Heute machen wir an einem Wochenende mehr Fotos als unsere Eltern früher in einem ganzen Urlaub. Damals steckten oft nur 24 oder 36 Bilder in einer Kamera. Kein Löschen, keine zehn Versuche und keine sofortige Kontrolle. Und vielleicht schauen wir gerade deshalb heute so gerne in diese alten Alben.
Irgendwo stehen sie wahrscheinlich noch. Im Wohnzimmer unserer Eltern, in einer Schublade bei Baka oder längst in einem Karton im Keller: schwere Fotoalben mit durchsichtigen Folien, vergilbten Seiten und Bildern, die man schon hundertmal gesehen hat.
Man öffnet sie und plötzlich ist alles wieder da. Papas alter Mercedes. Mamas Frisur aus den 90ern. Der Balkon unten. Der erste Urlaub am Meer. Cousins, die heute selbst Kinder haben. Eine Geburtstagstorte, ein Plastiktisch im Garten und irgendwo im Hintergrund eine Person, von der seit 20 Jahren niemand mehr genau weiß, wer sie eigentlich war.
Ein Foto musste sich lohnen
Fotografieren funktionierte damals anders. Ein klassischer Kleinbildfilm hatte häufig 24 oder 36 Aufnahmen. Danach war Schluss. Deshalb wurde nicht jedes Essen fotografiert und niemand machte 17 fast identische Bilder, um anschließend das schönste auszuwählen. Wenn Papa die Kamera herausholte, wurde aufgestellt.
„Stanite da vas slikam.“ Alle zusammenrücken. Einer schaut weg. Einer hat die Augen zu. Ein Kind will nicht. Im schlimmsten Fall steckt Papas Finger halb vor der Linse. Egal. Das war das Foto.
Ob es überhaupt etwas geworden war, wusste man erst später, wenn der Film entwickelt wurde. Und selbst die misslungenen Bilder landeten häufig im Album. Heute wären sie nach zwei Sekunden gelöscht. Damals blieben sie 30 Jahre.
Ein Album zwischen zwei Welten
Für viele Familien aus der Diaspora hatten diese Bilder noch eine andere Bedeutung. Die Fotoalben dokumentierten nicht nur Geburtstage und Urlaube, sondern ein Leben zwischen Österreich und dem Balkan.
Da war das Foto vor der ersten Wohnung in Wien. Daneben der Sommer bei den Großeltern. Ein paar Seiten später die Hochzeit eines Cousins, Weihnachten, Bajram oder Slava, ein neues Auto und plötzlich wieder alle Verwandten irgendwo vor einem Haus „unten“.
Fotos wurden beim nächsten Besuch mitgebracht und herumgereicht. „Vidi kako je narastao.“ Schau, wie groß er geworden ist. Verwandte, die sich monatelang nicht gesehen hatten, konnten so zumindest ein Stück vom Leben der anderen mitbekommen.
Und natürlich dauerte das Anschauen länger als geplant. Bei jedem Bild begann eine neue Geschichte. „Weißt du noch, wer das ist?“ „Das war 1994.“ „Nein, 1995.“ Und schon diskutierte der halbe Tisch.
Heute haben wir Tausende Bilder
Natürlich ist heute vieles einfacher. Wir schicken Oma innerhalb von Sekunden ein Video der Enkel, sehen Familienfeste per WhatsApp und haben die Kamera immer dabei. Das ist etwas Schönes, gerade für Familien, die über mehrere Länder verteilt leben.
Aber vielleicht ist genau deshalb das alte Album so besonders geblieben. Auf dem Handy liegen manchmal 20.000 Bilder. Durch die wenigsten davon blättert man gemeinsam am Küchentisch.
Beim alten Familienalbum ist das anders. Man setzt sich hin. Jemand zeigt auf ein Foto. Eine Geschichte beginnt, die man vielleicht schon fünfmal gehört hat und trotzdem noch einmal hören möchte.
Denn diese Bilder zeigen nicht nur, wie wir früher aussahen. Sie zeigen Wohnungen, die es nicht mehr gibt. Autos, die längst verkauft wurden. Menschen, die älter geworden sind. Manche, die heute fehlen. Und eine Version unserer Eltern, die wir selbst kaum kennen: jung, verliebt, ausgelassen und noch ganz am Anfang ihres Lebens.
Vielleicht waren unsere Fotos damals technisch schlechter. Aber jedes einzelne hatte einen Platz. 36 Bilder für einen ganzen Sommer und irgendwie ist auf ihnen trotzdem unser halbes Leben.