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TREBINJE

Balkan stories: Trebinje von seiner schönsten Seite

(FOTO: Balkan Stories)

Wie ich auf meiner Reise nach Trebinje plötzlich ohne Quartier dastehe. Wie das zu meinem schönsten Erlebnis in dieser wunderschönen Stadt in der bosnischen Herzegovina führt. Und was das alles mit Thessaloniki zu tun hat.

„Svatovska bb? Keine Ahnung, wo das sein soll.“

Der Taxifahrer in Trebinje sieht mich fragend an.

Dort liegt das Apartment, das ich für meine Übernachtung in der Kleinstadt im Südwesten Bosniens im Dreiländereck Bosnien – Kroatien – Montenegro gebucht habe.

Ich rufe meinen Vermieter an.

Telefon ausgeschaltet.

Ich schicke ein SMS. „Wir haben Probleme, dein Apartment zu finden. Bitte ruf mich zurück.“

Und setze mich ins nächste Cafe und warte.

Nach einer halben Stunde versuche ich es noch einmal. Telefon immer noch ausgeschaltet.

Vielleicht kein Akku, denke ich. Kommt vor.

Der Chef ruft mir ein Taxi.

Es ist der gleiche Fahrer wie vorhin.

„Svatovska. Bist du sicher?“ fragt er mich. „Nicht Svetosavska?“

„Ja, so stehst’s auf der Buchung“.

Google Maps spuckt irgendetwas aus, das kaum mehr weiterhilft als dass es uns die ungefähre Richtung anzeigt.

Als wir in der ungefähren Weltgegend ankommen, fragt der Taxifahrer die Passanten. „Svatovska bb? Weißt du, wo das ist? Mein Fahrgast hat dort ein Apartment gemietet“.

Wir kommen in eine unscheinbare Seitengasse – der Svetosavska.

Das Taximeter hat mein Taxifahrer ausgeschaltet. „Warum sollst du mehr zahlen, weil ich nicht weiß, wo die Straße ist?“

Hier fragen wir ein Paar mit Kind.

„Ja, die Adresse stimmt“, meint die Frau. „Ich weiß nur nicht, ob hier ein Apartment ist.“

Ich steige aus, angetan von der Hilfsbereitschaft und leicht genervt von meinem Vermieter.

Sein Telefon ist immer noch ausgeschaltet.

(FOTO: Balkan Stories)

Zwei Fremde helfen mir

„Weißt du was“, sagt die Frau, „Setzen wir uns doch ins Cafe und du kannst mir die Fotos vom Apartment zeigen, dann weiß ich auch, ob du hier richtig bist.“

Mein Fahrer kriegt selbstverständlich ordentlich Trinkgeld. Er gibt mir seine Karte, falls sich das doch als Sackgasse herausstellen sollte.

Die Unbekannten und ich haben uns einander mittlerweile vorgestellt. Es sind Jelena und Veki.

Jelena sieht sich die Fotos genau an. „Ja, das muss hier sein.“

„Gib mir mal seine Nummer“, sagt Veki, „ich probier’s mal“.

Mein Vermieter hat das Telefon mittlerweile eingeschalten. Nur hebt er nicht ab.

Ich schicke eine SMS: „Ich warte noch 20 Minuten. Dann ist die Sache erledigt“.

„Eine Freundin von mir vermietet auch Apartments“, sagt Veki. „Ich ruf sie mal, ob da was frei ist. Das ist gleich um die Ecke“.

Er erreicht sie nicht, ruft einen weiteren Bekannten an.

Jelena hat sich mit ihrer Tochter und ihrer Mutter an einen Nebentisch gesetzt. Familienzeit.

„Ich weiß, wie es einem in so einer Situation gehen kann“, sagt Veki. „Bei uns war es ähnlich vor ein paar Jahren. Wir sind nach Thessaloniki gefahren, rund ums orthodoxe Osterfest. Unser Vermieter war auch nicht erreichbar. Und wir haben gewusst: Wenn wir den nicht erreichen, finden wir nichts. Es sind orthodoxe Ostern, da hat alles fünf Tage lang zu.“

Damals hat auch ihm ein bis dahin Unbekannter aus der Patsche geholfen. Den Vermieter hat man irgendwie erreicht und die Familie hatte im Urlaub ein Dach überm Kopf.

Es regnet ein wenig. Wären nicht Jelena und Veki mit ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, meine Stimmung wäre kaum besser als dieses trübe Wetter.

