Start Community „Warum sollte ich aufhören zu koksen? Ich habe ja alles unter Kontrolle!“
REPORTAGE

„Warum sollte ich aufhören zu koksen? Ich habe ja alles unter Kontrolle!“

Mario erklärt mir dass der sogenannte „Mainstream“ – die kulturelle Ausrichtung der Masse – die dort anwesenden Partygäste als „Alternative“ bezeichnen würde. Er selbst distanziert sich von dieser Kategorisierung. Da ich ihn noch von Studienzeiten kenne, weiß ich, dass er oft nicht der Masse folgt, deshalb wundert mich sein heutiges elegantes Outfit umso mehr. „Es klingt vielleicht wie ein Vorurteil, aber in diesem Fall trug es sich so zu. Bei der Party wurden härtere Drogen zu Technoklängen konsumiert. Als ich einen gewissen Alkoholpegel erreichte, ließ ich mich zu einer ‚Line‘ überreden“, berichtet er mir während sein Finger dabei an seine rechte Nasenwand drückt und er die Bewegung und das Geräusch, das beim ‚ziehen‘ von Kokain entsteht imitiert. „So selbstbewusst war ich noch nie. Es war in diesem Moment einfach großartig. Ich habe die ganze Nacht mit fast allen Partygästen gesprochen und hatte das Gefühl endlich bei jedem angekommen zu sein. Die Worte ‚fetzten‘ nur so aus mir heraus. Mann, fühlte ich mich groß und überlegen“, sein Blick in Richtung Boden geht.

“So selbstbewusst war ich noch nie. Es war in diesem Moment einfach großartig.”
Mario

Nach einer kurzen Pause blickt er mir in die Augen und setzt fort:

“Leider war der Zauber nach wenigen Stunden vorbei. Als ich die Feierlichkeit erst am Vormittag des nächsten Tages verließ und nach Hause ging, habe ich das neu erlangte Selbstbewusstsein schlagartig verloren. Ich fühlte mich plötzlich wieder klein. Noch kleiner und unsicherer als zuvor.“ Der junge Mann erzählt mir, dass er nach diesem Abend regelmäßig auf Partys Kokain konsumierte, um wieder die „alles-egal-Mentalität“ ausstrahlen zu können.

„Ziemlich bald fing der Mischkonsum an. Neben Alkohol, Kokain und Marihuana wurden jetzt auch so genannte MDMA-Cocktails gemischt. Der Rausch von dem Amphetamin gefiel mir besonders gut, da ich hier im Liebesrausch war und die ganze Welt umarmen wollte. In der Gruppe MDMA zu konsumieren war das Highlight meiner Woche, weil wir hier durch die Nacht tanzten und uns zwischendurch mit Liebesbekundungen und Komplimenten überschütteten. Endlich hatte ich die Möglichkeit Liebe zu zeigen“, öffnet er sich und wird ruhig.

Ich merke, dass er darüber nachdenkt wie er fortfahren soll. „Ab hier fing der Teufelskreis an. Beim Konsum von MDMA und Extacy werden Glückshormone freigesetzt. Durch das ausgeschüttete Serotonin fühlt man sich sehr glücklich, aber wenn der Rausch zu Ende ist, kann es durchaus sein, dass der gesamte Serotoninhaushalt verbraucht ist. Das bedeutet, dass der Körper keine Hormone mehr hat, die positive Emotionen entstehen lassen. Es kann Tage, aber in manchen Fällen auch Wochen dauern bis das mentale ‚Tief‘ überwunden ist. Um die depressive Verstimmung zu betäuben griff ich nun öfters zu den Suchtmitteln, damit ich diese für einige Stunden vergesse“ er nahm wieder einige Schluck Wasser. Mario zappelte nun mit seinen Beinen, sichtlich nervös. „Das schlimmste ist, dass ich von Kollegen auf mein verändertes Verhalten angesprochen wurde. Eine Arbeitskollegin, mit der ich über sehr private Themen sprach, meinte, dass das auf meinen Drogenkonsum zurückzuführen sei und ich es lieber lassen sollte. Ich wollte es in dem Moment nicht wahrhaben. Wahrscheinlich wusste ich unterbewusst, dass dies der Wahrheit entspricht, jedoch konnte ich auch hier wieder die menschliche Kunst des Verdrängens feststellen“, offenbarte er mir. Plötzlich klatscht er in die Hände und erschreckt mich damit. „Warum sollte ich aufhören ‚drauf‘ zu sein, mein Leben funktioniert doch wie am Schnürchen“, zitiert er sich selbst mit einer erhobenen Stimme. „Das tat es natürlich nicht“, konterte er mit einer tieferen, eher ernüchternden Stimmlage. „Langsam fing mein Alltag an darunter zu leiden. Einfache Tätigkeiten waren plötzlich schwer zu bewältigen. Ich fing an, unter Schlafproblemen zu leiden, weshalb ich tagsüber immer übermüdet und unkonzentriert war“, teilt er mir mit während seine Stimmlage sich beim letzten Satz ändert. Er spricht nun leiser zu mir.

