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Versorgungslücke

Erst wenn’s zu spät ist: Warum Migranten seltener ins Spital kommen

Erst wenn’s zu spät ist: Warum Migranten seltener ins Spital kommen
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4 Min. Lesezeit |

Österreichs Gesundheitssystem zeigt ein Paradox: Migranten gehen seltener ins Krankenhaus, müssen aber häufiger erneut stationär behandelt werden – ein Warnsignal für verborgene Zugangshürden.

Eine umfassende Analyse von rund 13 Millionen Krankenhausaufenthalten durch Forschende des Complexity Science Hub Vienna (CSH, Wiener Forschungsinstitut) und der Medizinischen Universität Wien zeigt markante Unterschiede bei der Gesundheitsversorgung: Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft suchen deutlich seltener Krankenhäuser auf, benötigen jedoch häufiger erneute stationäre Behandlungen. Die zwischen 2015 und 2019 erhobenen Daten von vier Millionen Personen offenbaren eine Ausnahme im Nutzungsverhalten – deutsche Staatsangehörige verzeichnen die höchste Pro-Kopf-Rate an Krankenhausaufenthalten.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Obwohl Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie nur 9,4 Prozent der Krankenhauspatienten und 9,8 Prozent der im Spital verbrachten Nächte. Diese Diskrepanz zeigt eine deutlich geringere Nutzung des stationären Gesundheitssystems durch Migrantinnen und Migranten auf.

Die Hospitalisierungsrate – die Wahrscheinlichkeit eines jährlichen Krankenhausaufenthalts – liegt bei Migrantinnen und Migranten generell niedriger. Besorgniserregend ist jedoch ihre erhöhte Wiederaufnahmerate. Laut Erstautorin Elma Dervic vom CSH könnte dies darauf hindeuten, dass Betroffene erst in fortgeschritteneren Krankheitsstadien medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Nationale Unterschiede

Die Datenauswertung zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Männern weisen Österreicher die höchste Hospitalisierungsrate auf, gefolgt von Slowaken und Italienern, während Nordmazedonier, Kroaten und Serben am seltensten stationär behandelt werden. Bei Frauen – Schwangerschaftsaufenthalte ausgenommen – führen Deutsche vor Syrerinnen und Österreicherinnen, während Russinnen, Nordmazedonierinnen und Serbinnen die niedrigsten Raten aufweisen.

Die Wiederaufnahmeraten zeigen ein komplexes Bild: Bei Männern liegen Syrer, Russen und Afghanen vorn, während ungarische Männer deutlich seltener als Österreicher erneut eingewiesen werden. Bei Frauen betrifft dies besonders Afghaninnen, Serbinnen und Deutsche, während Nordmazedonierinnen die niedrigste Rate aufweisen. Auch Türkinnen, Italienerinnen und Frauen weiterer Nationalitäten werden seltener als Österreicherinnen erneut aufgenommen.

Besonders auffällig ist die Situation bei Personen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei: Trotz ihrer jüngeren Altersstruktur weisen sie eine überdurchschnittlich hohe Krankheitslast auf und leiden häufiger an chronischen Erkrankungen als der österreichische Durchschnitt.

Erklärungsansätze

Zur Erklärung der niedrigeren Hospitalisierungsraten untersuchten die Forschenden zwei Hauptfaktoren: den „Healthy-Migrant“-Effekt und potenzielle Zugangshürden. Der erste Faktor beschreibt das Phänomen, dass Zuwanderer tendenziell jünger und gesünder als die Durchschnittsbevölkerung sind. Wäre dieser Effekt allein ausschlaggebend, dürften jedoch keine erhöhten Wiederaufnahmeraten auftreten.

Zugangshindernisse wie Sprachbarrieren oder kulturelle Unterschiede könnten hingegen sowohl die selteneren Erstaufnahmen als auch die häufigeren Wiederaufnahmen erklären, da Erkrankungen bei der Erstbehandlung bereits weiter fortgeschritten sein könnten. Die Forschenden identifizierten dabei mangelnde Gesundheitskompetenz, Sprachbarrieren und fehlende interkulturelle Kompetenz im Gesundheitssystem als zentrale Hindernisse, die zu Über-, Unter- oder Fehlversorgung führen können.

Die Studienergebnisse zeigen differenzierte Muster: Niedrigere Wiederaufnahmeraten bei Personen aus Ungarn, Rumänien und – bei Frauen – der Türkei stützen die „Healthy-Migrant“-Theorie. Hingegen deuten erhöhte Raten bei Patienten aus Russland, Serbien sowie – bei Männern – der Türkei eher auf Zugangsprobleme hin.

Peter Klimek vom CSH und der Medizinischen Universität Wien betont: „Unsere Studie zeigt, dass die unterschiedliche Nutzung des österreichischen Gesundheitssystems durch Menschen verschiedener Nationalitäten nicht allein durch den ‚Healthy Migrant‘-Effekt oder kulturelle Barrieren erklärbar ist.“ Er empfiehlt zielgerichtete Maßnahmen wie Übersetzungsangebote oder Orientierungshilfen, um besonders den Zugang zur ambulanten Versorgung zu verbessern.

Aufschlussreich ist auch die Art der Erkrankungen: Migrantische Bevölkerungsgruppen werden seltener in der Allgemein- und Gefäßchirurgie behandelt, dafür häufiger in Abteilungen der Inneren Medizin, Hämatologie, Onkologie und Radiologie. Dies könnte auf eine höhere Prävalenz chronischer oder schwerer Erkrankungen hindeuten.

Zudem gibt es Anzeichen für eine Unterdiagnostizierung psychischer Erkrankungen bei Nicht-Österreichern. Die Studie zeigt auch, dass Präventionsangebote wie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen von Menschen mit Migrationshintergrund seltener wahrgenommen werden. Bei deutschen Staatsangehörigen fallen diese Unterschiede deutlich geringer aus.

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KO KOSMO-Redaktion
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