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REPORTAGE

Hüter der Lüfte – 14 Greifvögel aus Serbien sorgen für den Schutz von Europas Flughäfen!

FOTO: Nemanja Milatovic

FALKNEREI. Vor fast 4.200 Jahren entstand in den Steppen Zentralasiens eine ungewöhnliche, sehr edle Beziehung zwischen Menschen und Greifvögeln, die sich Falknerei nennt. In Europa betreibt Hani Girgis aus Serbien diese Disziplin sehr erfolgreich.

Hani Girgis, professioneller Falkner aus Belgrad, öffnet uns die Haustür und führt uns in seinen Garten, aus dem uns ungewöhnliche Schreie entgegenschallen. Während aus den Nachbargärten Hühner und Hähne den warmen Sonntagmorgen begrüßen, melden sich hinter Hanis Haus Steinadler, Habichte und eine Eule. 14 Greifvögel mitten in Belgrad – das ist ein fast unwirklicher Anblick. „Der schnellste Vogel der Welt ist der Wanderfalke mit einer Sturzfluggeschwindigkeit von 350 km/h, danach kommt der Steinadler mit 250 km/h, der gleichzeitig der geschickteste Jäger ist, denn er lebt auf allen Kontinenten und ist nicht nur für eine Region typisch.“, erklärt uns Hani, der Sohn einer Serbin und eines Sudanesen, die beängstigenden Eigenschaften dieser so eleganten Vögel.

Und während das junge Steinadlermädchen Tila neugierig ihren Kopf herumdreht und gerne spielen möchte, erfahren wir, dass sie im zarten Alter von nur drei Jahren im Stande ist, in ihren Fängen ein ganzes Rehkitz davonzutragen. Woher stammen Hanis Idee und sein Mut, sich dieser Lebensaufgabe zu widmen? „Mich haben schon immer nur Tiere interessiert und ich mochte weder Sport noch hatte ich andere Hobbys. Und vor allem von den Steinadlern war ich fasziniert und habe schon als Kind Papieradler gebaut und Adlerbilder gemalt. In meiner Kindheit habe ich eine Dokumentation über einen Kasachen gesehen, der mit einem Pferd und einem Adler auf Jagd geht, und diese Dokumentation hat meinen Lebensweg bestimmt“, verrät uns Hani, der die veterinärmedizinische Mittelschule und anschließend die Fakultät für Management abgeschlossen hat.

RAUBTIER. Vögel gewöhnen sich leicht an Geräusche, aber an Raubtiere niemals.

Falknerei
Obwohl diese Disziplin in Serbien schon zu Zeiten der Nemanjiden bestanden hat, war es für Hani relativ schwer, als er begann, sich für die Falknerei zu interessieren. „Damals gab es kein Internet und dadurch konnte ich auch nur schwer mit Menschen in Verbindung treten, die mich darüber beraten konnten. Dann habe ich von eine paar Falknern gehört, habe den Kontakt aufgenommen und wir haben Erfahrungen ausgetauscht. Schwer war es auch, weil ich mich für den Steinadler entschieden habe, mit dem nur sehr wenige Menschen auf der Welt arbeiten. Aber mein Motto ist: Wenn du etwas wirklich willst, dann musst du das auch schaffen!“ Vor 11 Jahren war Hani eines der Gründungsmitglieder der „Vereinigung der Falkner Serbiens“, die eine Falknerausbildung anbietet, und in diesem Jahr hatte er die Gelegenheit, einen Gesetzentwurf für die Falknerei zu schreiben. „In Serbien gibt es sehr wenige Falkner, vor allem Berufsfalkner. Das erste Problem ist ein Mangel an Interesse und das zweite ist die Beschaffung der Vögel, denn die werden überwiegend aus dem Ausland importiert. Die Einführungsbestimmungen für Greifvögel sind sehr kompliziert. Das ist ein großes Minus, weil wir nicht in der EU sind, denn zum Ziele des Schutzes der Vogelarten bestehen Im- und Exportkontrollen. Zum Glück gibt es mittlerweile einige Zuchtstationen für Greifvögel in Serbien, wo Falkner sie erwerben können. In Österreich ist die Tradition der Falknerei hochentwickelt. Und obwohl unsere älter ist, haben wir diese Tradition aufgrund der stürmischen Geschichte nicht erfolgreich bewahrt und weiterentwickelt. In den vergangenen zehn Jahren haben wir es geschafft, alles, was verloren gegangen ist, auf hohem Niveau zurückzugewinnen, aber noch immer werden wir von Jägern, Tierschützern und anderen an unserer Arbeit gehindert. Noch immer herrscht die Meinung vor, dass Greifvögel normale Viecher sind, und die Leute begreifen nicht, wie intelligent sie sind. Aufgrund dieser Intelligenz ist es dem Menschen vor 4.200 Jahren gelungen, ein Bündnis mit diesem Tier zu schließen und mit ihm zu jagen. So ein Bündnis ist mit einem Tier, das nicht hochintelligent ist, unmöglich.“

