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REPORTAGE

Wahre Heldinnen: Alleinerziehende Mütter – Emilija Tomić

FOTO: iStockphoto/Radule Bozinovic

AUFOPFERND. Für sie gibt es keine Hindernisse, wenn sie kämpfen, keine Müdigkeit, wenn sie arbeiten, kein Maß, wenn sie sich einsetzen, und keine Macht, die sie stoppen kann. Sie tragen die doppelte Last elterlicher Pflichten auf ihren Schultern.

In dieser Story wollen wir die MUTTER nicht definieren, denn das haben Künstler, Wissenschaftler und Soziologen bereits getan. Wir wollen Frauen vorstellen, die mit ihren Kindern allein leben, mit ihnen alle Kinderkrankheiten und die erste Liebe durchmachen, Enttäuschungen überwinden, den Stoff aller Schulklassen lernen und dabei regelmäßig in die Arbeit geben und die Rechnungen bezahlen. Sie haben keine Zeit für Urlaub und keinen Anspruch auf Urlaub und heilen die offenen Brüche ihrer eigenen Seele mit der Liebe und den Erfolgen ihrer Kinder. Dies sind ihre Berichte.

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AUFOPFERND. Für sie gibt es keine Hindernisse, wenn sie kämpfen, keine Müdigkeit, wenn sie arbeiten, kein Maß, wenn sie sich einsetzen, und keine Macht, die sie stoppen kann. Sie tragen die doppelte Last elterlicher Pflichten auf ihren Schultern.

 

Emilija Tomić (44), Masseurin und Kosmetikerin
„Als Frau existiere ich nicht.“

Sie ist die Mutter zweier Söhne im Alter von 18 und 21 Jahren. Schon immer war sie ihnen Vater und Mutter zugleich, obwohl sie erst seit 15 Jahren offiziell Alleinerzieherin ist. Vor einem Jahr ist Emilija aus Sisak, wo ihr Lohn minimal war und zum Leben nicht ausreichte, zum Arbeiten nach Wien gekommen. So sichert sie sich und ihren Söhnen, die, obwohl sie die Mittelschule abgeschlossen hatten, in Kroatien nur befristete Jobs finden konnten, die Existenz. Sie fehlen ihr und sie ruft sie jeden Abend über Skype an, aber sie bemerkt auch, dass die Burschen reifer und selbständiger geworden sind. Dennoch spürt sie immer eine gewisse Furcht, die alleinerziehende Mütter eigentlich ständig begleitet. „Sie waren noch klein, als ich mich von ihrem Vater scheiden ließ, der mich überhaupt nicht unterstützte und mir bei der Aufzucht der Kinder keine Hilfe war. Er war ein Spieler, und das war ihm wichtiger als die Familie. Immer gab es in seinem Leben ein „Morgen“, aber das war ein Versprechen, das sich nie erfüllte. Manchmal kam er und brachte ein bisschen Geld, aber das war zu wenig, um seine Rolle als Vater zu rechtfertigen. Die Buben zwang er, ihn zu Geburtstagen, zu Weihnachten und zu anderen Feiern zu besuchen. Ich glaubte, sie müssten mit dem Wissen aufwachsen, dass sie einen Vater haben, auch wenn er keine Autorität für sie war.

Wir lebten nur ca. 40 Kilometer voneinander entfernt, aber es schien, als lägen Welten zwischen uns. Und für mich war das schwer, vor allem wenn ich meine Arbeitszeit mit ihren Verpflichtungen unter einen Hut bringen musste. Ich musste mich ihrer Erziehung und auch den Problemen, die alle Kinder haben, maximal widmen, ich musste in der Arbeit gut sein und wünschte mir, manchmal, am Ende eines langen Tages, auch eine Stunde für mich zu haben. Aber das gab es leider selten. Acht Stunden arbeitete ich in einem Kosmetiksalon, dann noch vier – fünf Stunden privat, um finanziell über die Runden zu kommen. Mein Tag begann am Morgen um sechs und endete gegen Mitternacht. Als die Kinder alt genug waren, haben sie sich bemüht, mich zu entlasten und Staub zu saugen, aufzuräumen, die Wäsche aufzuhängen. Manchmal bin ich zusammengebrochen und dachte, ich könnte nicht mehr. Ich wusste, dass ich am Abend viel zu müde nach Hause kommen würde, aber dass ich mich nicht ausruhen konnte, weil am nächsten Tag irgendeine Rechnung fällig war und ich kein Geld hatte. Noch schlimmer war es, wenn mich zu Hause ein Kind mit der Mitteilung erwartete, dass es am Ende der Woche auf einen Schulausflug gehen sollte, der z.B. 40 Euro kostete. Ich sah, dass sich das Kind freute, und ich konnte ihm nicht sagen, dass ich das nicht zahlen konnte. Darum arbeitete ich ein paar Stunden länger und kam erst um zwei Uhr in der Nacht ins Bett, aber die Freude der Kinder hatte keinen Preis. Ein zusätzliches Problem machte mir die Hyperaktivität meines älteren Sohnes, die sowohl ein gesundheitliches wie auch ein Charakterproblem war.

Ich las nächtelang Fachliteratur und bemühte mich, seinen ganzen Tag mit Sport und anderen außerschulischen Aktivitäten auszufüllen, damit er seine ganze überschüssige Energie abreagieren konnte. Zum Glück war er immer ein ausgezeichneter Schüler und machte in diesem Bereich keine Probleme. Während ich arbeitete, waren sie in der Nachmittagsbetreuung und anschließend bei irgendeinem Training. Wenn es gar nicht anders ging, haben mir Nachbarn und Freunde ausgeholfen. Die Kinder sind sich meiner Opfer und aller Anstrengungen, die ich all die Jahre auf mich genommen habe, sehr bewusst. Sie unterstützen mich und würden mich gerne entlasten, und ihre Güte gibt mir neue Kraft. Oft frage ich mich am Ende eines Tages, wo ich als Frau geblieben bin, und dann flüchte ich in Panik vor diesem Gedanken, denn ich weiß, dass mich die Antwort traurig machen würde. Denn als Frau existiere ich eigentlich gar nicht. Ich glaube, dass die übertriebene Aufopferung ein häufiges Problem alleinerziehender Mütter ist. Ich bin stolz auf meine Söhne und auf alles, was ich geschafft habe, aber ich wäre am glücklichsten, wenn sie sich eines Tages für sich selbst sorgen könnten. Wenn das passiert, werde ich weiter arbeiten, aber viel entspannter, denn ich würde nicht mehr an ihre neuen Jacken, Sportschule und Rechnungen hier und dort denken. Vielleicht könnte ich einmal eine Reise machen, mir etwas kaufen, was ich mir schon lange wünsche, aber nicht leisten konnte, oder mich über irgendetwas freuen, was nichts mit meinen Kindern zu tun hat.

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