südosttangente wird zur Staufalle – Vier Stunden Verzögerung drohen

„Wird das Projekt umgesetzt, vergrößert es die Verkehrsprobleme in Wien und dem Umland durch vermehrten Autoverkehr und Verringerung der Chancen für den öffentlichen Verkehr innerstädtisch und der Eisenbahnen landesweit”, schilderte Hermann Knoflacher vom Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien.

Die Realisierung des Tunnelprojekts würde zudem die Klimaschutzbemühungen in Wien und der Region konterkarieren. „Die dabei entstehenden Treibhausgasemissionen sind nicht in den derzeitigen Emissionsplänen enthalten”, warnte Helga Kromp-Kolb vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur Wien: „In anderen Bereichen müssten wir dann viel schneller Emissionen abbauen, um wie geplant bis zum Jahr 2040 Klimaneutralität zu erreichen”. Konkrete Konzepte für entsprechende Einsparungen an anderer Stelle fehlten jedoch völlig.

Verkehrsökologische Bedenken

Der Verkehrsexperte bewertet den Autoverkehr, der durch den geplanten Tunnel fließen soll, in deutlichen Worten: „Die ineffizienteste, umweltschädigendste, sozialunverträglichste und die lokale Wirtschaft schädigendste Verkehrsart”. Knoflacher verweist auf die geringe Transportdichte privater PKWs und stellt dem gegenüber: Eine Straßenbahn im urbanen Raum stelle aufgrund ihrer hohen Personenbeförderungskapazität ein echtes Hochleistungsverkehrsmittel dar.

Für den Nationalpark Donau-Auen seien ebenfalls negative Konsequenzen zu erwarten, betont Reinhold Christian vom Forum Wissenschaft & Umwelt: „Bei einem großen Bauwerk wie solch einem Tunnel ist nicht sichergestellt, dass die Wassersituation, von der solch ein Auwald lebt, unverändert bleibt”.

Wirtschaftliche Fragwürdigkeit

Aus wirtschaftlicher Perspektive lassen sich laut wissenschaftlicher Daten keine messbaren Vorteile durch den Lobautunnel erwarten, erläutert Michael Getzner vom Forschungsbereich Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik der TU Wien. Da Österreich bereits über ein exzellent ausgebautes Straßennetz verfügt, würde eine zusätzliche Verbindung entweder keinen oder nur einen marginalen Produktionszuwachs generieren. „Hier ist also schon ein Plafond erreicht.” Studien deuten sogar darauf hin, dass die Effekte eines solchen Bauvorhabens negativ ausfallen und wirtschaftliche Einbußen verursachen könnten.

„Investitionen im gleichen Ausmaß, also in Höhe des mit mindestens 2,7 Milliarden Euro veranschlagten Bauvolumens, in Forschung, Digitalisierung und Gesundheitsinfrastrukturen würden zu viel höheren Produktivitätsgewinnen führen”, führte Getzner aus: „Selbst die kurzfristigen Wertschöpfungs- und Beschäftigungswirkungen sind in anderen Ausgabenbereichen wie zum Beispiel dem öffentlichen Verkehr und der Klimasanierung von Gebäuden bedeutend höher”.

Angesichts der aktuell äußerst angespannten Haushaltslage würden die immensen Tunnelkosten die öffentlichen Budgets zusätzlich belasten.