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GESCHICHTE

Balkan Stories: Skadarlija, spätnachts

Balkan Stories: Skadarlija, spätnachts
(Foto: Balkan Stories/zVg.)
6 Min. Lesezeit |

In Skadarlija kommt alles zusammen

„Ich hab auf die Mutter eingeredet. Sie hat mich nicht verstanden“, sagt Nia. „Was der Kleinen alles passieren kann, wenn sie alleine in der Nacht unterwegs ist. Vor allem von Männern.“

„Ach, die Eltern geben das Geld doch sowieso für Alkohol aus“, tönt es von irgendwo im Lokal.

Man überschätzt in Serbien wie anderswo, was Bettler verdienen.

Vor allem in einer armen Gesellschaft, wie es Serbien ist.

Und die Aussage offenbart, dass hierzulande nicht wenige Roma für selbst schuld halten an ihrem Schicksal.

Wenn es denn so einfach wäre.

Antiziganismus ist am Balkan weit verbreitet.

Auch assimilierte Roma erleben oft genug Diskriminierung. In der Schule, am Arbeitsplatz, bei Behörden.

Nicht Assimilierte, ob aus eigener Wahl oder wegen Ausgrenzung, leben meist am Rand der Gesellschaft.

Als Bettler, Altmetall- und Altwarensammler- und händler, wenn sie Glück haben als Musiker oder Gelegenheitsarbeiter.

Im Zentrum Beograds kommt all das zusammen.

Vor allem in der Skadarska Ulica, dem Boheme-Viertel der Stadt.

Skadarlija ist berühmt für seine Kafane.

Gasthäuser mit traditionellem Essen, in denen Bands traditionelle Musik spielen.

Die meisten Musiker sind Roma.

So wie heute abend, als Amela, Clemens und ich vielleicht hundert Meter das Rundsteinpflaster hinauf im Tri šešira gegessen haben.

Roma-Kinder, die spätabends betteln, sind eine der Schattenseiten.

Eine Teufelsspirale aus Ausgrenzung und Misstrauen

Nia weint wenigstens nicht mehr. Das ist auch etwas.

Die Vorwürfe an sich selbst, die quälen sie noch immer.

„Du hast mehr getan als alle anderen, mich eingeschlossen“, sage ich. „Du hast es versucht“.

Das hilft nicht sehr viel weiter.

Die Erfahrung, dass die – des Englischen nicht kundige – Mutter sich nicht von der Fremden beeindrucken ließ, der die Kleine offenkundig ein Anliegen war, ist noch zu frisch.

Als Einzelner oder Einzelne kannst du nur scheitern, wenn du gegen solch offenkundige Kindesmisshandlung auftrittst.

Sicherzustellen, dass Kinder nicht auf der Straße betteln, und vor allem, dass sie in die Schule gehen, das ist Aufgabe der hiesigen Behörden.

Denen ist das kaum ein Anliegen.

Nicht in Serbien, nicht in Bosnien, nicht in Albanien oder sonst einem Staat, in dem es größere Romani-Minderheiten gibt.

Dazu kommt, dass Eltern oft genug einen Aufstand machen, wenn Roma-Kinder in die gleiche Schule gehen sollen wie ihre Kinder.

Auf der anderen Seite steht das tiefe Misstrauen vieler Roma gegen Behörden jeglicher Art.

Dazu gehören Schul- und Fürsorgebehörden.

Manche lassen sich in dieser Amtosphäre der Ausgrenzung und des gegenseitigen Misstrauens in eine selbstzerstörerische Spirale treiben.

Deuten die Ausgrenzung in einer Trotzreaktion in eine stolze Reinheit der eigenen Kultur und Ethnie um.

Diese Leute wollen auch nichts mit der Mehrheitgesellschaft zu tun haben, nichts mit ihren Organen, und genausowenig wollen sie, dass ihre Kinder das haben.

Das ist eine Minderheit innerhalb der Roma, aber es ist diese Minderheit, die ihren Kindern das Recht auf Bildung bewusst verwehrt, die ihre Kinder lieber auf die Straße schickt als in die Schule.

Eine Teufelsspirale, wie sie nicht spezifisch ist für Roma oder für Serben und Serbien.

Man findet sie sehr häufig, wenn ethnische oder religiöse Minderheiten ausgegrenzt werden.

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KO KOSMO-Redaktion
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