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Erinnerungskonflikt

Völkermord ohne Versöhnung: Srebrenica spaltet auch 30 Jahre später

Völkermord ohne Versöhnung: Srebrenica spaltet auch 30 Jahre später
EPA/Fehim Demir
4 Min. Lesezeit |

Wo Massengräber die Landschaft durchziehen, bleibt die Wahrheit umkämpft. Drei Jahrzehnte nach dem Völkermord von Srebrenica spaltet die Erinnerung noch immer Nationen.

Drei Jahrzehnte nach dem Völkermord von Srebrenica bleibt die Erinnerung tief gespalten. Das Massaker, bei dem mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen getötet wurden, gilt als schwerstes Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. Unter dem Kommando von General Ratko Mladic wurden trotz Anwesenheit niederländischer UN-Blauhelme tausende bosnische Muslime ermordet. Bei seiner Ankunft in Srebrenica am 11. Juli 1995 verkündete Mladic: „Es ist die Zeit gekommen, sich an den Türken zu rächen“ – eine abwertende Bezeichnung für die bosniakische Bevölkerung. Nach Kriegsende entdeckten Ermittler zahlreiche Massengräber in einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern. Experten vermuten, dass viele Leichen umgebettet wurden, um Beweise zu vernichten. Hunderte Opfer gelten bis heute als vermisst.

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Die Region um Srebrenica war seit Kriegsbeginn im Frühjahr 1992 umkämpft. Bosniakische Kämpfer attackierten wiederholt serbische Dörfer, was tausende Menschen zur Flucht zwang. Nach Dokumentation des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation wurden mindestens 1.000 serbische Zivilisten getötet. Im April 1993 erklärten die Vereinten Nationen Srebrenica zur Schutzzone. Die militärische Situation wendete sich, als tausende serbische Soldaten die Kleinstadt in den letzten Kriegsmonaten umzingelten. Die Eroberung war langfristig vorbereitet worden. Eine Direktive von Karadzic aus dem März 1995 forderte: „Durch alltägliche geplante und überlegte Kampfaktionen gilt es, eine Atmosphäre der totalen Unsicherheit, der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit auf eine weitere Existenz und Leben in Srebrenica zu schaffen.“

Juristische Aufarbeitung

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) verurteilte Dutzende Verantwortliche für das Massaker. Die Haupttäter, der bosnisch-serbische Anführer Radovan Karadzic und General Ratko Mladic, erhielten lebenslange Haftstrafen. General Radislav Krstic, ein enger Vertrauter Mladics, wurde zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Ende vergangenen Jahres erkannte Krstic als erster hochrangiger serbischer Militärvertreter den Massenmord als Völkermord an – ein Schritt, mit dem er vergeblich seine vorzeitige Haftentlassung zu erreichen versuchte. „Die juristische Aufarbeitung ist abgeschlossen. Alle Verbrechen des Völkermords wurden an den rund 12.000 Prozesstagen minutiös dokumentiert“, erklärte der Politologe Dzihic gegenüber ORF.at.

Sowohl das ICTY im Jahr 2004 als auch der Internationale Gerichtshof drei Jahre später klassifizierten die Ereignisse in Srebrenica rechtlich als Völkermord. Dennoch verweigern führende Politiker in Serbien und in der Republika Srpska die Anerkennung des Genozids. In Serbien unter Präsident Aleksandar Vucic sei die „Neudeutung der Vergangenheit die zentrale Begleitmusik des Regimes“, so Dzihic. Auch der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, lehnt die Anerkennung des Völkermords ab – obwohl dessen Leugnung in Bosnien-Herzegowina gesetzlich verboten ist. Der Politologe ist überzeugt, dass ein offenes Eingeständnis ihrer Politik schaden und deren Mobilisierungskraft schwächen würde.

An den historischen Fakten zu Srebrenica lässt sich nicht mehr zweifeln. „Die politische Aufarbeitung spiegelt das aber nicht wider“, betont Dzihic. Die Gesellschaft bleibt gespalten, und die Bemühungen der 2000er und frühen 2010er Jahre zur Vergangenheitsbewältigung haben an Dynamik verloren. Es gab sowohl auf politischer als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene Hoffnungen auf eine ethnienübergreifende gemeinsame Erinnerungskultur. „In den letzten Jahren hat man sich davon entfernt.“

Gespaltene Erinnerung

Der Bosnien-Krieg endete mit dem Dayton-Abkommen (Friedensvertrag von 1995) im November 1995. Seither steht der multiethnische Staat mit seinen zwei Entitäten – der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der serbischen Republika Srpska – auf unsicherem Fundament. Die gesamtstaatlichen Institutionen sind schwach und anfällig für Blockaden. Diese Problematik durchdringt die gesamte Gesellschaft. In Bosnien sind Bildungsangelegenheiten, einschließlich der Schulbücher, nicht zentral geregelt, sondern fallen in die Zuständigkeit der Entitäten. Kroatische, bosniakische und serbische Schüler erhalten dadurch unterschiedliche Darstellungen des Bosnien-Krieges und des Massakers von Srebrenica. „Man kann Fakten anders sortieren, umdeuten und ausblenden“, erklärt Dzihic. Im familiären Umfeld würden die von der Politik geförderten Narrative noch verstärkt.

Auf internationalen Druck wurde 2003 in Potocari, wenige Kilometer von Srebrenica entfernt, eine zentrale Gedenkstätte errichtet, die jedoch nicht von allen ethnischen Gruppen gleichermaßen akzeptiert wird.

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KO KOSMO-Redaktion
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