Der biologische Schutz mit Greifvögeln ist am effizientesten und am natürlichsten. Leider wenden noch immer viele Flughäfen in Europa diese Methode nicht an. (FOTO: Nemanja Milatovic)

Auch wenn eine Beziehung zu diesen intelligenten Wesen sehr gut möglich ist, ist es schwer, sie herzustellen. Jeder Vogel hat einen eigenen Charakter, und im Unterschied zum Hund und anderen Haustieren, ist es unmöglich, sie zu beschimpfen. „Die Falknerei beruht nicht auf klassischem Training. Wenn Sie einen Greifvogel anschreien, ist die Beziehung zu ihm für immer zerstört, denn Sie haben sein Vertrauen verletzt. Der Mensch muss die Stimmung des Vogels erkennen können und sich dementsprechend verhalten. Wir sind ihre Hunde, denn wir pflegen sie sehr gut und gewissenhaft“, betont Hani und fügt hinzu, dass neben großer Liebe, Verständnis, Geduld und Disziplin auch ein bisschen Fanatismus dazugehört, damit man die Falknerei betreiben kann. „Es gibt keine konkrete Theorie, wie man sie zähmt. Die Falknerei basiert auf der Frage, wie man einen Greifvogel zur Jagd motiviert, wobei er aber gleichzeitig auch gehorsam sein soll. Man muss diese perfekte Balance zwischen ihrem körperlichen Wohlbefinden und ihrem Jagdinstinkt finden.“ Die Arbeit eines Falkners ist ausgesprochen komplex und verantwortungsvoll, und neben der reinen Zähmung und der Ernährung der Vögel ist es auch ihre Aufgabe, ihre Flugfähigkeiten zu schulen.

„Wir sind für die Vögel zugleich Vater und Mutter und machen alles, was auch ihre Eltern tun. Wir bringen ihnen das Fliegen bei, trainieren ihre Koordination zum Zwecke von Manövern und imitieren letztendlich die Natur.“ Weil wir uns überhaupt nicht vorstellen können, wie ein Mensch einem Vogel das Fliegen beibringt, interessiert uns, wie man das erreicht. „Wir bringen sie dazu, zu fliegen. In der Natur funktioniert das so: Mutter und Vater füttern den jungen Vogel, solange er im Nest ist. Wenn die Zeit kommt, dass er das Nest verlassen soll, hören sie auf, ihn zu füttern. Dann legt die Mutter Fleisch auf einen Stein, sodass der Vogel das sieht, und sie leitet ihn an, dorthin zu fliegen. Dabei hilft ihm natürlich sein Instinkt. Indem sie das Futter jedes Mal an eine andere Stelle legt, übt die Mutter mit ihm und nimmt ihm die Angst vor dem Fliegen. Greifvögel haben, wenn sie klein sind, normalerweise Angst vor der Höhe. Einem Vogel beizubringen, verschiedene Dinge zu tun, ist eine mühevolle Arbeit. Und am schwersten ist es, ihnen beizubringen, in Flugzeughallen zu jagen.“

Vorurteilen über die Falknerei als Disziplin, die die Freiheit der Vögel einschränkt, entgegenzutreten, ist die Aufgabe des Weltverbands der Falknerei (IAF), bei dem auch die „Vereinigung der Falkner Serbiens“ Mitglied ist. „Die IAF schützt alle Falknereivereinigungen, denn die Falknerei steht unter dem Schutz der UNESCO. Für die Vögel ist das Leben bei einem Falkner sehr gut, denn alles, was sie tun müssen, ist fliegen und jagen, genau wie in der Natur. Wir halten sie nicht in Käfigen gefangen. Sie sind immer aktiv, wir lassen sie fliegen und dabei erhalten sie die bestmögliche Pflege. Darum kommen sie nach der Jagd zu uns zurück. Sie haben gelernt, dass ihr Leben beim Menschen leichter ist. Ein Adler wird in der Natur bis zu 30 Jahre alt und bei einem Falkner bis zu 60. Der Vogel könnte wegfliegen, wenn ich ihn freilasse, aber das tut er nicht, denn er braucht mich. Das ist die einzige Arbeitstechnik, bei der das Tier nicht eingeschränkt wird.

