Jahrzehntelang blieben Tausende Opfer ungehört. Nun soll eine historische Untersuchung Licht ins Dunkel bringen.
England und Wales stehen vor einer der umfangreichsten unabhängigen gesetzlichen Untersuchung zu organisiertem sexuellen Kindesmissbrauch, die das Land je gesehen hat. Unter der Leitung von Baroness Anne Longfield CBE werden die Städte Oldham, Bradford, Keighley und London unter die Lupe genommen. Ziel der Untersuchung ist es, zu klären, was Einzelpersonen und Institutionen getan oder versäumt haben, um Kinder vor sexuellem Missbrauch durch sogenannte Grooming-Banden zu schützen.
Die als eigenständige „Independent Inquiry into Grooming Gangs“ nach dem Inquiries Act 2005 eingerichtete Untersuchung verfügt über ein Regierungsbudget von 65 Millionen Pfund und soll spätestens drei Jahre dauern. Darüber hinaus soll geprüft werden, ob in Orten wie Oxford und Rotherham, wo bereits frühere Untersuchungen stattgefunden haben, die damals ausgesprochenen Empfehlungen tatsächlich umgesetzt wurden. Fiona Goddard, eine Missbrauchsüberlebende, die im Oktober 2025 aus der Untersuchungskommission zurückgetreten war, reagierte auf die Bekanntgabe mit Erleichterung – insbesondere darüber, dass Bradford nun in den Untersuchungsrahmen aufgenommen wurde. Sie mahnte Rechenschaft ein und übte scharfe Kritik an jenen, die eigentlich zum Schutz von Kindern verpflichtet gewesen wären.
Politische Reaktionen
Robbie Moore, konservativer Abgeordneter für Keighley und Ilkley, bezeichnete die Einbeziehung Bradfords als bedeutenden Wendepunkt und betonte, die Untersuchung müsse die Wahrheit ans Licht bringen. Ein Sprecher des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan begrüßte die Initiative und forderte Gerechtigkeit für die Opfer. Auch Kemi Badenoch, Vorsitzende der Konservativen Partei, wertete die Ankündigung als wichtigen Schritt in Richtung Aufklärung.
Amy Clowrey von der Kanzlei Switalskis Solicitors, die mehrere Opfer rechtlich vertritt, hob hervor, dass die Öffentlichkeit nun erstmals das wahre Ausmaß von Grooming und Missbrauch erfahren werde. Die ersten Anhörungen sollen sich auf Regierungsbehörden, Polizei, Staatsanwaltschaft, Kommunalverwaltungen und den Nationalen Gesundheitsdienst NHS konzentrieren. Trotz 800 bereits identifizierter Handlungsempfehlungen besteht nach wie vor eine erhebliche Inkonsistenz bei deren Umsetzung.
Baroness Longfield äußerte die Hoffnung, dass die Untersuchung zu einem Punkt führen werde, an dem weitere Erhebungen dieser Art schlicht nicht mehr notwendig sein sollten. Angekündigt hatte Premierminister Sir Keir Starmer die nationale Untersuchung im Juni 2025 – doch geriet das Vorhaben rasch in Turbulenzen, als fünf Missbrauchsüberlebende den Rücktritt von Schutzministerin Jess Phillips forderten.
Betroffene Städte
Oldham war bereits im vergangenen Jahr als eines der lokalen Untersuchungsgebiete bestimmt worden. Überlebende dort hatten eine neue Aufarbeitung historischer Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch verlangt. In Bradford wiederum hatten Betroffene über viele Jahre hinweg Bedenken geäußert, ohne dass diese ausreichend Gehör gefunden hätten.
London bringt aufgrund seiner Größe und strukturellen Komplexität einen eigenen, vielschichtigen Kontext in die Untersuchung ein. Wie die BBC berichtete, wurden in London Mädchen im Alter von nur 13 Jahren sexuell ausgebeutet. Weitere lokale Untersuchungsgebiete sollen noch im Laufe des Jahres bekanntgegeben werden.
Sarah Champion, Abgeordnete für Rotherham, zeigte sich erfreut über die Ankündigung. Rotherham ist einer jener Orte, an denen organisierte Missbrauchsnetzwerke über Jahre hinweg ungehindert agieren konnten. Ein unabhängiger Bericht von Professorin Alexis Jay kam zu dem Ergebnis, dass in den Jahren 1997 bis 2013 rund 1.400 Kinder in Rotherham sexuell ausgebeutet wurden.
Die BBC-Journalistin Alison Holt verwies auf die zentrale Herausforderung der Untersuchung: sicherzustellen, dass alle relevanten Stellen dauerhaft wachsam bleiben gegenüber Anzeichen von Missbrauch.
Die Untersuchung hat zugesichert, die Stimmen der Überlebenden in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.