Bleiburg: Vom Gedenkort zur Pilgerstätte von Faschisten

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Bleiburg: Vom Gedenkort zur Pilgerstätte von Faschisten

Bleiburg vom Gedenkort zur Pilgerstätte
Die drei Seiten von Bleiburg: Links Kriegsgefangene im Jahr 1945, in der Mitte der Gedenkstein und rechts einer der faschistischen Teilnehmer an der Gedenkfeier. (FOTO: Wikimedia Commons, kleinedenkmaeler.at, zVg.)

Jedes Jahr versammeln sich hunderte Menschen am Loibacher Feld bei Bleiburg, um den Geschehnissen während des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Allerdings wandte sich diese Veranstaltung von einer Gedenkfeier zu einer Massenversammlung von Faschisten und Anhängern neonazistischen Ideologien.

Der Begriff Massaker von Bleiburg bezeichnet eine Reihe von Kriegsverbrechen, welche 1945 von der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee (JNA) an Angehörigen der Truppen des faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (NDH), serbisch-montenegrinischen Tschentiks und der slowenischen Heimwehr verübt wurden. Auch Zivilisten kamen bei diesen Kriegsgeschehnissen ums Leben.

Grund für die Ereignisse war vor allem die Kollaboration der militärischen Truppen mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien.

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Die kürzlich ins Leben gerufene Initiative hat ein Verbot, jeglicher Symbole und Personen, die mit dem faschistischen NDH-Staat in Verbindung gebracht werden können, zum Ziel.

 

Bis heute sind diese Geschehnisse aus dem Mai 1945 emotiv sehr stark aufgeladen, vor allem in Kroatien, da Bleiburg im sozialistischen Jugoslawien nicht offiziell diskutiert, jedoch seit der Unabhängigkeit Kroatiens abermals in den Mittelpunkt öffentlicher Debatten rückte.

Laut dr.sc. Tvrtko Jakovina, Professor für Geschichte in Zagreb, könne ein Teil des heutigen Kroatiens den Kriegsverlust der Ustascha, sowie den Sieg von Titos Partisanen nicht verkraften, weshalb alles getan werden würde um seinen Sieg schlecht, bzw. zumindest problematisch dastehen zu lassen.

„Nazismus und Faschismus haben einen kroatischen Namen, dieser lautet Ustascha“ – Hrvoje Klasić

Gedenkmessen werden am Ort des Geschehens bereits seit 1945 begangen, zuerst nur von kroatischen Emigranten, seit der Unabhängigkeit jedoch auch offiziell seitens des Staates Kroatien. Nicht selten nahmen hochrangige Politiker an den Gedenkfeierlichkeiten teil.

Immer wieder rückt die Kommemoration in den Mittelpunkt sowohl österreichischer als auch Balkan-Berichterstattungen, da sich der Gedenkort, das Loibacher Feld, zu einer Pilgerstätte für Anhänger faschistischer bzw. nationalsozialistischer Ideologien entwickelt hat.

„Dieser Wandel ist nur vor dem Hintergrund des Rechtsruckes in der kroatischen Politik und Gesellschaft zu verstehen. Wie in vielen Ländern Europas wurden auch hier der Faschismus und die Nazi-Kollaboration normalisiert“, so Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW).

Gefangengenomme Angehörige der deutschen Streitkräfte, Ustasche und Tschetniks bei Maribor
Gefangengenomme Angehörige der deutschen Streitkräfte, Ustasche und Tschetniks bei Maribor. (FOTO: Wikimedia Commons)

All dies sei jedoch nicht erst vor Kurzem passiert, sondern stelle eine Entwicklung dar, welche sich bereits über lange Jahre hinweg ziehe.

„Die kroatische Gesellschaft wurde vor mehr als 25 Jahren [seit der Unabhängigkeit Kroatiens – Amn.d.Red.] in eine Bahn geleitet, in welcher sie sich immer noch bewegt und diesen Weg wird sie bis zum Ende gehen, bis zur kompletten Rehabilitierung der Kriegsgeschehnisse, Ante Pavelićs und der NHD“, so dr.sc. Tvrtko Jakovina, ordentlicher Professor für die Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Philosophischen Fakultät der Universität in Zagreb.

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Nazi-Kollaborateure werden zu „unschuldigen Opfern“
Eines muss jedoch gesagt werden: für die Grausamkeiten des Massakers von Bleiburg gibt es keine Entschuldigung. Wenn es um die Vergangenheitsbewältigung geht, muss jede Partei seinen Obolus entrichten und jedem Opfer muss gedacht werden!

Nach Bleiburg in in Bleiburg selbst würden zahlreiche Verbrechen begangen worden seien – entsetzliche Delikte der Partisanen, Entmenschlichung und Traumata bis nach Mazedonien, so der Geschichtsdozent an der Universität Zagreb, Hrvoje Klasić. Er fügte hinzu, dass man heute nicht von unschuldigen Opfern sprechen könne, wenn man die Reden anlässlich der Gedenkfeiern in Bleiburg analysiert, würde man feststellen, dass dort die Ustascha und deren Bewegung mit keinem Wort erwähnt werden würden.

„Verharmlosende Beurteilung faschistischer Symbolik steht in der unseligen Tradition des Behördenversagens, insbesondere in Kärnten.“ – Andreas Peham

Die gleiche Meinung vertritt auch sein sein Kollege Jakovina, welcher jedoch noch hinzufügt, dass in Bleiburg die Armee kapitulierte, weshalb es sich bei der Kommemoration gar nicht primär um ein Opfer- sondern Militärgedenken handle, was auch die Aufschrift am Denkmal selbst bestätigen würde.

„Ziel ist es, den Zweiten Weltkrieg in eine Tragödie zu verwandeln, welche nur durch Bleiburg betrachten wird. Ziel ist es auch, die gesamte Periode des republikanischen Kroatiens bis zur Republik Kroatiens in eine Einöde zu verwandeln, in welcher nur Kroaten in der Emmigration waren – wenn sie die UDBA-Ermordungen [Geheimpolizei Jugoslawiens – Amn.d.Red.] überlebten, konnten sie Kroaten sein. Alles andre war Terror. Antikroatisch“, so der Geschichteprofessor Jakovina weiter.

Warum Bleiburg die neue „Hauptstadt“ für die NDH und Ustascha-Grüße wurde, erfahrt ihr auf der zweiten Seite…

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien der gebürtige Wiener bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.