Das junge Adlermädchen Tila wird überwiegend für die Jagd eingesetzt. Die durchschnittliche Lebenserwartung ihrer Art beträgt in der Natur 30 und bei einem Falkner 60 Jahre. (FOTO: Nemanja Milatovic)

Biologischer Schutz
Obwohl sie zum Zwecke der Jagd entwickelt wurde, wird die Falknerei heute als Methode des biologischen Schutzes von landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Gütern, Sportplätzen und Flughäfen eingesetzt. So arbeiten Hani und seine Vögel in ganz Serbien und schützen unterschiedliche Flächen vor kleinen Vögeln, die großen Schaden anrichten können. In ganzjähriger Tätigkeit passen die Habichte, Adler und die Eule auf, dass kleine Vögel nicht in die Triebwerke von Flugzeugen geraten und Abstürze hervorrufen. „In den letzten Jahren hat sich in Serbien das Bewusstsein für biologischen Schutz sehr entwickelt. Alles hat mit „Jat-Tehnika“ begonnen, einer Firma zur Wartung von Flugzeugen am Flughafen „Nikola Tesla“ in Belgrad. Weil die „Jat-Tehnika“ mit unseren Resultaten zufrieden war, hat sie uns weiterempfohlen. Heute schützen wir viele Orte, arbeiten in Sporthallen wie der Arena, an Zollterminals, Parkplätzen, Golfplätzen, Flughäfen. Wo immer Vögel irgendein staatliches Wirtschaftsgut gefährden, ist es unsere Aufgabe, die Situation zu lösen“, erklärt Hani und beschreibt uns, wie die Greifvögel bei „Jat-Tehnika“ arbeiten:

„Ich richte einen solchen Rhythmus ein, dass jeder Vogel alle zwei Tage aktiv ist. Ich bringe sie mit dem Auto in den Hangar und lasse sie dort frei. Sie fliegen den gesamten Platz ab und vertreiben die Vögel. Wir haben keine bestimmten Arbeitszeiten. Am schwersten ist es im Sommer, denn die Greifvögel vertragen die Hitze schlecht. Und alles hängt auch von der Zahl der schädlichen Vögel ab. Im Durchschnitt arbeiten pro Tag ein oder zwei Vögel, seltener auch fünf oder sechs. Im letzten Jahr gab es am Flughafen von Vršac viele Möwen, da mussten wir die Zahl der Greifvögel erhöhen. Ein Vogel kann aufgrund der großen Geschwindigkeiten, d.h. der Sprints, und des hohen Energieverbrauchs nicht den ganzen Tag fliegen, darum müssen wir sie immer wieder austauschen, damit sie sich nicht überhitzen. Das Vertreiben der Vögel von den Start- und Landebahnen erfolgt vom Auto aus. Wir lassen die Vögel bei hoher Geschwindigkeit aus dem Autofenster fliegen. Dafür wird der Falke verwendet, ein Langstreckenflieger, und der Adler, der keine Vögel jagt, aber mit seiner bloßen Erscheinung Furcht einflößt. In den Hangarn verwende ich Habichte. Sie sind geeigneter, denn sie sind Waldjäger. Der Habicht ist ein Vogel mit geringer Flügelspannweite, der zwischen Zweigen manövrieren kann. In den Hangarn findet er „Wälder aus Eisen“ vor, d.h. Metallkonstruktionen, die das Dach stützen. Aber man muss die Vögel immer kombinieren. Die Eule sieht z. B. sehr süß aus, ist aber einer der erfolgreichsten Jäger. Kein Vogel ruft bei anderen Vögeln so viel Angst hervor wie die Eule, denn ihre Angriffe sind zu 90 % erfolgreich.“ Hani fügt hinzu, dass seine Firma die Verminderung unerwünschter Vögel um 99 % verspricht.

