Promaja, nasse Haare, kalte Füße und bloß nicht ohne Potkošulja aus dem Haus: Wer mit Eltern oder Großeltern vom Balkan aufgewachsen ist, kennt wahrscheinlich mindestens eine dieser Warnungen. Als Kinder haben wir darüber die Augen verdreht. Heute erwischen sich manche von uns dabei, genau dieselben Sätze zu sagen.
Es gab in unserer Kindheit Gefahren, die in keinem Schulbuch standen und trotzdem äußerst ernst genommen wurden. Zwei offene Fenster gleichzeitig? Riskant. Mit nassen Haaren aus dem Haus? Praktisch eine Einladung an das Schicksal. Barfuß über kalte Fliesen laufen? Sofort Hausschuhe anziehen. Und wenn draußen auch nur die geringste Chance bestand, dass es etwas kühler werden könnte, erschien irgendwo aus dem Nichts die berühmte Potkošulja.
Unsere Eltern brauchten dafür keine Wetter-App. Mama schaute einmal aus dem Fenster und wusste: „Obuci nešto.“ Zieh dir etwas an. Diskussion zwecklos.
Der größte Gegner hieß Promaja
Ganz oben auf der Liste stand natürlich die Promaja – je nach Region auch Propuh oder Promaha genannt. Ein geöffnetes Fenster war kein Problem. Eine offene Tür ebenfalls nicht. Aber wehe, beide waren gleichzeitig offen und irgendwo bewegte sich ein Vorhang. Dann musste gehandelt werden.
„Zatvori prozor!“ Wer als Kind fragte, warum, bekam selten einen medizinischen Vortrag. Die Antwort war meistens wesentlich effizienter: „Nemoj da ti ponavljam.“ Lass es mich nicht noch einmal sagen.
Auch nasse Haare hatten einen besonderen Status. Nach dem Duschen direkt hinauszugehen, war für viele Eltern kaum vorstellbar. Selbst im Sommer wurde zuerst gründlich geföhnt, denn draußen könnte irgendwo ein Windstoß lauern. Medizinisch betrachtet verursacht Zugluft allein keine Erkältung; dafür sind Viren verantwortlich. Aber seien wir ehrlich: Diese Information hätte damals wahrscheinlich keine einzige Balkan-Mutter beeindruckt.
Potkošulja – unsere unsichtbare Schutzweste
Dann gab es noch die Potkošulja. Andere Kinder trugen ein T-Shirt. Wir trugen unter dem T-Shirt vorsichtshalber noch etwas. Die Logik war einfach: Man weiß nie.
Vielleicht wird es später kalt. Vielleicht zieht es. Vielleicht sitzt man irgendwo auf etwas Kühlem. Vielleicht kommt man ins Schwitzen und danach geht ein Wind. Für jedes denkbare Szenario existierte bereits eine präventive Schicht Kleidung.
Besonders beliebt war auch die Warnung vor kaltem Beton. Sich draußen einfach auf eine Stufe zu setzen, konnte sofort jemanden aus der Verwandtschaft auf den Plan rufen: „Ne sjedi na betonu!“ Warum genau der Beton so gefährlich war, verstanden wir nicht immer. Wir wussten nur, dass Sitzen offenbar komplizierter war, als es aussah.
Und heute machen wir plötzlich dasselbe
Das Lustigste daran kommt viele Jahre später. Plötzlich sitzt man selbst neben einem offenen Fenster und denkt: Zieht es hier? Das eigene Kind läuft ohne Socken herum und irgendwo tief im Kopf hört man die Stimme der Mutter. Nach dem Schwimmbad werden die Haare vielleicht doch lieber trocken gemacht.
Und genau dann merkt man, dass hinter all diesen Warnungen eigentlich etwas sehr Einfaches steckte: Fürsorge. Unsere Eltern sagten nicht ständig: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Sie sagten: „Jesi jeo?“ Hast du gegessen? Sie sagten nicht: „Pass gut auf dich auf.“ Sie sagten: „Obuci jaknu.“ Zieh eine Jacke an.
Vielleicht war die Potkošulja deshalb nie nur ein Kleidungsstück und die Warnung vor Promaja nie nur eine Warnung vor einem offenen Fenster. Es war ihre Art zu sagen: Pass auf dich auf. Du bist mir wichtig. Und egal, wie oft wir früher darüber gelacht haben: Sobald irgendwo zwei Fenster gleichzeitig offen stehen, wissen viele von uns ganz genau, wessen Stimme sie im Kopf hören.