„Alexandra, macht nix, Österreich liebt dich!“

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„Alexandra, macht nix, Österreich liebt dich!“

(FOTO: Christopher Glanzl, iStockphoto)

Eine Antwort auf Alexandra Stanićs „Warum ich Österreich hasse“ von einem durchschnittlichen Punschkrapfen.

Liebe Alexandra, auch wenn du Österreich nicht liebst, liebt es dich! – Die Kolumne der Vice-Chefredakteurin Alexandra Stanić mit dem Titel „Warum ich Österreich hasse“ sorgte im gesamten Land für große Aufregung und emotionale Reaktionen – so auch bei mir, einem Österreicher – oder wie meine Kollegin Alexandra sagen würde: einem Gabalier-hörendem Punschkrapfen („außen rot, innen braun und immer ein bisschen betrunken“) mit Tschick und Boulevardblatt in der Hand, der je entweder eine Melange oder Spritzer trinkt.

Aber dieser Österreicher, der diesen Blog als Antwort verfasst, ist alles andere als die Stereotypen, mit denen in der Kolumne auf inflationäre Art und Weise um sich geballert wird. Und ich als Slawist, Wiener aus Leidenschaft, Österreich liebender Punschkrapfen, der nicht immer mit dem modernen Feminismus d’accord geht, würde gerne die folgenden Zeilen dazu nützen, dich, liebe Alexandra, vom Gegenteil zu überzeugen

Auge um Auge, Zahn um Zahn ist überholt!
So schön wie Bernhard mehrfach im Text als allgemeingültiges Gesetz zitiert wird, könnte man auch Ivo Andrićs „Pismo iz 1920.“ zitierten, in welchem er sagt, dass „Bosnien ein wundervolles Land des Hasses und der Angst ist“. Genauso wie die Bernhards Worte auf den durchschnittlichen Österreicher zutreffen, so treffend sind auch Andrićs Zeilen… Aber wir möchten ja nicht generalisieren, oder?

Rechtspopulistische Politiker, Menschen mit beschränktem Weitblick, sowie rassistischen und nationalistischen Einstellungen sind bei Weitem kein österreichisches Phänomen, auch wenn du dies so erlebst. All die von dir genannten Beispiele aus Politik, Musik und anderen Bereichen sind nur ein Bruchteil von dem, was Österreich ist und ausmacht und weshalb ich mit Stolz sagen kann, dass ich mein Land von ganzem Herzen liebe.

Warum ich Österreich liebe
Die Auflistung der schwarzen Schafe ist eine unnötige Generalisierung und Pauschalisierung der österreichischen Bevölkerung, die dich um keinen Deut besser macht als all jene „Punschkrapfen“, die du im Text erwähnst – vielmehr gleichst du ihnen mit solchen Aussagen wie ein Ei dem anderen. Auf der anderen Seite gibt es Millionen Gründe, weshalb man Österreich lieben sollte und auch solche, die zeigen, weshalb DICH Österreich liebt.

Ich liebe Österreich, weil die Regierung in den 60er, 70er und 80er Jahren Migranten – wie deine Eltern – aufgenommen hat. Nicht zu vergessen die tausenden Menschen, die während des Jugoslawienkrieges hier eine neue Heimat gefunden haben. Und auch in den vergangenen Jahren hat unser Land gezeigt, dass man immer bereit ist zu anderen Menschen zu helfen. Klar gibt es Schwierigkeiten, Probleme und Herausforderungen. Diese sind jedoch im Vergleich zum Guten, das dieses Land leistet, ein auf – gut Österreichisch- „Lercherlschas“.

Außerdem liebe ich Österreich und vor allem Wien, weil ich fünf Meter entfernt eine Eintrige und einen Buckl bestellen kann, und mir danach bei Ahmed um die Ecke einen türkischen Kaffee gönne, während ich in einem Buch von Ismael Kadare schmökere und die typische Gemeindebau Omi aus dem Fenster schreit, weil die Kinder zu laut spielen. Hier kann und darf man alles und nichts – es obliegt einem selbst, die Chancen und Möglichkeiten zu nützen.

Und ganz besonders liebe ich Österreich, weil jene Menschen, die entweder hierhergekommen sind, oder aber Nachfahren von Migranten sind, eine faire Chance bekommen. Chancengleichheit gibt es hierzulande wirklich und du bist das beste Beispiel dafür.

Österreich liebt dich, Alexandra
Als Tochter von Gastarbeitern hast du es, trotz einiger Hürden (die im Übrigen auf die eine oder andere Art auch jeder Österreicher überwinden muss), geschafft, VICE-Chefredakteurin zu werden. Das wäre in vielen anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union mit Sicherheit viel schwieriger möglich, vom Balkan ganz zu schweigen.

Österreich liebt dich, Alexandra. Und selbst, wenn du es nicht zugeben magst oder kannst, so hast du dich und deinen Weg hierzulande gefunden. Allein der Titel deiner Kolumne „Warum ich Österreich hasse“ strotzt nur so vor der typischen Wiener Suderei. Außerdem kannst du dich, trotz unnötiger Hasskommentare, öffentlich zu allen Themen äußern, die dir am Herzen liegen, Feminismus, sowie Freiheit leben und Rechtspopulisten und Nationalisten in den Dreck ziehen.

Gleichzeitig erreichst du damit Menschen, wie mich und tausende andere, die sich deiner Kritik annehmen und reflektiert über jedes geschriebene Wort nachdenken. Also wenn das kein Zeichen von „du bist hier angekommen, fest verwurzelt und essentielles Mitglied der Gesellschaft“ ist, dann weiß ich auch nicht. Und eins sag‘ ich dir, nicht nur die Nivins, Hamids, Damirs, Valentinas und Mohameds schätzen dich und deine Arbeit, sondern auch alle Hansis, Gittis, Sebastians und eben auch ich, der eine Manuel aus Wien.

Also selbst wenn du Österreich niemals als deine Heimat bezeichen kannst, so bezeichnet dich Österreich mit Stolz als eine von uns! 🙂

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien der gebürtige Wiener bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.