Ein oberösterreichischer Jugendlicher erledigt nach der Schule seine Hausaufgaben und widmet sich anschließend seiner Playstation. Während des Spielens tritt er mit anderen Gamern in Kontakt. „Ein vermeintlich gleichaltriger Junge aus Deutschland spricht ihn an und erkundigt sich nach seinen Spieltaktiken“, erklärt Medienpädagoge Manuel Lanzerstorfer anhand eines typischen Falls. Was als harmloser Austausch über Spielstrategien beginnt, entwickelt sich rasch weiter – der Teenager erhält Anerkennung, und zwischen den beiden entsteht eine virtuelle Freundschaft.
Die Kommunikation weitet sich bald auf weitere Plattformen aus. Beim gemeinsamen FIFA-Spielen verändert sich der Gesprächston allmählich: Zunächst stehen Trainingsmethoden und Muskelaufbau im Mittelpunkt – dann folgt die erste Aufforderung „zeig mal“. „Der Junge hat daraufhin seine Muskeln angespannt, ein Selfie aufgenommen und verschickt“, berichtet Lanzerstorfer – und bekam ein entsprechendes Bild zurück. Dieses digitale Kräftemessen setzt sich über mehrere Wochen fort, wobei die ausgetauschten Fotos zunehmend freizügiger werden.
Die Situation spitzt sich schließlich zu. Noch bevor eine neue Spielrunde beginnt, verlangt der deutsche Kontakt unvermittelt: „Du ziehst dich jetzt nackt aus, pinkelst in die Dusche und machst ein Selfie.“ Der völlig überrumpelte Jugendliche hält dies zunächst für einen geschmacklosen Witz und verweigert sich – mehrmals hintereinander.
Digitale Erpressung
⇢ Schock-Studie: Wie immer mehr Jugendliche im Netz unter Druck gesetzt werden
Daraufhin folgt eine massive Einschüchterung: Der Online-Bekannte behauptet, über persönliche Informationen wie Eltern, Wohnadresse und Schule des Teenagers zu verfügen. Sollte kein Nacktfoto gesendet werden, würden die bereits ausgetauschten Bilder „groß ausgedruckt am Schuleingang hängen“. Aus Verunsicherung und Überforderung erwägt der Jugendliche kurzzeitig nachzugeben – auch aus Sorge vor häuslichen Konsequenzen. In der Schule wird sein verändertes Verhalten bemerkt.
Schließlich vertraut er sich seinem engsten Freund an. Gemeinsam suchen sie professionelle Unterstützung. In Oberösterreich existieren dafür etablierte Anlaufstellen wie das Jugendservice oder Rat auf Draht. Dort wird dem Betroffenen die Situation klar benannt: Er ist Opfer einer Erpressung. Laut dem Medienpädagogen handelt es sich hierbei keineswegs um einen Einzelfall. Besonders tückisch sei der typische Verlauf: Der Einstieg erfolge fast immer unverfänglich, mit Bestätigung, Aufmerksamkeit und scheinbarer Freundschaft – „und dann kippt es“.
Präventive Workshops
Genau an diesem Punkt setzt der neu konzipierte Workshop „Nackt im Netz – Safe durch digitale Welten“ an: Das Programm richtet sich an Heranwachsende ab 13 Jahren und erweitert das bestehende medienpädagogische Angebot des Landes Oberösterreich um den Themenkomplex digitale Intimität und sexualisierte Inhalte im Internet.
Die teilnehmenden Jugendlichen lernen dabei, Warnsignale frühzeitig zu identifizieren, Drucksituationen richtig einzuschätzen und Hilfsangebote zu nutzen. Die Veranstaltungen werden vom Medienpädagogen Manuel Lanzerstorfer und der Sexualpädagogin Karin Mühlwasser durchgeführt. Für das laufende Jahr sind 60 Workshops vorgesehen.
Jugendschutz-Landesrat Martin Winkler (SPÖ) unterstreicht: „Gerade online brauchen junge Menschen klare Orientierung, Wissen über ihre Rechte und konkrete Handlungsmöglichkeiten.“ Die Initiative ziele darauf ab, „Jugendliche rechtlich, medial und persönlich zu stärken“.
Medienkompetenz sei dabei „ein zentraler Schlüssel“.