Orcas jagen gemeinsam, koordiniert – und mit einer Methode, die Forscher weltweit in Staunen versetzt.
Spektakuläre Unterwasseraufnahmen haben Meeresforschern ein bislang unbekanntes Verhalten von Orcas vor Augen geführt: Die Tiere rammen Mondfische mit solcher Wucht, dass diese buchstäblich in Stücke bersten. Ob dahinter eine ausgeklügelte Jagdstrategie steckt, purer Spieltrieb – oder beides zugleich – darüber sind sich Wissenschaftler noch uneinig. „Es ist eine Jagdtaktik, die aber einen spielerischen Aspekt beinhaltet“, erklärt Erick Higuera, selbständiger Meeresbiologe in Mexiko. „Da fließen jede Menge Adrenalin und andere Hormone durch ihre Körper – eine gewisse Aufregung ist da ganz sicher im Spiel.“
Spitzschwanz-Mondfische der Art Masturus lanceolatus zählen zu den schwersten Knochenfischen überhaupt und können bis zu 2.000 Kilogramm auf die Waage bringen. Ihr Körper ist von einer außergewöhnlich festen, gummiartigen und kollagenreichen Außenschicht umgeben, die sich kaum durchbeißen lässt. Genau deshalb könnte das explosive Zertrümmern eine besonders effiziente Methode sein, um an das Fleisch zu gelangen, so Higuera.
John Davenport vom University College Cork ergänzt: „Die explosive Fragmentierung betraf vor allem die steife, gelatinöse Kapsel, die bei ausgewachsenen Tieren mehr als 80 Prozent der Körpermasse ausmacht.“ Junge Orcas dürften dafür schlicht nicht die nötige Kraft aufbringen – könnten aber von der entstehenden Trümmerwolke profitieren, die mundgerechte Happen enthält.
Erste Dokumentationen
Den ersten dokumentierten Vorfall filmte Katy Ayres von der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation Beneath the Waves im Juli 2024 mit einer GoPro-Kamera beim Tauchen im Golf von Kalifornien. Ein erwachsenes Orca-Weibchen hielt einen toten Mondfisch fest, während ein ausgewachsenes Männchen in voller Fahrt und kopfüber auf ihn zuschoss. Im letzten Moment ließ das Weibchen los – das Männchen traf den Fisch mit solcher Wucht, dass er in eine Wolke kleiner Fragmente zerfiel.
Rund ein Jahr später hielt der Tourist Hector Franz eine nahezu identische Szene in derselben Bucht auf Video fest: Diesmal rammte ein erwachsenes Weibchen in aufrechter Haltung einen Spitzschwanz-Mondfisch, den ein zweites Weibchen festhielt – mit demselben Ergebnis. Für Higuera, Ayres und ihre Kolleginnen und Kollegen sind diese beiden Aufnahmen die ersten wissenschaftlich dokumentierten Belege für dieses Verhalten.
Kooperation & Lernen
Frühere Sichtungen ohne vollständiges Videomaterial hatten bereits Hinweise geliefert, dass die gesamte Gruppe in einen koordinierten Angriffsprozess eingebunden war, der den eigentlichen Rammstößen vorausging. Higuera sieht darin Belege für fortgeschrittene kooperative Jagdfähigkeiten und sogar ein gewisses Maß an Planung – insbesondere die Fähigkeit, Techniken je nach Beuteart anzupassen. Zudem vermutet er, dass das Zerbersten der Mondfische für Kälber eine Lernerfahrung darstellt und ihnen gleichzeitig leicht verdauliche Nahrungshappen liefert.
Gordon Burghardt von der University of Tennessee räumt ein, dass die Orcas beim Zertrümmern der Fische durchaus Freude empfinden könnten – betont aber, dass Spieltrieb allein das Verhalten nicht erklärt, da eindeutig auch kooperative Nahrungssuche eine Rolle spielt. Martina Francesconi von der Universität Pisa bringt eine weitere Perspektive ein: „Eines der faszinierenden Dinge am Spiel ist, dass es ein Motor für Verhaltensneuerungen sein kann. Es ist denkbar, dass ein solches Verhalten ursprünglich in einem spielerischen Kontext entstanden ist und erst später eine Ernährungsfunktion erlangt hat – oder umgekehrt. Im gegenwärtigen Forschungsstand lässt sich das schlicht nicht beantworten.“