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Landnot

Zu voll für die eigenen Leute? Wenn ein Staat seine Bevölkerung verdrängt

Zu voll für die eigenen Leute? Wenn ein Staat seine Bevölkerung verdrängt
(FOTO: iStock)
6 Min. Lesezeit |

Auf engstem Raum kämpft Burundi mit den Folgen extremer Bevölkerungsdichte. Wo Friedhöfe zu Wohnraum werden, zeigt sich ein Land am Wendepunkt seiner Entwicklung.

In Burundi wird jedes verfügbare Stück Land genutzt: 14 Millionen Menschen drängen sich auf einem Territorium von 27.000 Quadratkilometern, einer Fläche halb so groß wie Kroatien. Zwar gibt es weltweit bevölkerungsreichere und dichter besiedelte Orte, doch nur Bangladesch, Taiwan und knapp auch Ruanda übertreffen Burundi in beiden Kategorien gleichzeitig.

Am ehemaligen Stadtrand von Bujumbura verdrängen die Lebenden buchstäblich die Toten. Die größte Stadt des Landes wächst so rasant, dass Wohnhäuser auf ehemaligen Grabstätten entstehen – manchmal ohne die darunter liegenden Leichen umzubetten. Berchmans Nyandwi, der als Totengräber und Steinmetz arbeitet, beobachtet die Entwicklung mit verschränkten Armen. „Bald wird all das hier zu Wohnraum“, sagt er mit resigniertem Blick auf den Friedhof.

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Burundi ist ein extremes Beispiel dafür, wie Bevölkerungswachstum afrikanische Gesellschaften verändert. Während Afrika historisch dünn besiedelt war – und weite Teile es noch immer sind – hat sich die Einwohnerzahl des Kontinents innerhalb eines Jahrhunderts verzehnfacht. Besonders in Regionen wie dem Nigerdelta, den äthiopischen Hochebenen und dem Gebiet um Burundi verdichtet sich die Besiedlung zunehmend. Dieser Gürtel zwischen den afrikanischen Großen Seen profitiert von reichlichen Niederschlägen und höheren Lagen, die die äquatoriale Hitze mildern.

Hohe Bevölkerungsdichte führt nicht zwangsläufig zur Verstädterung. Die meisten Burundier leben nach wie vor in den Collines, den sanft gewellten Hügeln, wo sie an steilen Hängen Bananen, Maniok und Bohnen anbauen. Jeder verfügbare Flecken – Straßenränder, Gärten, Zwischenräume zwischen Häusern – scheint mit Mais bepflanzt. Nach herkömmlichen Maßstäben, die oft auf administrativen Einteilungen basieren, zählt Burundi zu den ländlichsten Staaten weltweit.

Das Forschungsprojekt Africapolis, unterstützt von der OECD, definiert einen Ort als urban, wenn er mehr als 10.000 Einwohner in Gebäuden beherbergt, die maximal 200 Meter voneinander entfernt stehen. Nach dieser Definition leben bereits heute 78 Prozent der Burundier in städtischen Gebieten. Bis 2050 könnte sich ein Großteil des Landes in eine zusammenhängende Siedlungsfläche verwandeln – nicht im wörtlichen Sinne, sondern als Hybrid: weder klassisches Dorf noch richtige Stadt.

Nahrungsmittelkrise

Die zentrale Herausforderung liegt in der Nahrungsmittelproduktion. Optimisten berufen sich auf die Theorie der dänischen Wirtschaftswissenschaftlerin Ester Boserup, die in den 1960er Jahren argumentierte, dass Landknappheit Bauern zu intensiveren Anbaumethoden motiviert. Ein Beispiel dafür ist Vivien Nduwumwami, ein pensionierter Landwirtschaftsbeamter aus dem Hochland von Kayanza. Beim Gang einen Hang hinab zeigt er, wie er Terrassen gegen Erosion angelegt, Kalk zur Bodenverbesserung ausgebracht und ein Bewässerungssystem installiert hat, das ihm drei Ernten jährlich ermöglicht.

Doch in Burundi drängt sich unweigerlich der Geist von Thomas Malthus auf, jenes pessimistischen englischen Geistlichen, der 1798 warnte: „Die Fähigkeit der Bevölkerung zu wachsen ist unvergleichlich größer als die Fähigkeit der Erde, Lebensmittel zu produzieren.“ Nicht weit von Nduwumwamis Anwesen lebt Ezechiel Niyibizi in bitterer Armut. Nach Streitigkeiten in seiner Familie um das knappe Land und dem Tod seines Vaters blieb ihm nichts. Mit Hilfe lokaler Behörden erhielt er ein bescheidenes Haus mit gestampftem Lehmboden und ein winziges Grundstück von zehn mal zehn Metern. Findet er keine Lohnarbeit, müssen seine Kinder hungrig schlafen gehen.

Niyibizis Schicksal scheint in Burundi keine Ausnahme zu sein. Laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist der Anteil der Haushalte mit „unsicherer Nahrungsmittelversorgung“ von 28 Prozent im Jahr 2008 auf 41 Prozent im Jahr 2023 gestiegen. Die Hälfte aller Kleinkinder weist Entwicklungsverzögerungen auf.

Diese Krise hat mehrere Ursachen: teilweise den Klimawandel, stärker die wirtschaftliche Lage, am gravierendsten jedoch die Bodenerschöpfung. Brachezeiten gibt es nicht mehr, und die Erträge stagnieren. „Ohne Dünger können wir nichts ernten, weil der Boden bereits ausgelaugt ist“, erklärt Provinzgouverneur Victor Segasago. Obwohl Düngemittel subventioniert werden und ihr Einsatz zunimmt, wird die Verteilung von einem Monopolisten kontrolliert, der häufig Lieferverzögerungen verursacht.

Wenn allerdings 78 Prozent der Landwirte weniger als ein Viertel Hektar Land bewirtschaften – eine Fläche von etwa vier Tennisplätzen – stoßen auch Subventionen an ihre Grenzen. Bis 2050 werden zehn Millionen zusätzliche Menschen zu ernähren sein – es sei denn, die Geburtenrate sinkt drastisch.

Gesellschaftlicher Wandel

Edith Bizoza, eine Krankenschwester aus Kayanza, berichtet von wachsendem Interesse junger Menschen an Verhütungsmethoden. Sie erkennen zunehmend, dass sie auf ihren winzigen Parzellen keine großen Familien ernähren können. Die Regierung strebt an, die Geburtenrate von derzeit etwa fünf auf drei Kinder pro Frau bis 2040 zu senken. Kein unmögliches Ziel: Das kulturell sehr ähnliche Ruanda liegt bereits bei 3,7, Kenia sogar bei 3,2 Kindern. René Manirakiza von der Universität Burundi betont jedoch, dass dies nur mit Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen gelingen kann – Eltern müssen darauf vertrauen können, dass ihre Kinder gute Überlebenschancen haben.

Inzwischen wandelt sich die Gesellschaft grundlegend. Traditionelle Statussymbole der burundischen Kultur – Land, Vieh und Kinder – werden künftig für die meisten Menschen in geringerem Maße verfügbar sein. Gesprächspartner berichten von zunehmenden Spannungen zwischen Geschwistern, Nachbarn sowie zwischen den Generationen. Landstreitigkeiten überlasten die Gerichte. Der Alltag wird zunehmend monetarisiert: Selbst die Nutzung eines Zuchtbullen wird heute in Rechnung gestellt. Viele junge Burundier suchen ihr Glück im Ausland – als Farmarbeiter in Tansania, in Städten Ostafrikas oder als Hauspersonal in den Golfstaaten.

In früheren Zeiten, als Burundi noch eine Monarchie war, glaubte man, der König würde sterben, wenn er den Tanganjikasee erblickte. Heute strömen die Menschen entgegen diesem alten Glauben von den Hügeln nach Bujumbura hinab, der Stadt am Ufer dieses Sees. Sie siedeln sich in den Randbezirken an, zwischen Ziegeleien und Holzlagern, wo das Kreischen der Sägen das Blöken der Ziegen übertönt. Die wenigen verfügbaren Arbeitsplätze konzentrieren sich auf Transport, Handel oder den Bau der wachsenden Stadt selbst.

Unter günstigeren Bedingungen könnte die Energie der jungen Bevölkerung Entwicklung und Fortschritt beflügeln. Doch die Angst vor den Folgen des Bevölkerungswachstums schwingt wie ein ständiges Hintergrundrauschen in der ohnehin angespannten Politik der Region der Großen Seen mit – einer Region, die selten Frieden kennt.

Die Burundier tragen die Erinnerung an ethnische Massaker, Bürgerkrieg und die Unruhen von 2015, die in einem gescheiterten Putschversuch gipfelten. Ein militärischer Kontrollpunkt blockiert nach wie vor die Straße zum nationalen Rundfunk und Fernsehen – dem ersten Ziel potenzieller Putschisten. Daneben baut jemand auf dem schmalen Grünstreifen neben der Straße Mais an.

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KO KOSMO-Redaktion
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