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Ermittlungen

Einsatz wegen gestohlener Windeln: Polizei erschießt Einjährigen

Einsatz wegen gestohlener Windeln: Polizei erschießt Einjährigen
FOTO: iStock/MattGush
4 Min. Lesezeit |

Ein Einjähriger stirbt nach Polizeischüssen – ausgelöst durch einen Alarm wegen gestohlener Windeln. Senatobia steht unter Schock.

In der US-Kleinstadt Senatobia im Bundesstaat Mississippi schwelen seit Jahren Spannungen zwischen der Polizei und der schwarzen Bevölkerung. Nun hat sich die Lage dramatisch zugespitzt: Polizeibeamte erschossen einen einjährigen Jungen, nachdem sie wegen eines mutmaßlichen Ladendiebstahls von Windeln alarmiert worden waren. Der Tod des kleinen Kohen Wiley löste in der rund 8000 Einwohner zählenden Stadt Proteste gegen die Polizei aus.

„Wir messen Gegenständen in einem Regal mehr Wert bei als einem Kind“, erklärte Bernice King, die Tochter des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr., auf Instagram. „Das ist nicht nur schlechte Polizeiarbeit; es ist ein moralischer Zusammenbruch.“

Widersprüchliche Darstellungen

Über den genauen Ablauf der Ereignisse, die zu den tödlichen Schüssen führten, bestehen nach wie vor erhebliche Unklarheiten. Am 14. Juni war bei der Polizei von Senatobia ein Ladendiebstahl in einer örtlichen Walmart-Filiale gemeldet worden. Als die Beamten eintrafen, verließen gerade zwei Frauen mit einem Kind das Geschäft und fuhren mit einem Fahrzeug davon.

Die Polizei von Mississippi schilderte den weiteren Verlauf so: „Die Beamten versuchten, das Fahrzeug anzuhalten, doch die Fahrerin fuhr auf die Beamten zu und hätte beinahe einen von ihnen erfasst. Ein Beamter gab Schüsse ab, woraufhin das Fahrzeug davonfuhr.“

Kohens Mutter Vellesiya Wiley sagte, ihr Sohn und ihre Freundin, die am Steuer gesessen habe, seien von Schüssen getroffen worden. Ihre Freundin sei nicht auf die Beamten zugefahren, sondern in die Gegenrichtung, sagte sie in einem Video, das der Bürgerrechtsanwalt Ben Crump in sozialen Medien veröffentlichte. Vellesiya Wiley bestritt zudem den Vorwurf des Ladendiebstahls.

Der Strafrechtler Ian Adams von der University of South Carolina betont, dass die Polizei unabhängig von den Umständen nicht auf das Fahrzeug hätte schießen dürfen. Schüsse auf fahrende Autos sollten „um fast jeden Preis vermieden werden“, auch wegen weiterer Insassen, erklärt er.

Systemische Polizeigewalt

Kohen war schwarz, ebenso wie seine Mutter und deren Freundin. Der Fall rief Erinnerungen an den Tod von Ta’Kiya Young wach, die ebenfalls schwarz war. Die schwangere Mutter von zwei kleinen Söhnen war 2023 in einem Vorort von Columbus, Ohio, von der Polizei erschossen worden – auch weil sie nach einem mutmaßlichen Ladendiebstahl mit ihrem Auto auf einen Beamten zugefahren sein soll. Der Polizist, der Young und ihre ungeborene Tochter erschoss, wurde freigesprochen.

Diese Fälle stehen nicht für sich allein, sondern reihen sich ein in eine lange Geschichte tödlicher Polizeigewalt gegen schwarze Menschen in den USA, die häufig im Zusammenhang mit Bagatelldelikten steht. Auch der Tod von George Floyd im Jahr 2020 gehört dazu: Damals war die Polizei einem Hinweis nachgegangen, Floyd habe in einem Lebensmittelladen in Minneapolis, Minnesota, einen gefälschten 20-Dollar-Schein verwendet.

Bürgerrechtler sprechen von systemischem Rassismus in den Strafverfolgungsbehörden. „Im Namen von ‚Recht und Ordnung‘ wurde ein Kind getötet und eine Familie zerrissen – wegen Gegenständen, die wieder aufgefüllt, abgeschrieben und ersetzt werden könnten“, erklärte King. Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens müsse Ausgangspunkt jeder polizeilichen Handlung sein, und Polizisten müssten konsequent Rechenschaft für ihr Verhalten ablegen.

Marquell Bridges von der Organisation „Building Bridges Coalition“, der der Familie Wiley zur Seite steht, verweist auf seit Jahren anhaltende Spannungen zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei von Senatobia. Erst im vergangenen Jahr sei eine Frau von einem Polizisten mit einem Taser bedroht, aus ihrem Auto gezogen und festgenommen worden. Auslöser sei ein Streit um einen Behindertenparkplatz auf dem Gelände derselben Walmart-Filiale gewesen, auf dem nun Kohen erschossen wurde.

Zwei Jahre zuvor wurde ein Polizeibeamter aus Senatobia aus dem Dienst entlassen – wegen seiner Beteiligung an der Festnahme eines zehnjährigen schwarzen Jungen, der auf einem Parkplatz uriniert hatte. Der Bürgerrechtsanwalt Carlos Moore, der den Jungen vertreten hatte, sagte, bei der Polizei herrsche „eine Kultur, in der man über dem Gesetz steht – nur weil man eine Uniform trägt“. Von den rund 8300 Einwohnern der Stadt sind nach offiziellen Angaben etwa 40 Prozent Schwarze.

Der Polizist, der auf Kohen schoss, sowie seine begleitende Kollegin wurden für die Dauer der Untersuchungen des Vorfalls vom Dienst suspendiert.

Beide kündigten an, nach Abschluss der Ermittlungen ein Video von den Geschehnissen zu veröffentlichen.

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KO KOSMO-Redaktion
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