Kroatien steht vor einem demografischen Umbruch: Die überwältigende Mehrheit der Ukrainer und Asylwerber plant, dauerhaft zu bleiben und die Staatsbürgerschaft anzustreben.
Die Mehrheit der ukrainischen Flüchtlinge und Asylwerber plant, dauerhaft in Kroatien zu bleiben. Dies wird das Land nachhaltig verändern, wie der Demograf Tado Juric in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Hina erläuterte. Er bezog sich dabei auf eine aktuelle Studie zu Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, irregulären Migranten und Asylwerbern in Kroatien und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die gesellschaftliche Integration.
Derzeit genießen 26.400 ukrainische Flüchtlinge vorübergehenden Schutz in Kroatien. Hinzu kommen laut Daten aus dem Jahr 2023 etwa 68.000 Asylwerber. Die verbreitete Annahme, dass Einwanderer nur vorübergehend im Land bleiben, widerlegt die Studie eindeutig: 69 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge beabsichtigen, in den kommenden fünf Jahren in Kroatien zu leben. Bei den Asylwerbern sehen sogar 81 Prozent das Land als ihr langfristiges Lebensziel.
Bemerkenswert ist zudem, dass 96 Prozent der Ukrainer und 95 Prozent der Asylwerber die kroatische Staatsbürgerschaft beantragen würden, sobald sie die erforderlichen Kriterien erfüllen. Juric weist darauf hin, dass diese Gruppen insgesamt 110.000 potenzielle Arbeitskräfte umfassen, da alle ein Recht auf Beschäftigung haben. Wie viele tatsächlich einer Arbeit nachgehen, ist jedoch nicht bekannt.
Die Studie der Kroatischen Katholischen Universität, die laut Juric nicht an einer repräsentativen Stichprobe durchgeführt werden konnte, gibt Einblicke in die Lebensbedingungen, die Zufriedenheit und die langfristigen Pläne beider Gruppen. Sie widerlegt dabei gängige Vorurteile: Weder sind ukrainische Flüchtlinge überwiegend wohlhabend, noch fallen sie dem Staat zur Last. Etwa 8.000 von ihnen sind bereits am kroatischen Arbeitsmarkt aktiv. Die meisten Ukrainer leben in geordneten Wohnverhältnissen – 20.855 Personen in Einzelunterkünften.
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Unterschiedliche Gruppen
Bei irregulären Migranten und Asylwerbern zeigt sich ein anderes Bild. Eine größere Anzahl lebt in Aufnahmezentren, und zwei Drittel sind Männer. Die Befragten stammen hauptsächlich aus Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, dem Iran, Bangladesch, Angola, Ghana, dem Irak und Russland. Allein 20.000 Migranten aus Afghanistan beantragten 2023 Asyl in Kroatien. Juric betont, dass unklar ist, wie viele dieser Personen das Land wieder verlassen und wie viele am Arbeitsmarkt teilnehmen.
Nach EU-Recht ist jener Staat für das Asylverfahren zuständig, in dem ein Asylwerber erstmals registriert wurde. Dies bedeutet, dass Personen, die Kroatien verlassen und in einen anderen EU-Mitgliedstaat weiterreisen, zurückgeschickt werden können. Bei Weigerung, Asylwerber aufzunehmen, drohen Kroatien empfindliche Strafzahlungen von 20.000 Euro pro Person. Die angekündigte Rückführung von 17.000 Asylwerbern aus Deutschland nach Kroatien verschärft diese Problematik zusätzlich.
Die Studie offenbart auch Unterschiede in der Wahrnehmung der Lebensqualität: 72 Prozent der Ukrainer sehen keine wesentlichen Unterschiede zwischen der Lebensweise in Kroatien und ihrer Heimat. Bei den Asylwerbern hingegen empfinden 89 Prozent die Unterschiede als erheblich. Dies deutet darauf hin, dass ukrainische Flüchtlinge leichter Anknüpfungspunkte zur kroatischen Gesellschaft finden, während Asylwerber aus anderen Weltregionen eine größere kulturelle Distanz erleben.
Die überwiegende Mehrheit der Befragten fühlt sich in Kroatien willkommen – 96 Prozent der Ukrainer und 95 Prozent der Asylwerber bestätigen dies. Während die meisten Ukrainer keine Diskriminierung erfahren haben, ist der Anteil bei den Asylwerbern etwas höher. Hinsichtlich der Ausbeutung am Arbeitsplatz berichten 14 Prozent der Ukrainer und 33 Prozent der Asylwerber von negativen Erfahrungen.
Integrationsfragen
Auf die Frage nach Wünschen an die kroatische Regierung nannten die Befragten vor allem Erleichterungen beim Einbürgerungsverfahren, zusätzliche Unterstützungsleistungen und den Abbau bürokratischer Hürden. Ein ukrainischer Flüchtling äußerte: „Es wäre gut, wenn Kinder, Studenten und Rentner monatliche Zuschüsse erhalten könnten.“ Eine andere Person erklärte: „Ich möchte in Kroatien bleiben, weil ich hier meine Zukunft sehe… Seit dem Landeswechsel hat sich mein Leben zum Besseren gewendet.“
Asylwerber hoffen auf schnellere Verfahren für Arbeitserlaubnisse, erleichterten Zugang zur Staatsbürgerschaft und mehr staatliche Unterstützung. Ein Asylwerber sagte: „Mir gefällt Kroatien, ich werde besser leben können, wenn ich die Staatsbürgerschaft bekomme.“ Ein anderer wünschte sich: „Erlauben Sie uns, eigene ausländische kleine Unternehmen und unsere Schulen zu eröffnen.“
Juric wirft wichtige Fragen zur Integration und funktionalen Eingliederung von Ausländern in die kroatische Gesellschaft auf. Kroatien hat zwar ein Gutscheinsystem für Sprachkurse entwickelt, doch von 200.000 ausländischen Arbeitnehmern haben sich bisher nur 120 Personen angemeldet und lediglich 52 den Kurs abgeschlossen. Während Deutschland für eine echte Integration etwa 800 Stunden Sprach- und Kulturunterricht für notwendig hält und rund 5.000 Euro pro Person investiert, bietet Kroatien nur 70 Stunden an und gibt gerade einmal 75 Cent pro Person aus.
Jeder EU-Mitgliedstaat steht vor der Herausforderung, ein gemeinsames Zusammenleben zu gestalten. Integration wird in der gesamten EU zu einem immer wichtigeren Thema. Jährlich kommen etwa vier Millionen neue Einwanderer nach Europa – was der Bevölkerung eines durchschnittlichen europäischen Landes entspricht. „Kroatien verzeichnet im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten das schnellste Wachstum bei Einwanderern aus Drittländern, insbesondere von anderen Kontinenten. Während beispielsweise Slowenien nur drei Prozent ausländische Arbeitnehmer von anderen Kontinenten hat, sind es in Kroatien die Hälfte. Pro Kopf importieren wir 25 Mal mehr Arbeitskräfte aus Drittländern als Deutschland“, erläutert Juric.
Migrationen werden Kroatien, wie wir es kennen, grundlegend verändern.
In absehbarer Zeit werden sich neue ethnische Minderheiten bilden, die in zehn Jahren als gleichberechtigte Bürger an Wahlen teilnehmen werden, schließt der Demograf.