Massaker treiben den Partisanen Rekruten zu
Und erreichte das Gegenteil dessen, was Adolf Hitler, Wilhelm Keitel und fast die gesamte Führung der Wehrmacht im Sinn hatten.
„Reprisal policy only played into the hands of the communists. Ambushed troops cried for revenge and shot people found in the fields. In most cases the guilty had long fled, the innocent suffered, and hitherto loyal Serbs went over to the partisans out of fear or bitterness.“
So fasst der renommierte US-amerikanische Zeithistoriker Christopher Browning die Wirkung zusammen (Quelle: siehe hier.)
Das war der Führung NS-Deutschlands durchaus bekannt. General Paul Bader, immerhin Militärkommandant im besetzten Serbien bis September 1941, hatte dem OKW eine gleichlautende Analyse zukommen lassen. Prompt setzte man den steirischen General Franz Böhme an seine Stelle. Der hatte weniger Skrupel.
Die Četniks werden nicht als Alternative gesehen
Wem sich die Serben anschlossen, die von den deutschen Kriegsverbrechen in den Widerstand getrieben wurden, war auch sehr schnell klar: Titos Partisanen, die sich im Herbst 1941 gerade im Aufbau befanden.
Sie, und nur sie, hatten zu diesem Zeitpunkt größere Kampfhandlungen gegen die Besatzer gesetzt.
Die Četniks blieben passiv. Die wenigen Einheiten, die – meist gemeinsam mit den kommunistischen Partisanen – etwas gegen die Wehrmacht unternahmen, taten das in der Regel gegen den Willen von Četnik-Führer Draža Mihailović. Allein im befreiten Užice stand eine mögliche Kooperation im Raum.
Mihailović dürfte schon am 21. Oktober 1941 gewusst haben, dass er sich dem Widerstand der Partisanen nicht anschließen würde. Bis zum 26. Oktober verhandelte er noch mit Tito. Für den 2. November ordnete er an, dass die Četnik-Einheiten in Užice das dortige Hauptquartier der Partisanen angreifen sollten.
Gemeinsam mit der Wehrmacht vertrieben die Četniks die Partisanen aus der Gegend und brachen dem einzigen effektiven militärischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung beinahe das Genick.
Dass die Partisanen als militärische Bewegung überlebten, lag nicht nur am organisatorischen und propagandistischen Geschick Titos. Es lag vor allem am zweiten Baustein der deutschen Niederlage am Balkan.
Wie die Ustaša einen Aufstand gegen sich auslösen
Unmittelbar nach der Kapitulation Jugoslawiens und der Unabhängigkeitserklärung ihres faschistischen Marionettenregimes begannen die Ustaša ihren Völkermord an Serben, Juden und Roma im so genannten Unabhängigen Staat Kroatien (NDH).
Zum NDH gehörten neben Kroatien – allerdings weitgehend ohne Adriaküste – ganz Bosnien und Teile der Vojvodina.
Der Massenmord an der serbischen Zivilbevölkerung ab April 1941 ließ ethnische Serben in diesem Gebiet zu den Waffen greifen. Das wuchs sich, zunächst spontan und ohne Führung, zu einem größeren Aufstand aus. Der überraschte alle Beteiligten.
„Die Kommunisten hatten geplant, eine Widerstandsbewegung in den Städten aufzubauen. Als die Nachrichten vom Widerstand gegen die Ustaša die Führung der Kommunisten erreichten, beschlossen die, ihre Strategie zu ändern. Sie stellten sich an die Spitze des Widerstands, und so wurde daraus eine ländliche Widerstandsbewegung“, fasst der kroatische Historiker Hrvoje Klasić zusammen.
Auch hier fällt auf, wie zögerlich die trotz königlich-jugoslawischer Rhetorik serbisch-nationalistischen Četniks reagierten. Nur einzelne Einheiten kämpften lokal gegen die Mordbanden der Ustaša, um ethnische Serben zu schützen. Andere Einheiten standen sogar offiziell unter dem Befehl der Ustaša, und regelmäßig kämpfte man mit ihnen gemeinsam gegen die Partisanen.
Statt einen flächendeckenden Widerstand zu organisieren wie Titos Partisanen, begingen die Četniks lieber Vergeltungsmorde an der muslimischen Zivilbevölkerung Ostbosniens. Diesen Massakern fielen tausende Menschen zum Opfer.
Der deutschen Führung waren die Folgen des Ustaša-Völkermords sehr wohl bekannt. Das belegen zahlreiche interne Dokumenten. Obwohl Wehrmacht, SS und deutsches Außenamt die eigenen Interessen durch den Volksaufstand bedroht sahen, unternahmen sie aus Rücksicht auf die kroatischen Verbündeten wenig bis gar nichts.
Sowohl die Passivität der Četniks beim Völkermord an den Serben Bosniens und Kroatiens wie ihre Massenmorde, die sie später auch im Sandžak begingen, sprechen gegen eine gern vorgebrachte Erklärung, warum sie kaum gegen die Besatzer kämpften: Draža Mihailović habe vor allem Vergeltungsmaßnahmen gegen die serbische Zivilbevölkerung vermeiden wollen.
Gegen eine humanitäre Einstellung Mihailovićs als Hauptmotiv spricht auch, dass die Četniks in einem durchaus komplexen und widersprüchlichen Bündnissystem bei mehr als einer Gelegenheit gemeinsam mit der Wehrmacht gegen die Partisanen kämpften. Das bekannteste Beispiel ist die Schlacht an der Neretva von Jänner bis März 1943.
Auch in der Šesta und der Sedma neprijateljska ofenziva nach jugoslawischer Geschichtsschreibung, den Operationen Kugelblitz und Rösselsprung nach deutscher, kämpften die Četniks gemeinsam mit den Deutschen gegen die Partisanen.
Beide Schlachten hatten das Ziel, die Widerstandsbewegung endültig zu zerschlagen.
Hätte es die Partisanen als Volksbewegung ohne die Reaktionen auf die deutschen Kriegsverbrechen gegeben?
Das alles zeichnete sich schon im Herbst 1941 ab, als sich abertausende Serben und zahlreiche Juden als Reaktion auf die Massaker an der Zivilbevölkerung in Rumpf-Serbien den Partisanen anschlossen.
Sie waren neben den zehntausenden Serben und abertausenden Kämpfern gegen den Völkermord der Ustaša jeglicher ethnischen Zugehörigkeit aus dem NDH der personelle Grundstock der Partisanenbewegung Titos.
Die wuchs bis zu Kriegsende auf mehr als eine Million Menschen an – unter ihnen auch etwa 100.000 Frauen. Dem nicht-militärischen Widerstand der Partisanen gehörten mehrere Millionen Menschen an.
1943 erkannten auch die Westalliierten, wer den einzig effektiven Widerstand gegen die Deutschen am Balkan leistete. Winston Churchill ließ seinen bisherigen Verbündeten Draža Mihailović fallen. Der hatte zu dem Zeitpunkt schon mehr als einmal die Deutschen militärisch unterstützt.
Ab da ließ er Titos Partisanen mit Waffen, Ausrüstung und Geheimdienstinformationen versorgen. Ein unverzichtbarer Beitrag zum Widerstandskampf gegen die Deutschen.
Ob all das möglich gewesen wäre, wenn Adolf Hitler und die Wehrmachtsführung den Partisanen mit dem Wüten der Wehrmacht in Serbien im Herbst 1941 nicht abertausende Rekruten geradezu zugetrieben hätten, ist eine wohl kaum zu beantwortende Frage.
Dass die Massenmorde der Wehrmacht an der serbischen Zivilbevölkerung mit insgesamt 80.000 Opfern ein Baustein für die deutsche Niederlage am Balkan waren, dürfte hingegen außer Zweifel stehen. Dass die Deutschen selbst das Massaker von Kragujevac zum Symbol dieser Politik gemacht haben, ebenso.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.