„Die Sprachpolitik am Balkan ähnelt jener des Dritten Reiches“

INTERVIEW

„Die Sprachpolitik am Balkan ähnelt jener des Dritten Reiches“

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Interview Snjezana Kordic
Die angesehene Linguistin unterrichtete über 15 Jahre an Universitäten in Deutschland.

Bereits seit Jahren beforscht die Linguistin Snježana Kordić die Sprachen der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und viele ihrer Veröffentlichungen stieß auf heftige Reaktion vonseiten der Öffentlichkeit. Allerdings löste ihr Buch „Jezik i nacionalizam“ („Sprache und Nationalismus“) im Jahr 2010 erstmals eine große länderübergreifende Diskussion über die Verbindung zwischen diesen beiden Worten aus.

Seither zählt sie zu den wichtigsten Kritikern des Sprachpurismus innerhalb der südslawischen Länder. Vergangenes Jahr kam es zum nächsten polarisierenden Projekt der Slawistin, der „Deklaracija o zajedničkom jeziku“ („Deklaration über eine gemeinsame Sprache“) – KOSMO berichtete: „Auf die Frage, ob in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien eine gemeinsame Sprache verwendet wird – ist die Antwort positiv“, so der erste Satz der Deklaration.

Auch in der Diaspora herrscht Uneinigkeit darüber, wie man diesem Thema begegnen soll, weshalb wir der Fachfrau die Frage der Fragen gestellt haben: „Handelt es sich bei Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Montenegrinisch um verschiedene Sprachen oder nicht?“

Wieso hat bisher niemand vor Ihnen gewagt, so öffentlich über dieses Phänomen am Balkan zu sprechen?
Snježana Kordić: Im heimischen Umfeld bremst Personen meines Faches der Gedanke an die Folgen, sollten sie sich der vorherrschenden nationalistischen Ideologie entgegensetzen, welche das Thema Sprache für ihre Ziele einsetzt. Zudem sind jene, die Nationalismus in sprachliche Themen einflechten, die Karriereleiter schnell hinaufgestiegen. Und die Anderen, die dies weniger taten, waren sofort verdächtig und wurden auf verschiedenste Weise sanktioniert.

Was macht eine Sprache überhaupt zu einer eigenständigen, bzw. welche Kriterien sind ausschlaggebend dafür, dass man von zwei oder mehreren unterschiedlichen Sprachen sprechen kann?
Eines der Kriterien ist die gegenseitige Verständlichkeit zwischen den Sprechern, ein weiteres ist die Menge an Gleichem innerhalb der Sprache, sowie dass überall derselbe Dialekt standardisiert wurde – so wie in unserem Fall die das Štokavische.

„Es ist mehr als klar, dass ein Volk eigenständig sein kann, auch wenn es über eine gemeinsame Sprache mit anderen Völkern verfügt. “

 

Wie stehen die Dinge, wenn wir uns die besprochene Region anschauen? Erfüllen die heutigen Standardsprachen einige dieser Voraussetzungen, um als eigenständige Sprache zu gelten?
Wenn man die angesprochenen Kriterien anwendet, so bekommt man ein eindeutiges Ergebnis: es handelt sich um eine gemeinsame Sprache, da sich die gegenseitige Verständlichkeit, dank der unglaublich großen Menge an Identischem in der Sprache, auf höchstmöglichem Niveau befindet. Und dies liegt wiederum darin begründet, dass auf allen vier Seiten das Štokavische im 19. Jahrhundert standardisiert wurde.

Eine Kunstinstallation zu Kordićs Buch, welche die Titel der Kapitel auf Englisch zeigt. (FOTO: Wikimedia Commons/Mozel W.)

In ihrem Buch sprechen Sie davon, dass es sich um eine plurizentrische Sprache, ähnlich dem Deutschen, Englischen, Spanischen, usw. handelt. Können Sie diesen Begriff etwas näher definieren?
Hierbei handelt es sich um einen soziolinguistischen Terminus, der eine Sprache beschreibt, die über mehrere Zentren verfügt, da sie von mehreren Völkern oder in mehreren Staaten gesprochen wird. Zwischen diesen Zentren bestehen distinktive Unterschiede, die jedoch nicht so groß sind, sodass sie die gegenseitige Verständlichkeit und eine flüssige Kommunikation gefährden.

Oftmals wird an Ihrer Arbeit kritisiert, dass diese auf Ihrer persönlichen Jugo-Nostalgie und nicht auf objektiven linguistischen Theorien basiert. Wie entgegnen Sie solchen Anschuldigungen?
Die These, dass es sich um eine gemeinsame polyzentrische Sprache handelt, hat nichts mit Jugoslawien zu tun. Die Sprache wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts standardisiert wurde und das erste Jugoslawien erst 1918 gegründet. Auch der Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren hat nicht dazu geführt, dass die Menschen zu einer anderen Sprach wechselten. Sie haben auch weiterhin dieselbe Sprache gesprochen. Und die Tatsache, dass es sich um eine gemeinsame Sprache handelt, beweisen objektive linguistische Kriterien. Diese Erkenntnis ruft weder einen gemeinsamen Staat, noch eine Idealisierung des ehemaligen Staates hervor. Genauso wie die Tatsache, dass Österreicher, Deutsche und Schweizer eine gemeinsame Sprache sprechen, keinen gemeinsamen Staat oder eine gemeinsame Volkszugehörigkeit verlangt.

Sie haben die heutige Sprachpolitik einiger der Nachfolgestaaten Jugoslawiens mit jener des Dritten Reichs verglichen. Worin ähnelt ihr Zugang zur Sprache jenem zu Zeiten Hitlers?
In den 1930er Jahren übertrug der Nationalsozialismus seine Xenophobie auch auf die Sprache, weshalb man zum Beispiel auf die Suche nach ungewünschten Wörtern nicht-deutscher Herkunft ging. Das große Ziel war es, sowohl hinsichtlich der Sprache als auch der Menschen, eine Reinheit zu erreichen. Gleichzeitig ist in der Linguistik bekannt, dass es niemals einen Zustand der Reinheit in der Sprache gab und gibt. Sprachliche Reinheit können nur jene Personen vertreten, die linguistisch nicht aufgeklärt sind und nichts über das Funktionieren einer Sprache wissen. Und genau jene Forderung nach einer sprachlichen Reinheit ist in den südslawischen Staaten stark vertreten.

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