Start BLOG Heikle Themen und der Balkan: Andere beschuldigen oder einfach nicht drüber reden!
KOMMENTAR

Heikle Themen und der Balkan: Andere beschuldigen oder einfach nicht drüber reden!

(FOTOS: Screenshots)

Immer häufiger sind unter den Artikeln der KOSMO-Facebookseite und jener anderer Medien Kommentare zu finden, die Journalisten nicht nur des Lügens beschuldigen, sondern ihnen sogar vorwerfen Hass zu schüren…

Kaum greift unsere Redaktion ein etwas heikleres Thema auf und berichtet darüber, so folgt eine Lawine an negativen Kommentaren zum Text. Anschuldigungen, wie das Verbreiten von Hass, Intoleranz und Lügen stehen an der Tagesordnung.

Abgesehen von der Tatsache, dass es sich bei solchen Anschuldigungen um sehr schwere Vorwürfe handelt, die man kaum jemandem ohne die Anonymität und Sicherheit des Internets an den Kopf wirft, so liegt das Problem nicht am Artikel. Es wird einfach nicht verstanden, dass in einem Bericht keine Wertung oder subjektive Meinung vertreten sind. Sonst würde es wohl kaum „Bericht“, sondern „Kommentar“, „Blog“ oder wie auch immer heißen…

Beispiel Ustascha-Schachbrett
Ein Paradebeispiel für Hasskommentare ist zum Beispiel der Artikel über das Ustascha-Symbol auf dem Dress der kroatischen Nationalmannschaft bei der EURO 2020. Es mussten nicht einmal zwei Minuten vergehen, bis sich gleich der erste Semi-Historiker oder Semi-Politologe zu Wort meldete.

Viele Leser mit kroatischen Wurzeln verteidigten das Wappen als „altes kroatisches Wappen“, das schon vor der Zeit der faschistischen Ustascha und des Unabhängigen Staates Kroatien (Nezavisna država Hrvatska – NDH), einem Vasallenstaat des Dritten Reiches, bestand.

Alt ist keine Ausrede
Auch das Hakenkreuz, die Swastika ist ein sehr altes Symbol. Jahrhunderte lang wurde es in unseren Breitengraden als Glückssymbol aus östlichen Kulturen verstanden. Im Dritten Reich wurde das Hakenkreuz zum Symbol für grausame Verbrechen. Aus diesem Grund ist die Verwendung des Hakenkreuzes in Österreich auch per Gesetz verboten. Gleiches gilt übrigens für Ustascha-Symbole.

Die Tatsache, dass es sich eindeutig um ein Symbol des Faschismus handelt, dessen öffentliche Verwendung in einer modernen, aufgeklärten und friedlichen Gesellschaft nichts zu suchen hat, wird einfach ausgeblendet. Stur wie Fiakerpferde mit Scheuklappen werden nationalistische und radikale Sichtweisen, die sie aus den Propagandamedien oder vom eigenen Elternhaus/Freundeskreis eingebläut bekommen haben, ohne nachzudenken wiedergekaut.

„Aber die anderen machen das ja auch“
Aber wehe, ja wehe, ein serbischer Künstler singt ein Lied von Baja Mali Knindža. Da springen genau jene, die das „hochheilige alte kroatische Wappen“ verteidigt haben, auf und gehen auf die Barrikaden. Sie werfen dem serbischen Pendant dann genau jene Dinge vor, die sie eigentlich auch ihren eigenen Landsleuten vorwerfen müssten: das Schüren von Hass und die Verbreitung von rechtsradikalem und nationalistischem Gedankengut mithilfe von mittelalterlichen oder gar antiken Methoden – Brot und Spiele!

Das war übrigens nur ein Beispiel, da man das Ustascha-Wappen bzw. Baja Mali Knindža durch jedes beliebige Thema und jede Volksgruppe aus jedem der Nachfolgestaaten Jugoslawiens ersetzten könnte.

Wenn man also etwas genauer darüber nachdenkt, dann wird mit diesen Artikeln gar kein Hass geschürt, sondern vielmehr werden Missstände angesprochen und aufgezeigt, die in einigen noch ganz tief verwurzelt sind und/oder noch nicht verarbeitet wurden. Mit Hetze hat das gar nichts zu tun.

„Svi smo naši“ oder „Wir reden einfach nicht drüber“
Nicht selten wird von einigen Lesern gefordert, dass man nicht mehr über diese Themen berichten und die Vergangenheit ruhen lassen solle. Dem widerspreche ich vehement. Das Schweigen und „unter den Teppich kehren“ von wichtigen und emotionalen Themen hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Lage irgendwann explodiert. Man denke nur an das Ende Jugoslawiens und die damit verbundenen Kriege. Die Nicht-Aufarbeitung der Vergangenheit (Zweiter Weltkrieg etc.) und das autokratische Regime führten dazu, dass sich das Fass immer mehr füllte, ehe es überlief.

Habt ihr zum Beispiel schon einmal darüber nachgedacht, dass das so „harmonische und friedliche“ Zusammenleben der Menschen mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien für viele nur eine richtig scheinheilige Maske darstellt? In Wirklichkeit würden Schimpfworte wie „J***m mu majku srpsku/hrvatsku/bosansku!“ und ähnliches gar nicht fallen, wenn die Nationalität oder Religion keine Rolle spielen würde – so wie ihr das immer propagiert.

Jede der Communities des ehemaligen Jugoslawiens ist sowohl in den jeweiligen Balkanländern als auch in der Diaspora Meister darin, sich selbst als Opfer darzustellen und gegen den Anderen scharf zu schießen. Dass man jedoch selbst genauso viel Dreck am Stecken hat, wird einfach schön verschwiegen. Alles zum Wohl des scheinheiligen und eigentlich fast schon ekelhaft kitschigen „Mi smo svi nasi“.

Wenn also ein heikles Thema aufgegriffen wird, so liegt das Problem nicht im Artikel selbst, sondern darin, dass die Ansicht vertreten wird „Schweigen Gold, Reden Silber“– anstatt umgekehrt. Hass wird daher nicht mit solchen Berichten geschürt, sondern damit, dass man auch 30 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens und in einem Land, das sowohl geographisch als auch ideologisch weit entfernt vom Balkan ist, keinen objektiven Diskurs über etwas führen kann, ohne in eine Abwehrhaltung zu verfallen und alles andere zu verteufeln.

Und eins noch zum Schluss – wer sich angesprochen fühlt, der darf das auch gerne, das war auch so beabsichtigt. Vor all jenen, die denken, dass es kompletter Bullshit ist, der hier steht, da sie sich damit nicht identifizieren können, möchte ich meinen Hut ziehen. Denn dann habt ihr euch mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreich aus dem Teufelskreis befreit.