Beim Konsum von MDMA und Extacy werden Glückshormone freigesetzt. Durch das ausgeschüttete Serotonin fühlt man sich sehr glücklich, aber wenn der Rausch zu Ende ist, kann es durchaus sein, dass der gesamte Serotoninhaushalt verbraucht ist.

Die Kater nach der Party

Mario hat mir, kurz bevor er durch seine kommissionelle Prüfung fiel, bereits zu Uni-Zeiten oberflächlich von seinem damaligen Zustand erzählt. Ich merkte damals schon, dass er gereizter als sonst wirkte. Ich wusste jedoch nicht, dass er sich in einem derart schlechten psychischen Zustand befand. Es gab sogar Momente, in denen ich ihn schlichtweg unsympathisch fand. Rückblickend betrachtet sehe ich das alles natürlich aus einem anderen Blickwinkel.

„Zum Lernen war im Endeffekt keine Kraft mehr da, deshalb kam es auch dazu, dass ich zum dritten Mal zu einer Prüfung antrat. Wie du weißt, war der Drittantritt der kommissionelle Prüfungsantritt und somit die letzte Chance die Lehrveranstaltung positiv abzuschließen. Bei Nichtschaffen wurde man exmatrikuliert – man verliert also seinen Studienplatz. Das Worst-Case-Szenario wurde für mich zur Realität. Ich war am Boden zerstört. Anfangs versuchte ich meinen Misserfolg zu verheimlichen. Dies funktionierte nicht lange, da mit dem Abgang von der Universität auch finanzielle Probleme entstanden. Das Praktikum, welches ich absolvierte, war an mein Studium gekoppelt und konnte nur als eingetragener Student fortgeführt werden. Mein Ausbildungsplatz und meine Einnahmequelle waren schlagartig weg“, beschrieb er mir und blickt dabei tiefeinatmend zur Seite. „Weißt du, eigentlich entwickelt man sich im Leben weiter. An diesem Punkt passierte mir das Gegenteil. Ich bewegte mich anstatt nach vor, zurück. Durch das fehlende Einkommen war ich auch nicht mehr in der Lage Geld für die Miete aufzubringen. Eine Zeit lang versuchte ich mich mit Gelegenheitsjobs in der Gastronomie über Wasser zu halten. Ich entschied mich nach kurzer Zeit diese Art von Tätigkeit nicht mehr auszuüben, da auch hier oft bewusstseinsverändernde und angeblich arbeitsfördernde Drogen, wie zum Beispiel Kokain, konsumiert wurden und ich mich somit wieder nahe der Quelle meiner Probleme befand“, erzählte der nun Arbeitssuchende mir und starrte mich danach wortlos an, so als ob er eine Reaktion meinerseits erwarten würde.

Nachdem ich ihn fragte, wie es für ihn weiterging, antwortete er:“Das Beste, das ich tun konnte war wieder zurück zu meinen Eltern zu ziehen. Das tat ich auch. Ich bin der Meinung, dass ich im richtigen Moment die Reißleine gezogen habe. Das alles hätte noch viel schlimmer enden können. Ich brauchte meine Eltern, sowohl finanziell als auch psychisch.“ Mario offenbarte mir aber, dass er viele Pläne hat.

„Ich habe alles verloren. Meinen Ausbildungsplatz, meine Wohnung und meinen Job. Freunde habe ich keine, da meine in Wien geschlossenen ‚Freundschaften‘ allein auf Partygänge beschränkt blieben. Ich musste professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, anders wäre ich aus meinem Loch nicht herausgekommen. In den nächsten Monaten habe ich regelmäßige Sprechstunden mit einem Psychiater, welcher mir auch Medikamente verschrieben hat. Diese muss ich die nächsten Monate zu mir nehmen. Ich bin aber froh, Hilfe angenommen zu haben, alleine hätte ich es nicht heraus geschafft. Ich rufe alle auf, die sich in einer schlechten psychischen Verfassung befinden – durch Drogen ausgelöst oder nicht – sich an Ärzte zu wenden. Ich weiß, dass vor allem in der Jugo-Community das Thema Tabu ist und sich viele lieber selbst mit Alkohol und dergleichen ‚therapieren‘, da viele den Gang zum Therapeuten peinlich finden und für schwach halten. Meiner Meinung nach beweist man genau dadurch Stärke, da man zu seinen Schwächen steht und versucht diese zu beseitigen. Ich betrachte mein Leben gerade als den Tag nach einer großen Party. Man ist verkartet und ausgelaugt, deshalb fühlt man sich schlecht. Jetzt werden einem die Konsequenzen bewusst, die das intensive Feiern hinterlassen hat. Oberste Priorität hat der Kater loszuwerden. Das ist jetzt auch mein Ziel: alles Schlechte, das dadurch entstanden ist, wieder – so gut es geht – in Ordnung zu bringen“, lässt er mich abschließend wissen. Er strahlt einen Optimismus aus, eine Art Aufbruch-Stimmung, die mir signalisiert, dass er bereit ist, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu sehen.

Autor: D.Z.

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