Mumo hat ein Zimmer frei, stellt sich nach ein paar Telefonaten heraus. Er muss es nur vorbereiten.

„Auch das ist nicht weit“, sagt Veki. „Ich bring dich dann dort hin.“

Bei Bosniern sehr beliebt

Nicht weit heißt in Trebinje: Praktisch um die Ecke.

Die Stadt hat 31.000 Einwohner, inklusive Umlandgemeinden. Offiziell.

Wie viele es sind, weiß wie im Rest Bosniens, niemand. Die Zahl stammt aus der Volkszählung 2013.

Wahrscheinlich sind es heute deutlich weniger.

Daran ändert auch nichts, dass aus allen Landesteilen Menschen in die Stadt zuziehen.

Das Klima hier ist mediterran. Trebinje ist am südwestlichsten Zipfel Bosniens. Beziehungsweise des Landesteiles Herzegovina, wie die Herzegoviner stolz und in deutlichen Worten immer betonen.

Die Altstadt und das orthodoxe Kloster gelten als Sehenswürdigkeiten.

Das Meer ist 20 bis 40 Autominuten entfernt. Je nachdem, ob man nach Neum, Dubrovnik oder Herceg Novi will.

Die Menschen hier gelten selbst für bosnische Verhältnisse als ausnehmend freundlich und entspannt.

Anders als in manchen anderen Städten in der Republika Srpska, dem serbisch dominierten Teilstaat, wird der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen hier nicht angeheizt.

Die Menschen leben friedlich mit- oder wenigstens nebeneinander.

Darüber sollten einige Straßennamen nicht hinwegtäuschen, die eindeutig republikaserbisch sind.

Andererseits ist hier auch ein Park nach Srđan Aleksić benannt.

Am 21. Jänner 1993 ging der 26-Jährige in Trebinje dazwischen, als andere Soldaten der Armee der Republika Srpska Alen Glavović verprügelten, Srdjans bosnjakischen Nachbarn.

Die Soldaten prügelten Srdjan mit ihren Gewehrkolben ins Koma. Eine Woche später starb er.

Man kann nicht einmal diese wunderschöne Stadt ohne den Krieg vor 30 Jahren denken.

Aber Trebinje zeigt, dass die Wunden langsam heilen können, wenn man normale Menschen normale Menschen sein lässt, egal wer politisch das Sagen hat.

(FOTO: Balkan Stories)

Veki ist ein ehemaliger Kollege

Veki und sich sind ins Plaudern gekommen. Auch ein wenig über die Arbeit.

„Ach, Journalist bist du“, sagt Veki. „Ich war lange Sportjournalist.“

Bis vor einigen Jahren hat er für verschiedene Sportzeitungen geschrieben. Den Großteil gibt es heute nicht mehr.

„Das Internet hat sie umgebracht“, sagt Veki. „Niemand interessiert sich mehr für einen echten Spielbericht. Es ist nur mehr Copy/Paste aus den Livetickern“.

Die sozialen Medien haben das enorm verschärft.

Heute ist Veki Schwimmtrainer.

Trebinje fördert den Sport in bemerkenswertem Ausmaß. Die lokale Sportschule kann es an Größe locker mit jedem Gymnasium einer vergleichbar großen Stadt aufnehmen.

Sie stammt noch aus dem sozialistischen Jugoslawien.

Außerdem gibt es ein großes Freibad entlang der Trebišnjica.

Veki und seine Schützlinge können sich hier gut entfalten.

Vekis Telefon klingelt.

Mumo ist am anderen Ende der Leitung.

„In fünf Minuten oder so gehen wir“, sagt Veki. „Dein Apartment ist gleich fertig.“

Zeit für ein schnelles Erinnerungsfoto.

Ich zahle und wir brechen auf.

Es ist wirklich nicht weit. Vielleicht 200 Meter gerade aus und dann in die Nikole Tesle. Fast in der Mitte zwischen Busbahnhof und dem Srđan Aleksić-Park.

Zum Abschied umarmen wir uns und tauschen Telefonnummern aus.

„Wenn du wieder mal in Wien bist, meld dich“, sage ich.

„Ja, mach ich auf jeden Fall“, meint Veki. Er kommt ja immer wieder mal.

Vielleicht eine Stunde später sehen wir uns zufällig kurz wieder. Ich erkunde die Innenstadt.

„Christoph“, ruft’s hinter mir und jemand hupt.

Es ist Veki, der mir freundlich zuwinkt.

Balkan Stories, Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.

Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.

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