Die Studentenliste steht nach der Parlamentswahl vor einer eigenen Regierungsmehrheit. Doch zwischen dem Jubel auf den Straßen und dem tatsächlichen Machtwechsel liegen entscheidende Schritte – und eine weitere Wahl.
In Belgrad feiern Menschen auf den Straßen, Autos hupen, Fahnen werden geschwenkt: Nach der vorgezogenen Parlamentswahl vom 25. Oktober 2026 steht Serbien vor einem politischen Umbruch. Aleksandar Vučić hat die Niederlage seines Lagers eingeräumt. Die von der Studentenbewegung getragene Liste kann nach den bisherigen Hochrechnungen eine Regierung ohne Koalitionspartner bilden.
Noch am Wahlabend erklärte Vučić, die verfügbaren Stichproben zeigten klar, dass sein Bündnis verloren habe. Er rechnete zu diesem Zeitpunkt mit 135 bis 140 der insgesamt 250 Mandate für die Studentenliste und etwa 105 Sitzen für sein eigenes Lager. Das amtliche Endergebnis stand zum Recherchestand am 26. Oktober noch aus.
Klare Mehrheit
Die vorläufige Auswertung der Wahlbeobachtungsorganisation CRTA ergab 51,47 Prozent für die Studentenliste und 40,42 Prozent für das Bündnis „Aleksandar Vučić – Ujedinjena Srbija“. Eine spätere, getrennte Hochrechnung von CeSID und Ipsos sah die Studentenliste bei 52,9 Prozent und das Vučić-Bündnis bei 38,8 Prozent.
Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Auswertungen und dürfen nicht als amtliches Endergebnis verstanden werden. Politisch weisen sie jedoch in dieselbe Richtung: Die Studentenliste liegt deutlich über der Schwelle, die für eine eigenständige Regierungsmehrheit erforderlich ist. Für die Wahl einer Regierung braucht sie mindestens 126 Abgeordnete.
Gescheiterter Wechsel
Vučić verlor diese Wahl bereits als ehemaliger Staatspräsident. Er war am 27. September zurückgetreten, um nach der Parlamentswahl erneut Ministerpräsident zu werden. Die Amtsgeschäfte des Staatsoberhaupts übernahm Parlamentspräsidentin Ana Brnabić kommissarisch.
Damit ist nach dem bisherigen Wahlstand auch Vučićs Plan gescheitert, an die Regierungsspitze zurückzukehren. Seine persönliche Niederlage bedeutet allerdings noch keine abgeschlossene Machtübergabe: Die neue Regierung muss erst gebildet und vom Parlament gewählt werden.
Vom Protest zur Macht
Der Ausgangspunkt der Bewegung liegt in Novi Sad. Dort stürzte am 1. November 2024 das Vordach des Bahnhofs ein; insgesamt starben 16 Menschen. Aus Forderungen nach Aufklärung und Verantwortung entwickelte sich eine landesweite Protestbewegung. Demonstrierende prangerten Korruption, mangelnde Transparenz und politischen Machtmissbrauch an.
Fast zwei Jahre später hat die Bewegung den Sprung von der Straße zur parlamentarischen Mehrheit geschafft. Die Bezeichnung „Studentenliste“ bedeutet dabei nicht, dass ausschließlich Studierende kandidierten. Die Liste umfasst auch Fachleute und Persönlichkeiten aus anderen gesellschaftlichen Bereichen. Ihr erster Kandidat ist der Kardiologe Ilija Srdanović. Wer das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll, war zum Recherchestand noch offen.
Nächste Schritte
Zunächst müssen die verbindlichen Ergebnisse und die Mandatsverteilung feststehen. Die erste Sitzung des neuen Parlaments muss laut Verfassung spätestens 30 Tage nach Bekanntgabe des endgültigen Wahlergebnisses stattfinden. Nach Beratungen mit den gewählten Listen schlägt das Staatsoberhaupt eine Person für das Amt des Ministerpräsidenten vor.
Diese präsentiert dem Parlament das Regierungsprogramm und die vorgeschlagene Ministerriege. Anschließend stimmen die Abgeordneten darüber ab. Wird innerhalb von 90 Tagen nach Konstituierung des Parlaments keine Regierung gewählt, muss das Parlament aufgelöst werden. Diese Frist beginnt somit nicht bereits am Wahltag.
Grenzen der Mehrheit
Eine eigene Mehrheit würde der Studentenliste erheblichen Handlungsspielraum geben. Für bestimmte institutionelle Entscheidungen reicht sie jedoch nicht aus: Die Verfassung verlangt beispielsweise 150 Stimmen für die Wahl des obersten Staatsanwalts und 167 Stimmen für bestimmte parlamentarisch gewählte Mitglieder der Justiz- und Staatsanwaltschaftsräte.
Ob und wann solche Entscheidungen anstehen, hängt auch von Amtszeiten und gesetzlichen Verfahren ab. Die unterschiedlichen Mehrheitserfordernisse zeigen aber: Eine Regierung bilden zu können bedeutet noch nicht, sämtliche institutionellen Veränderungen allein durchsetzen zu können. Gerade bei ihrem zentralen Versprechen, Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Institutionen zu stärken, könnte die neue Mehrheit zusätzliche Unterstützung benötigen.
Weitere Wahl
Auch das Präsidentenamt ist noch regulär zu besetzen. Nach Vučićs Rücktritt wurde eine Präsidentenwahl bis Jahresende angekündigt. Die Parlamentswahl entscheidet darüber nicht mit. Damit steht Serbien neben der Regierungsbildung vor einer weiteren Abstimmung, die seine künftige politische Machtverteilung prägen wird.
Parallel bleibt die Bewertung des Wahlverfahrens wichtig. CRTA meldete unter anderem das Fotografieren von Stimmzetteln, Probleme bei Kontrollen und einzelne gewaltsame Vorfälle. Welche Auswirkungen solche Unregelmäßigkeiten hatten, lässt sich daraus allein nicht ableiten. Die internationale Wahlbeobachtungsmission von OSZE/ODIHR kündigte ihre vorläufige Bewertung für 26. Oktober um 15 Uhr an.
Europas Erwartungen
Für Europa eröffnet der erwartete Regierungswechsel die Aussicht auf neue Gespräche über demokratische Reformen und Serbiens europäische Annäherung. Ein automatischer außenpolitischer Kurswechsel lässt sich aus dem Ergebnis jedoch nicht ableiten. Entscheidend werden die Besetzung der Regierung, ihr konkretes Programm und ihre ersten Entscheidungen sein.
Für Menschen mit familiären oder wirtschaftlichen Verbindungen nach Serbien beginnt damit eine Phase großer Erwartungen. Ob der Umbruch ihren Alltag verbessert, wird sich an funktionierenden Behörden, verlässlichen Gerichten und nachvollziehbaren politischen Entscheidungen zeigen. Die Wahl eröffnet den Weg zum Regierungswechsel. Wie weit die Erneuerung reicht, entscheidet sich erst in der Regierungsarbeit.