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Bosnien: Migrantenlager Lipa schließt

(FOTOS: Facebook/SOS Balkanroute)

Am Samstag wird das Lager Lipa im Nordwesten Bosniens endgültig geschlossen. Die bosnischen Behörden hatten wiederholte Appelle der Internationalen Organisation für Migration zur Unterstützung der Grundversorgung ignoriert.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) setzte ihre Warnungen nun in die Tat um: Mehrmals drohte die humanitäre Hilfsorganisation den bosnischen Behörden bereits, dass sie das Lager schließen lassen würden, da dort unmenschliche Zustände herrschen würden. Doch alle Aufrufe zur Bereitstellung grundlegender Leistungen, wie fließendes Wasser und Straßenzugang, wurden ignoriert.

Seit 8 Monaten ohne Wasser und Strom
Das Lipa-Lager im Nordwesten Bosniens, nahe der Grenze zum EU-Mitgliedsstaat Kroatien, sollte eigentlich schon am Freitag geschlossen werden. Die IOM wurde jedoch gebeten, einen weiteren Tag im Lager zu bleiben, damit die Behörden eine Lösung für etwa 1.300 Migranten finden können, die sich derzeit im Lager aufhalten.

Lipa wurde im März diesen Jahres als Notfallplan auf die COVID-19-Pandemie gegründet, um alle Migranten und Flüchtlinge von den Straßen zu holen. Die Behörden versprachen damals, Strom, Wasser und Zugang zur Straße bereitzustellen. Doch dies geschah trotz wiederholter Warnungen nie. Das Camp ist noch immer nur über eine improvisierte Straße erreichbar, Strom kommt von einem Generator und Wasser wird auf Lastwagen gebracht.

Die Hilfsorganisation versprach, am Samstag an alle verbleibenden Migranten Frühstück und Schlafsäcke zu verteilen. Bisher weiß jedoch niemand, was mit ihnen passieren wird und wohin sie danach gehen werden. Die einzigen Möglichkeiten scheinen derzeit die umliegenden Wälder und verlassene Gebäude in der Umgebung zu sein. Rund 1.500 Migranten haben dort bereits draußen bereits seit längerem ihre Zelte aufgeschlagen, da in den Lagern kein Platz für sie war.

„Am Donnerstagabend trafen sich alle in Lipa tätigen NGOs bezüglich des Evakuierungsplans. Die Atmosphäre war sehr traurig, dramatisch und tragisch “, erzählte Silvia Maraone von der NGO Ipsia gegenüber BIRN. „Wir wissen nicht, was während der Evakuierung passieren wird oder ob die Migranten kooperativ sein werden“, fügte sie hinzu.

Was geschieht mit tausenden Flüchtlingen?
Das NGO-Mitglied berichtete davon, dass viele Migranten versuchen würden, in die Hauptstadt Sarajevo zu gelangen, obwohl dort alle Lager bereits voll sind. Einige erzählten ihr, dass sie über den Winter nach Serbien zurückkehren würden, weil Serbien mehr Lager habe und die Situation dort besser sei als in Bosnien.

„Und einige von ihnen werden zu ‚The Game‘ aufbrechen (Anm.: also versuchen, die Grenze nach Kroatien illegal zu überqueren). Aber sie sind nicht bereit dafür, sie werden es nur versuchen, weil sie es müssen “, sagte Maraone. Sie fügte hinzu, dass die meisten von ihnen in das nahe gelegene Bihać gehen und versuchen werden, irgendwo in der Nähe der Grenze zu campen.

Laut Maraone könnte es im Zuge dieser entstehenden unkontrollierten Lagern im Freien zu Spannungen unter den Migranten kommen. Denn häufig kommt es zu Kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen unterschiedlicher Nationalitäten.

(FOTO: zVg.)

EU unter Beschuss
Die NGO No Name Kitchen (NNK)kritisierte nun öffentlich die Europäische Union: Flüchtlinge seien zu einem Spielball zwischen der bosnischen Regierungen auf nationaler, kantonaler und lokaler Ebene, sowie der EU geworden. Letztere würde sich „gerne aus dem Spiel zurückziehen und der bosnischen Regierung alle Verantwortung übertragen“: „Die EU schüttet unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe Geld aus und verursacht gleichzeitig Leiden, indem sie die Festung Europa schützt und die bosnischen Behörden unterstützt“, kritisierte die NNK.

Am 9. Dezember forderte die Delegation der Europäischen Union die bosnischen Behörden auf, Migranten vorübergehend von Lipa in das Bira-Aufnahmezentrum in Bihać zu bringen. Dieses wurde von den lokalen Behörden im September geschlossen, eine Wiedereröffnung hatten die Behörden ausgeschlossen.

Die lokalen Behörden suchen unterdessen die Schuld bei den Hilfsorganisationen und freiwilligen Helfern. Sie werden beschuldigt, dazu beigetragen zu haben, dass die Migranten noch immer in diesem Teil Bosniens verweilen.

Die NGOs kontern auf den Vorwurf: „Die Leute bleiben nicht, weil wir ihnen eine Jacke gegen die Kälte oder etwas zu Essen geben. Die Menschen sind wegen des politischen Spiels hier gefangen, das ihnen keine Rechte lässt. Wenn die Menschen die Möglichkeit hätten, legal und sicher zu migrieren, wären sie nicht hier. Wenn die Menschen zumindest ein anständiges Lager hätten, in dem sie leben könnten, wären sie nicht in Wäldern ohne Zugang zu Wasser.“

Quellen und Links: