
Kein Unterschied zwischen Stadt und Land
So ist es in großen Städten, aber wie die Situation erst in ländlicheren Gegenden ist, zeigt am besten ein Fall, der alle schockierte, als er am 23. Dezember 2021 passierte. Da wurde ein Baby in einen Container geworfen. Die Polizistin Katarina Ilić, die das Baby rettete, erzählt, was sich in dieser schrecklichen Nacht in Obrenovac zutrug: „Die gebärende Mutter rief die Polizei und sagte nur, dass sie ihr Baby in einen Container geworfen habe. Wir fuhren sofort dorthin und durchsuchten gemeinsam mit Mitarbeitern des Rettungsdienstes den Container. Auf einmal fühlte ich unter meinen Händen ein sanftes Zittern und so fand ich das Baby und zog es heraus. Es war ganz nass und man hörte nichts. Ich betete, dass das Kind noch am Leben sei. Der Rettungssanitäter riet mir, dass Baby auf den Bauch zu drehen und es begann sich zu bewegen und leise Töne von sich zu geben. So zeigte es uns, dass es lebte”, erzählt Ilić und fügt hinzu, dass das einer der schlimmsten Fälle war, die sie je erlebt hat, und dass sie diese Nacht nie vergessen wird. Meistens, und vor allem in diesen brutalen Fällen ausgesetzter Babys, handelt es sich um ungewollte Schwangerschaften aus kurzfristigen Beziehungen oder One-Night-Stands oder um ungeplante Schwangerschaften in einer Ehe oder aus einer gewaltsamen Sexualbeziehung oder sogar aus Inzest. Es ist ein Vorurteil, dass nur Minderjährige, Drogenabhängige und Alkoholikerinnen Neugeborene aussetzen, beginnt Ljubica Kuridza, Master der Sozialarbeit und Familientherapeutin, das Gespräch mit KOSMO.

(FOTO: zVg.)
„Postnatale Depressionen, fehlender familiärer Rückhalt, oft auch schwierige wirtschaftliche Umstände, aber auch psychische Erkrankungen der Mütter oder verschiedene Formen der Abhängigkeit sind Gründe für die Ablehnung eines Kindes, und später auch die Ablehnung der Elternrolle. Es gab ein Fall eines Mädchens, das zum Studium vom Land in die Stadt gezogen und aus einem One-Night-Stand schwanger geworden war und später erst erfahren hatte, dass dieser Grund keine Abtreibung rechtfertigte. Sie verfiel in Depressionen und versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Sofort nach der Geburt erklärte sie den Ärzten, dass sie das Kind zur Adoption freigeben wolle. Trotz Bemühungen des medizinischen Personals und später auch des Sozialamts, sie zu überzeugen, das Kind anzunehmen, bestand sie darauf, das Verfahren möglichst schnell abzuschließen, und verschwand”, erzählt Kuridza.
Staatliche Unterstützung ist wichtig
Aufgrund solcher und zahlreicher anderer Fälle, denen sie in ihrer langen Karriere begegnet ist, betont sie, wie wichtig es ist, die ganze Bevölkerung zu informieren und Frauen mit Präventionsprogrammen zu helfen, aber auch alleinerziehende Mütter zu unterstützen, denn sie glaubt, dass die Zahl der ausgesetzten Kinder so verringert werden könnte. „Armut besteht nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch dort, wo ein Mangel an Seele und an Liebe, Verständnis und familiärer Unterstützung besteht, kommt es unweigerlich zu solchen Situationen, die weitreichende Folgen haben und über Generationen hinweg Traumata hinterlassen. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen, so lautet ein afrikanisches Sprichwort”, so Kuridza abschließend. Jedes weggelegte bzw. adoptierte Kind hat dem Gesetz nach das Recht, seine leiblichen Eltern zu suchen, aber das gilt nicht für diejenigen, die ihr Kind verlassen haben. Nach den Worten der Rechtsanwältin Milena Jankovic lohnt es sich, die wahren Eltern zu suchen und zu wissen, wer sie sind. „Die Staaten sollten diese Verantwortung eigentlich übernehmen. Das Aussetzen von Kindern an derartigen Plätzen ist einfach nicht akzeptabel. In den Dörfern werden Kinder auf Feldern ausgesetzt, was dramatisch ist, denn dort können sie von Raubtieren angegriffen werden, aber auch in der Kälte erfrieren. Wenn Kinder so klein sind, ist ihr Leben besonders gefährdet, und ein solches Aussetzen ist in einigen Ländern strafbar. Es müssen sichere Orte geschaffen werden, an denen ein Kind anonym abgegeben werden kann und wo es sicher ist, wenn eine Gebärende entscheidet, es anderen zur Aufzucht zu übergeben”, sagt Jankovic. Sie erklärt, dass sich jedes Jahr Kinder, die ausgesetzt wurden und inzwischen erwachsen geworden sind, melden und fragen, ob sie von jemandem gesucht wurden. „Daher, Mütter, wenn euer Kind den Kontakt mit euch wünscht und ihr auch mit ihm, dann sendet einen Brief dorthin, wo ihr es abgegeben habt, und schreibt, dass ihr es sehen möchtet”, rät Jankovic von Herzen.