UNENDLICHES VERTRAUEN UND UNGEHEURE LIEBE
Wir sind für den Vogel gleichzeitig Vater und Mutter. Alles, was seine Eltern in der Natur tun würden, machen auch wir. Wenn Sie einen Vogel einmal beleidigen, ist Ihre Beziehung kaputt. (FOTO: Nemanja Milatovic)

„Wir können keine 100 Prozent garantieren, denn der Himmel ist unendlich und offen. Natürlich wird da dann und wann eine Taube vorbeikommen. Aber das ist unerheblich, das merkt man gar nicht. Einmal ist es passiert, dass wir drei Monate lang keinen einzigen Schwarm hatten.“ Warum ist der biologische Schutz so viel erfolgreicher als andere Methoden? „Es sind verschiedene Methoden zur Vertreibung von Vögeln eingesetzt worden: auch Laser- und Geräuschmethoden. Aus einem einfachen Grund hilft nichts so gut wie der biologische Schutz. Kehren wir einmal in die Geschichte der Evolution zurück. Was hat eine Krähe in ihrem genetischen Code? Dass sie essen und sich vermehren muss, dass sie im Schwarm eine bestimmte soziale Rolle spielt und dass sie vor Greifvögeln fliehen muss. Das ist ihnen einfach angeboren. Darum macht ihnen ein Greifvogel den größten Stress. Viele Jahre haben wir die Intelligenz der Vögel studiert, um herauszufinden, wie wir ihnen einen Schritt voraus sein können. Alle Vögel sind intelligent, nicht nur die Greifvögel, und sie können bestimmte Verhaltensmuster sehr schnell erkennen. Darum muss man verschiedene Methoden und auch die Greifvögel immer kombinieren. Sobald ich mit meinem Auto auf ein Flugfeld fahre, meldet die Späherin den anderen Krähen, dass wir da sind. Dann sind wir auf die Idee gekommen, dass wir alle das gleiche Auto fahren, um sie zu verwirren, damit sie ständig Angst vor den Greifvögeln haben.“ Obwohl viele denken, dass das eine Tötung der kleinen Vögel ist, nennt sich der biologische Schutz biologisch, weil es sich nicht um eine künstliche Bedrohung der Tiere und der Natur handelt.

„Der Falkner ist nur Beobachter. Wir lassen die Vögel jagen. Natürlich jagen wir keine geschützten Vögel, aber solche Vögel gibt es auch nicht auf Flughäfen. Der biologische Schutz widerspricht dem Schutz bedrohter Arten nicht, denn wir töten die Vögel nicht. Wenn sie gefangen werden, dann passiert das ganz einfach auf natürlichem Wege, so wie sie irgendwo in der Wildnis auch von Raubtieren gefressen werden könnten.“ Damit ein Falkner diesen biologischen Schutz ausüben kann, muss er eine Lizenz erwerben. Das setzt voraus, dass er die Vogelarten erkennen kann, die sich auf einem Flughafen befinden, dass er die Kommunikation mit dem Kontrollturm beherrscht und dass er seine Greifvögel absolut unter Kontrolle hat, damit sie nicht zufällig in eine Flugzeugturbine geraten. „Leider hat „Nikola Tesla“ keinen biologischen Schutz. Wir arbeiten bei „Jat-Tehnika“, aber das ist eine andere Firma direkt neben dem Flughafen. Nur ein Drahtzaun trennt uns. Auf der einen Seite des Zauns leben Millionen Vögel, auf der anderen Seite ist die Apotheke! Der Flughafen betreibt seine Vogelkontrolle mit Lichtern und Geräuschsignalen, die nicht genügend effektiv sind. Die Vögel fliegen ganz ruhig um einen Airbus herum, der ein sehr lautes Geräusch hat, und dann meint man, dass Geräuscheffekte sie abschrecken könnten! Im vergangenen Jahr gab es etwa 40 Kollisionen mit Vögeln. Aber auch der Wiener Flughafen hat keinen biologischen Schutz. „Österreich ist voll von Vögeln, denn es hat eine reichhaltige Flora und fruchtbares Land. Obwohl sie eine hochentwickelte Falknereitradition haben, führt niemand einen biologischen Schutz durch, was meiner Meinung nach dringend nötig wäre“, betont Hani, der in Österreich auf der Burg Rosenburg gearbeitet hat, wo die alte Tradition der Falknerei durch Ausstellungen und Vorführungen mit Greifvögeln gefördert wird.

FOTO: Nemanja Milatovic