Die Ermittlungen rund um vergiftete Babynahrungsgläser des Herstellers Hipp verdichten sich zunehmend zu einem gezielten Erpressungsfall – die Behörden arbeiten mittlerweile länderübergreifend an der Aufklärung. Wie die „Presse“ berichtet, soll am 27. März eine Drohmail beim Unternehmen in Deutschland eingegangen sein, in der bis zum 2. April eine Zahlung von zwei Millionen Euro gefordert wurde. Der Absender drohte damit, vergiftete Gläser in Supermärkten in Tschechien, der Slowakei und Österreich zu deponieren. Die Mail wurde allerdings erst am 16. April zur Kenntnis genommen.
Tatsächlich wurden in Tschechien und der Slowakei manipulierte Gläser aufgefunden und sichergestellt – in beiden Fällen bestätigte sich eine Vergiftung. Auch in Österreich ist die Situation ernst: In einer Interspar-Filiale in Eisenstadt konnten zwar keine markierten Produkte im Regal entdeckt werden, doch wurden dort entsprechende Gläser verkauft. Mindestens zwei Exemplare dürften betroffen sein.
Eines davon wurde sichergestellt, nachdem es zwar erworben, aber nicht verzehrt worden war. Nach einem weiteren Glas wird noch gefahndet, wie Polizeisprecher Helmut Marban bestätigte. Es könnte – wie das bereits untersuchte Produkt – mit Rattengift versetzt sein.
Großflächiger Rückruf
Den Ausgangspunkt der Causa bildete ein umfangreicher Rückruf in Österreich: Betroffen ist das bei Spar vertriebene Produkt „Gemüsegläschen Karotte mit Kartoffel“ (190 Gramm). Nachdem der Verdacht auf eine Kontamination mit Rattengift aufgekommen war, riefen Gesundheitsministerium und AGES dazu auf, dass „besondere Vorsicht geboten ist, bis der Fall vollständig aufgeklärt ist“. Der Handel reagierte umgehend und räumte sämtliche betroffenen Produkte aus den Verkaufsregalen.
„Bei 1.500 Filialen in Österreich war das eine ordentliche Menge“, erklärte Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Wie viele Gläser bislang von Kundinnen und Kunden zurückgegeben wurden, ist noch nicht bekannt.
Parallel dazu laufen auch in Deutschland Untersuchungen. Die Kriminalpolizei Ingolstadt führt die Ermittlungen und steht in engem Kontakt mit dem Unternehmen. Nach Behördenangaben sind in Deutschland selbst keine manipulierten Produkte aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung. Zu einem möglichen Erpressungsschreiben wollten sich weder die österreichischen Behörden noch das Polizeipräsidium Oberbayern Nord äußern – eine offizielle Stellungnahme wurde lediglich in Aussicht gestellt.
Das sichergestellte Glas war in der Eisenstädter Spar-Filiale erworben worden; auch das noch fehlende Exemplar dürfte aus demselben Geschäft stammen. Die österreichischen Ermittler gehen Hinweisen nach, die ihnen aus Deutschland übermittelt wurden. Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt bestätigte die laufenden Ermittlungen. „Eine genaue toxikologische Untersuchung des sichergestellten Glases wurde angeordnet“, erklärte Sprecherin Petra Bauer. Weitergehende Details halten die Behörden bewusst zurück – so wird etwa kein Foto des betroffenen Produkts veröffentlicht, um mögliche Nachahmungstaten zu verhindern.
Warnung an Bevölkerung
Gleichzeitig warnen die Ermittler vor möglicherweise noch im Umlauf befindlichen manipulierten Gläsern. Die Bevölkerung solle „aufmerksam bleiben“ und prüfen, „ob vielleicht ein Glas in den letzten Tagen gekauft worden ist und man noch nicht darauf gekommen ist“. Laut aktuellem Ermittlungsstand sind betroffene Produkte an einem weißen Aufkleber mit rotem Kreis am Glasboden erkennbar.
Weitere Hinweise können ein geöffneter oder beschädigter Deckel sowie ein fehlender Sicherheitsverschluss sein – in diesem Fall fehlt beim ersten Öffnen das typische Knackgeräusch. Beim bereits sichergestellten Glas habe der Inhalt zudem verdorben gerochen und eine auffällige Konsistenz aufgewiesen.
Die Polizei appelliert weiterhin an die Bevölkerung, Hinweise unter der Telefonnummer +43-5913310-3333 zu melden. Seit Freitagabend seien „viele Telefonate von besorgten Bürgerinnen und Bürgern eingegangen“, zog Marban eine erste Bilanz.
Zum möglichen Erpressungsversuch äußert sich das Unternehmen nicht konkret. Man könne dazu „in Absprache mit der Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen“, so Berkmann.