In Vorarlbergs Schulen klafft eine dramatische Lücke: Während der Bedarf an schulischer Assistenz explodiert, bleiben die Ressourcen gedeckelt – mit spürbaren Folgen für den Unterricht.
Die Zahl der Kinder in Vorarlberg mit schulischer Assistenz hat sich dramatisch erhöht. Aktuelle Daten aus einer Anfragebeantwortung der Landesregierung an die Grünen zeigen, dass mittlerweile fast 5.700 Schülerinnen und Schüler diese Unterstützung erhalten – ein Anstieg um das 18-fache binnen fünf Jahren. Während im Schuljahr 2020/21 nur etwa 315 Kinder diese Hilfe bekamen, sind es gegenwärtig über 5.600. Besonders deutlich fiel der Zuwachs in den Bezirken Dornbirn, Feldkirch und Bregenz aus.
Im laufenden Schuljahr werden rund 5.800 Wochenstunden für schulische Assistenz bereitgestellt. Die Landesregierung betont, dass dieser Umfang nicht verringert wurde. Allerdings stellte Landesrätin Barbara Schöbi-Fink Anfang Juni klar, dass keine Ausweitung geplant sei: „Wir werden gleich viele Stunden zur Verfügung stellen können, aber es stimmt, dass das nicht nach oben offen ist. Wir können mit den vorhandenen Mitteln nicht jeden Bedarf abdecken, so wie es sich die Schuldirektoren oder Lehrpersonen wünschen würden.“
Dramatischer Ressourcenmangel
An mehreren Volksschulen haben Direktoren bereits auf die angespannte Situation hingewiesen. Bernd Dragosits, Leiter der Volksschule Bütze in Wolfurt, erklärte in einem ORF-Vorarlberg-Interview, dass die zugeteilten Assistenzstunden vielerorts bei weitem nicht ausreichen. Seine Schule erhalte lediglich 18 Wochenstunden statt der benötigten 60.
Ähnlich äußerte sich Christoph Wund, Direktor der Volksschule Kirchdorf in Lustenau, im ORF-Interview. Dort stehen nur 60 der erforderlichen 128 Stunden zur Verfügung. Die Konsequenz sei, dass eine einzelne Lehrkraft unmöglich allen Kindern gerecht werden könne – von Schülern mit Autismus bis hin zu hochbegabten Kindern.
Fachliche Bedarfsermittlung
Der tatsächliche Bedarf wird nicht willkürlich festgelegt, sondern durch Fachleute ermittelt. Kinder- und Jugendpsychiater, andere Fachärzte, das AKS, die Kinder- und Jugendhilfe sowie Mitarbeiter der Bildungsdirektion stellen den Bedarf fest und quantifizieren ihn.
Diesem Prozess gehen umfangreiche Gutachten, Unterrichtsbesuche und Fallbesprechungen voraus. Dragosits betont: „Das ist also nicht eine Wunschziffer der Direktor:innen, sondern fachlich belegte Notwendigkeit, untermauert auch von Fachgutachten.“
Der Großteil der schulischen Assistenzleistungen wird derzeit über die „Schulische Assistenz und Freizeitbetreuung Vorarlberg“ (SAF) koordiniert. Früher wurde diese Unterstützung hauptsächlich durch Stütz- und Begleitlehrpersonen gewährleistet. Laut Landesregierung haben die Lehrkräfte der SAF ähnliche Aufgaben wie Assistenzkräfte übernommen, sich jedoch weiterqualifiziert und werden aufgrund des zunehmenden Lehrermangels teilweise auch im regulären Fachunterricht eingesetzt.
Ob eine Schule eine eigene Assistenzkraft erhält, hängt nicht nur vom ermittelten Bedarf ab, sondern auch davon, ob geeignetes Personal verfügbar ist.
Budgetäre Zwänge und Personalmangel
Trotz des massiven Anstiegs des Assistenzbedarfs bleibt das Budget für diese Leistungen im aktuellen Landeshaushalt Vorarlberg für 2025 unverändert. Die Landesregierung verweist auf begrenzte finanzielle Ressourcen und die Notwendigkeit, die vorhandenen Mittel auf alle Schulen zu verteilen – auch wenn der tatsächliche Bedarf deutlich höher liegt.
⇢ Stocker: „Die Budgetsanierung ist eine der wichtigsten Aufgaben“
Die Versorgungslücke wird zusätzlich durch einen akuten Fachkräftemangel verschärft. Wie die Bildungsdirektion bestätigt, können in mehreren Bezirken offene Stellen für Schulassistenz nicht besetzt werden. Die Zuteilung von Assistenzstunden an den Schulen hängt somit nicht nur vom festgestellten Bedarf ab, sondern maßgeblich auch von der Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte – ein Umstand, der die bestehende Unterversorgung weiter verschlimmert.